Hintergrund

«Und kein Wasser, nichts»

Vor 70 Jahren eskalierte die Schlacht um Stalingrad. Bislang unbekannte sowjetische Augenzeugenberichte dokumentieren, wie sie Mensch und Stadt verheerte.

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Stalingrad war das «Zeichen an der Wand» – so nennt es der deutsche Historiker Jochen Hellbeck, Autor der letzte Woche erschienenen Monografie «Stalingrad-Protokolle». Als Stalins Truppen in der Wolgastadt die komplette 6. Armee der Nazis einkesselten und danach in einem brutalen Häuserkampf abwürgten, war das der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Von da an ging es im Osten fast nur noch nach Westen.

Die Geschichtswissenschaft widmet der Schlacht, die vom August 1942 bis Februar 1943 dauerte, über 700'000 Menschen das Leben kostete und die Stadt zerstörte, schon seit langem grosse Aufmerksamkeit. Jochen Hellbecks «Protokolle» könnten die Stalingrad-Forschung nun revolutionieren. Hellbeck erhielt Zugang zu Unterlagen, die bislang in den russischen Archiven unter Verschluss gehalten wurden: Noch während der Kampfhandlungen reiste eine Gruppe Moskauer Historiker nach Stalingrad, um die bereits zu diesem Zeitpunkt als epochal wahrgenommene Schlacht zu dokumentieren. Die Historiker stiegen, begleitet von einer Stenografin, in Schützengräben, sie besuchten Gefechtsstände, und sie trafen sich mit einfachen Soldaten ebenso wie mit Oberbefehlshabern wie Wassili Tschuikow, dem legendären Kommandeur der 62. sowjetischen Armee.

Einfaches Erzählen

Die ausführlichen Protokolle geben Aufschluss über akute Probleme und unmittelbare Aktionen der Rotarmisten. So interviewte Esifra Genkina am 28. Februar 1943 beispielsweise den Soldaten Alexander Parchomenko. Dieser war Mitglied jener motorisierten 38. Schützenbrigade, die am 31. Januar 1943 den obersten Heeresführer der geschlagenen Deutschen, Feldmarschall Paulus, festgenommen hatte. Parchomenko spricht einfach von den Kampfhandlungen:

«Am 23. August 1942 gab es einen schweren Luftangriff auf uns. Vorweg flogen vier Flugzeuge; zwei bombardierten, zwei holten neue Ladung. Die einen flogen schon weg, die anderen kamen gerade wieder. Staub erhob sich. Unter dem Staub näherten sich deutsche Panzer. Die ganze Zeit kreisten die Flugzeuge. Wissen Sie, in der Festung Stalingrad war ja ein ungeheurer Staub, ganz unglaublich, und kein Wasser, nichts.»

«Lügengeschwätz ist das grösste Unheil für uns»

Parchomenkos Schilderung wirkt nicht heroisch. So gibt der Soldat einmal zu, wie er «dummer Kerl aus Feigheit den Kopf verlor», als sein Zug von deutschen Bombern attackiert worden war. Die Sowjetzensur hatte gute Gründe, Gespräche wie jenes mit Parchomenko zu verheimlichen – gerade auch, weil die Offiziere der Roten Armee in den Protokollen nicht immer gut wegkommen. So berichtet Parchomenko von einem «wenig erfahrenen Leutnant», der einen Panzer mit blossen Benzinflaschen attackierte. Nachdem die Aktion erwartungsgemäss ohne Erfolg geblieben war, sprang er in einen Schützengraben. Sein Ende kam so abrupt wie grausam: «Ein Panzer fuhr dorthin, drehte sich etwa fünfmal und zerquetschte ihn», erzählt Parchomenko lakonisch.

Neben einfachen Soldaten wie Parchomenko kommen auch hohe Offiziere zu Wort. So Wassili Tschuikow, der nach Stalingrad zur Kriegslegende und zum «Helden der Sowjetunion» gemacht wurde und der bis ins hohe Alter von seinem Renommee als Kommandeur der 62. Armee zu zehren vermochte, nicht zuletzt dank seiner zahlreich verkauften Memoiren. Das Gespräch mit Tschuikow führte der Historiker Beikin am 5. Januar 1943. Der Generalleutnant wirkt nervös, und auch er kritisiert Offiziere, teils namentlich. «Lügengeschwätz ist das grösste Unheil für uns», ereifert er sich, «Lügengeschwätz und Führungsschwäche wegen mangelhafter Orientierung unserer Kommandeure.»

Breites militärisches und soziales Spektrum

Den Sieg schon vor Augen beginnt Tschuikow, die Kämpfe zu reflektieren; er weiss bereits, dass er und seine Truppe in die Geschichte eingehen. Der Militär wirkt jedoch nicht übermütig – im Gegenteil. «Es gibt keine Helden, die gar keine Angst hätten», sagt er. «Niemand sieht, niemand weiss, was Tschuikow macht, wenn er allein ist, wenn es keine Zeugen gibt, wenn man nicht sieht, wie sein Hirn arbeitet.»

Es sind diese Unmittelbarkeit und das breite militärische und soziale Spektrum der Protokolle, die dem Laien tiefe Einblicke in das blutige Ringen um Stalingrad ermöglichen. Welchen Wert die Dokumente für Historiker haben können, wird sich in den kommenden Jahren, wenn sie als Quelle für Doktorarbeiten und Habilitationen zugezogen werden, erst noch zeigen müssen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2012, 16:27 Uhr

Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle. Fischer-Verlag, Oktober 2012. 608 S., Fr. 41.90. ISBN 978-3100302137.

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