«Über Beyoncé muss man lachen können, sonst ist man blöd»

Musiker und Kabarettist Helge Schneider erzählt von der Rebellion gegen sich selbst und die Ursprünge seines Humors.

«Diese Akademisierung von Kunst ist doch absoluter Schwachsinn»: Helge Schneider im Dracula Club, St. Moritz. Foto: Henry Schulz

«Diese Akademisierung von Kunst ist doch absoluter Schwachsinn»: Helge Schneider im Dracula Club, St. Moritz. Foto: Henry Schulz

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Sie haben mal gesagt, dass Sie als Künstler ständig gegen sich selbst rebellieren würden. Können Sie das erläutern?
Ja ... Aber eigentlich: neee. Ich hab jetzt keine Zeit. Ich bin gestern zehn Stunden mit dem Bus hier raufgefahren. Jetzt muss ich mich ausruhen. Können wir ein andermal sprechen? Morgen?

Mit «hier» meint er St. Moritz. Seit einigen Jahren beschliesst Helge Schneider das Festival da Jazz. In diesem Jahr hat Schneider von seinem Wohnort im Ruhrgebiet eigenhändig unzählige Instrumente in die Bündner Berge herangekarrt. Er will sie alle auf einer kleinen Clubbühne aufstellen. Das Projekt scheint den Deutschen nun aber stark zu beschäftigen. Am nächsten Tag sitzt er auf der Terrasse des 5-Stern-Hotels Kulm in der Sonne und will noch immer nicht reden. «Is ja Arbeit, so ein Interview. Und ich muss mir jetzt wegen der Bühne Gedanken machen. Wo kommen all die Instrumente genau hin, verstehen Sie? Vielleicht könnten wir morgen nach dem Soundcheck.»

Es sollte auch beim dritten Versuch nicht klappen. Dafür kommt es in diesen drei Tagen zu unverbindlichen Plaudereien mit dem Musiker, der als «singende Herrentorte» seit über 25 Jahren Erfolge feiert. Schneider bleibt freundlich – aber ist schwierig zu greifen. Alles ist beim 63-Jährigen im Fluss, vieles passiert aus dem Moment heraus. Es muss für ihn stimmen. Einen solchen Moment gibts schliesslich eine Woche später. Helge Schneider meldet sich von zu Hause aus per Telefon. Er hat jetzt Zeit – und Lust – auf ein Interview.

Sie haben Ihr Konzert in St. Moritz akribisch vorbereitet. Danach aber improvisiert. Gehen Sie immer so vor?
Ich will schon ganz genau wissen, wo der Kontrabass hinkommt. Oder ich lege die Reihenfolge der Lieder fest. Aber den Rest lasse ich offen. Immer. Das ist ganz zentral.

Warum?
Nur so bleibts spannend. Ich muss ins Freie hinauskönnen. Keine Regeln, keine Vorgaben, nicht zu viel nachdenken.

Die Absturzgefahr ist aber auch entsprechend gross, oder?
Ich bin schon oft abgestürzt, ja. Aber man darf keine Angst haben.

So etwas wie ein Lebensmotto?
Ich werde nächste Woche 64 Jahre alt und habe mir eine gewisse Freiheit erarbeitet. Und das geht nur, wenn man mutig ist; sich mit dem Unmöglichen auseinandersetzt, seine eigenen Vorstellungen stets anzweifelt und sogar über den Haufen wirft.

... und gegen sich selbst rebelliert.
Genau. Es geht doch darum, dass man nicht auf dem stur beharrt, was man gelernt hat. Diese Akademisierung von Kunst ist doch absoluter Schwachsinn. Ich sehe heute vor allem Künstler, die sich am Bestehenden orientieren. Ich glaube aber, dass es gerade nicht so sein sollte. Wenn ich mit meinem zehnjährigen Sohn Charly musiziere, höre ich, wie frei er ist. Sein Spiel am Schlagzeug ist total abenteuerlich. Von ihm lerne ich.

Aber mit totaler Freiheit lassen sich kaum ganze Konzertsäle füllen.
Natürlich braucht es auch Können. Die Leute sehen ja, dass ich Instrumente spielen kann. Und es braucht Timing. Ganz wichtig.

