Rezension

Tooor in Dortmund!

Guter Fussballkommentar ist rar – oder nicht? Das Buch «Die dramatischsten Schlusskonferenzen aus 50 Jahren Bundesliga» zeigt, wie Spannung und Stimmung gekonnt aufgebaut werden. Hören Sie rein.

Leiden am Mikrofon: Radio-Legende Günther Koch.

Leiden am Mikrofon: Radio-Legende Günther Koch.

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Die Leistung des Kommentators ist bei Fussballspielen fast genauso wichtig wie diejenige der Spieler. Zumindest kommt ihr ähnliche Beachtung zu, gerade in der Schweiz, die nicht mit Ausnahmerhetorikern gesegnet ist. Wo es am Kommentar gar nichts auszusetzen gibt, ist bei der Radio-Bundesligakonferenz der ARD. Hierzulande wenig bekannt, entzückt die Konferenz seit 1963 jeden Samstag Bundesliga-Fans.

Verschiedene Kommentatoren berichten in einer Parallelschaltung sekundenschnell über die Schlussphasen der gleichzeitig stattfindenden Partien. Reporterlegenden wie Manni Breuckmann, Werner Hansch oder Günther Koch machen seit Jahrzehnten das Unsichtbare für Millionen anschaulich: den Elfmeter von Kutzop, den Abstiegskrimi von 1999, das späte Tor von Patrick Andersson. Nirgends werden Stimmung und Spannung gekonnter aufgebaut.

«Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund»: So tönte es mit Grabesstimme am letzten Spieltag der Saison 1998/99 in der berühmtesten und dramatischsten Schlusskonferenz der Bundesligageschichte aus dem Radio. Im Frankenstadion sass Günther Koch vor dem Mikrofon und konnte es nicht fassen, dass sein Verein den sicher geglaubten Klassenerhalt noch verspielte. «Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen», winselte er am Mikrofon.

Unübertreffliche Dramaturgie

Diese und andere dramatische Schlusskonferenzen aus 50 Jahren Bundesliga sind nun im Buch «Tooor… in Deutschland!» nachzulesen. Liest man die Reportagen, passiert dasselbe wie beim Hören: In Ermangelung des bewegten Bilds entwickelt sich das Spiel im Kopf des Zuhörers. «Man sieht ja mit den Ohren – und das ist das Schöne daran» – so hat Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher die Faszination der Schlusskonferenz beschrieben. Besondere Spannung entwickelt sich immer dann, wenn der Sportreporter einen Torerfolg ausruft, und zwar in der inzwischen Kult gewordenen Manier, die erfolgreiche Mannschaft nicht zu erwähnen: «Tor in Dortmund!»

Es ist ein Radiokonzept aus einer anderen Zeit. Spannung und Dramaturgie sind unübertrefflich – nicht nur für all diejenigen, die am Wochenende in ihrem Gartenhäuschen oder im Auto sitzen. Rund 9,7 Millionen hören laut ARD regelmässig zu. Und das, obwohl die Spiele zeitgleich auf dem Pay-TV-Sender Sky gezeigt werden, auf diversen Live-Tickern im Internet verfolgt werden können und die ARD-«Sportschau» später Ausschnitte aus den Begegnungen zeigt.

«Tooor… in Deutschland!» ist auch ein Wiedersehen mit Reportern, die inzwischen gestorben, pensioniert oder zum Fernsehen gewechselt sind. Ruhrpottlegende Werner Hansch zum Beispiel oder Heribert Fassbinder («Abend allerseits») und Gerhard Delling. Apropos Reporter: Die sind bei den Konferenzen gehalten, sich kurz zu fassen, besonders, wenn ein Spiel entschieden ist. Aber das gelinge nicht immer, sagte Kommentator Manni Breuckmann einst in einem Interview. «Es gibt halt Profilneurotiker, die meinen, sie berichteten vom wichtigsten Spiel des Tages, und die den anderen dann im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit stehlen.» Dann müsse man die Moderation wieder an sich reissen – mit einem eingeworfenen «Freistoss in Duisburg» zum Beispiel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2013, 11:56 Uhr

Konferenz Abstiegskampf 1999

Konferenz 38. Spieltag 1992

Günther Koch und der schwarze Samstag

«Tooor in Deutschland! Die dramatischsten Schlusskonferenzen aus 50 Jahren Bundesliga». Herausgegeben vom WDR 2. Suhrkamp, 2013. ISBN: 978-3-518-46428-1.

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