Warum?
Ein Musiker braucht einfach ein Gespür für den richtigen Moment. Wann ist es Zeit für ein Solo? Wie lange kann eine Ansage sein? Ein Witz? Dieses Timing hat man oder nicht.

Es ist also nicht lernbar.
Nur bedingt. Wenn man nicht schnell im Kopf ist, wirds schwierig. Wie im richtigen Leben.

«Ich wollte eigentlich immer nur spielen. Geübt habe ich nur wenig, ich bin ja von Natur aus faul.»

Wer hat Ihnen das Timing vererbt?
Wohl mein Vater. Er hatte einen Buckel, war nur ein Meter fünfzig gross. Aber er war kackfrech. Im Ruhrpott war er bekannt wie ein bunter Hund. Mein Vater war Revisor für Telefonanlagen und mit allen per Du – auch mit den Bossen der grossen Firmen.

Sie sind in Mülheim aufgewachsen, mitten im Ruhrgebiet. Ihr Humor – kommt er von dort?
Nun, der Pott war in den 60er-Jahren ein dreckiges Loch. Wir hatten hinter unserem Haus einen Hügel – der Aushub der nahen Stahlwerke. Wenn meine Mutter dort Wäsche aufhängen wollte, war sie danach schwarz. Es gab also nicht viel zu lachen, aber genau so entsteht Humor.

Waren Sie schon immer ein lustiger Kerl?
Es gab da gewisse Entertainerqualitäten, ja. Aber was sicher ist, dass ich schon früh meinen eigenen Kopf hatte. So wollte ich als 12-Jähriger unbedingt meine eigene Jeans, kriegte sie aber nicht. Darum zog ich einfach jene meiner älteren Schwester an, dazu ein Hemd, in das ich mit einer Zigarette diverse Löcher brannte, um einen individuellen Touch zu bekommen. Ich war also so ­etwas wie ein Modedesigner.

Klingt freakig. Wie überlebt man da in der Schule, auf dem Pausenplatz?
Ich bin geflohen – mit 14 Jahren. Ich hab da einfach keinen Sinn drin mehr gesehen. Auch als ich dann später doch an ein Konservatorium ging, um Klavier zu studieren, änderte sich diese Sichtweise im Grunde genommen nicht. Nach zwei Semestern war auch da Schluss.

Sie hatten danach diverse Jobs. Sie waren auch einmal Strassenkehrer. Was lernt man da?
Es war nicht sonderlich kompliziert, wenn Sie verstehen. Man konnte dabei denken und gleichzeitig war man perfekt. Aber diese Arbeit war auch gefährlich: Man musste nicht umsonst Warnwesten tragen und damals auch Warnkappen. Und in dieser Vermummung musste ich dann an der Mädchenschule Papier picken. Da habe ich gekündigt.

Wie haben diese Erfahrungen Sie geprägt?
Ich würde behaupten, dass ich auf dem Boden geblieben bin, Statussymbole, Luxus bedeuten mir nicht viel. Ich verstehe mich als Handwerker, der ständig an der Arbeit ist.

In St. Moritz ist bei seinem Besuch stets ein Zimmer im Kulm gebucht. Das Zimmer im Luxushotel bleibt oft ungenutzt. Denn bisher ist Helge Schneider mit seinem eigenen kleinen Wohnwagen angereist, um darin zu übernachten. Den Wagen stellt er jeweils direkt vor das Konzertlokal hin. So habe er sein eigenes Bett direkt neben der Bühne, sagte Schneider einst dazu.

Helge Schneider entzieht sich gern den Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Trotz zahlreichen Angeboten hat er noch nie für etwas geworben – aus Überzeugung und weil er darauf einfach keinen Bock habe, sagt er. Und er lebt seit Jahren in einem unprätentiösen Haus in Mülheim an der Ruhr, seinem Geburtsort.

Wie wurde eigentlich aus einem seltsam gekleideten jungen Mann aus dem Ruhrpott ein Jazzer?
Ich war schon früh in vielen verschiedenen Bands. Ich wollte eigentlich immer nur spielen. Geübt habe ich nur wenig, ich bin ja von Natur aus faul. In Düsseldorfer Clubs habe ich dann Grössen wie Duke Ellington oder Dexter Gordon gesehen. Aber auf einen wie den Helge aus dem nahen Mülheim hat dort in der Stadt niemand gewartet. Als ich dann aber in der 70ern mit Charly Weiss das Duo El Snyder & Charly McWhite bildete, sahen wir, dass wir Quatsch machen konnten und dass das eine gewisse Resonanz ergab. Wenn wir an einem Abend drei Zuschauer hatten und am nächsten acht, dachten wir: Es geht aufwärts.

Quatsch und Jazz. Das passt für die meisten nicht zusammen. Gab es Menschen, die Ihnen die Ernst­haftigkeit als Musiker absprachen?
Vielleicht. Aber ich hab das nie wichtig genommen. Ich habe einfach immer nur das gemacht, was ich gern mache. Und dazu gehört eben auch, Geschichten zu erzählen.

Sie haben sich eigentlich Ihren Job selbst erschaffen. Mit der Verbindung von Jazz und Comedy stehen Sie aber ziemlich allein da. Warum?
Ehrlich gesagt, erstaunt mich das ein wenig. Es gab Jerry Lewis oder den Dänen Victor Borge, der Witze über Adolf Hitler machte und dann in die USA emigrieren musste. Aber sonst sehe ich da nicht viel guten Quatsch im Jazz. Offenbar will oder kann das niemand sonst.

Vielleicht weil Quatsch mit Blödelei gleichgesetzt wird?
Natürlich ist das eine Gratwanderung. Das gilt auch für mich.

Seit Ihrem «Katzeklo»-Auftritt 1994 in der Sendung «Wetten, dass ...?» sind Sie auch dem Massenpublikum ein Begriff. Wie gehen Sie damit um, dass die Leute vor allem den komischen Kauz sehen wollen und nicht den Jazzer?
Ich mache da keinen Unterschied zwischen Musik und Geschichtenerzählen.

Aber wenn Sie mal an einer Show fünf Minuten nichts Lustiges erzählen, werden doch die Leute ungeduldig.
Na ja, das ist dann halt eben so. Ich ­stelle Lustigkeit ja nicht künstlich her. Letzthin sassen ein paar besoffene ­Typen in der ersten Reihe und riefen ständig meinen Namen. Das waren zwar Fans, aber sie störten gewaltig. Da muss man dann halt unlustig werden. «Haltet s Maul!»

Kürzlich haben Sie sich kritisch zu Boris Johnson geäussert und den britischen Premier als zweiten blonden Fiffy bezeichnet. Ansonsten halten Sie sich mit politischen Äusserungen eher zurück. Warum?
Weil meine Kunst bereits ein Statement ist. Da gehts um Ungehorsamkeit, Freiheit, Individualität. Es ist das, was ich mit meiner Arbeit vermitteln will.

Sehen Sie in der heutigen Musik diese Werte vertreten?
Boahh, grosse Frage. Weiss ich nicht. Was mich wirklich aufregt: Es werden ständig neue Legenden erschaffen, Ikonen künstlich erzeugt. Und diese Ernsthaftigkeit. Über eine wie Beyoncé muss man doch auch lachen können, sonst ist man blöd.

Nach über einer Stunde Gespräch mag Helge Schneider nicht mehr weiter­reden. «Is ja Arbeit.» Auch über sein neues Album «Partypeople (beim Fleischer)» will er keine Worte mehr verlieren. Er müsse jetzt Tomaten schneiden. Für eine Sauce. Das ist jetzt im Moment wichtig.

Erstellt: 24.08.2019, 14:23 Uhr

Schräger Vogel fürs Massenpublikum

Helge Schneider ist seit einem Vierteljahrhundert einer der bekanntesten Entertainer im deutschsprachigen Raum. Er hat abstruse Hits wie «Katzeklo» oder «Es gibt Reis, Baby» kreiert, Filme gedreht, Bücher geschrieben. Jüngst ist sein neues Album «Partypeople (beim Fleischer)» erschienen. Schneider, er hat sechs Kinder von vier Frauen, tourt kommenden Mai durch die Schweiz. Im August 2020 spielt er wieder am Festival da Jazz. (cix)

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