«Das Leben gewinnt dadurch,
dass es endlich ist»

Am Mittwoch ist Urs Widmer gestorben. Die Schweizer Literatur verliert einen einzigartigen Fabulierer.

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Wenn ein neues Buch von Urs Widmer erschien, las man es meist mit einem Lächeln auf den Lippen. Ob er es auch lächelnd geschrieben hat? Das ist kaum anzunehmen. Grosse Kunst löscht ja die Umstände, unter denen sie entstanden ist, aus. Mozarts Sinfonien enthalten Freuden und Schmerzen seines Lebens, aber vollkommen sublimiert und verwandelt, ein Trost für den glücklichen wie den leidenden Zuhörer. Auch durch Urs Widmers Bücher – ein kühner Vergleich – gleitet man dahin, durch Dur und Moll, ohne viele Gedanken daran zu verschwenden, wem oder was sie abgewonnen, abgerungen wurden.

Ein bisschen mehr darüber hat man aus seinem letzten Buch erfahren können, der autobiografischen «Reise an den Rand des Universums», das im letzten Herbst erschienen ist und, wie man nun weiss, sein Vermächtnis ist. Urs Widmer wuchs auf als Kind eines hochproblematischen, gewissermassen manisch-depressiven Elternpaars. Die Mutter in sich versponnen, immer wieder in der Psychiatrie, der Vater, besessen von Literatur, vollkommen von seiner Übersetzungsarbeit absorbiert. Sie hackte Unkraut, er in seine Schreibmaschine, dazwischen das Kind, das sich fragen muss, was beide noch zusammenhält. Die Antwort gibt er in diesem Buch: «Ich brauchte beide. Das vielleicht.»

Der innere Schlund

Die Folge dieser Position als auf den Kopf gestellte Spitze des Psycho-Dreiecks: Depressionen und Panikattacken, die Urs Widmer jahrzehntelang quälen. «Ich hatte das Gefühl, von mir selber in mich hineinverschlungen zu werden», beschreibt er den Zustand, den langwierige Therapien allmählich erleichtern helfen. Von aussen betrachtet, eine stabile Existenz: Fast ein halbes Jahrhundert ist er mit May verheiratet, einer Psychoanalytikerin; auch seinem Verlag, Diogenes in Zürich, ist er vom ersten Buch an treu geblieben. Ein der Literatur ganz und gar verschriebenes Leben – als Leser, als Dozent und Lektor, schliesslich als Autor von rund drei Dutzend Bänden mit Erzählungen, Romanen, Theaterstücken.

Es ist keine küchenpsychologische Anmassung, wenn man das Schreiben als eigentliche Rettung vor dem drohenden inneren Schlund ansieht. Dass sie geglückt ist, zeigt die Bilanz, mit der er die Autobiografie abschliesst: Der Gewinn des Alters sei es, «zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast, so lustvoll wie möglich und so schmerzhaft wie nötig».

Das Werk als Wunscherfüllungsmaschine

Der Tod ist sehr präsent in Urs Widmers Werk, offen oder subkutan. An ihn zu denken, bedeutete für ihn: an das Leben zu denken. «Das Leben gewinnt dadurch, dass es endlich ist», sagte er einmal dem «Tages-Anzeiger» in einem Interview. Nicht Unsterblichkeit sei zu wünschen, sondern «dass wir während dieses Lebens alles mit der grösstmöglichen Intensität unter wirklich humanen Bedingungen tun könnten». Der Konjunktiv deutet an, für wie schwer er die Erfüllung dieses Wunsches hielt. Sein Werk kann man als Wunscherfüllungsmaschine deuten: nicht im Sinne eines billigen Eskapismus, sondern als Entfaltung eines unendlichen Panoramas von Möglichkeiten.

Urs Widmers sechster Sinn, literarisch natürlich der erste, war der Möglichkeitssinn. Formal Realist, war Widmer inhaltlich immer Fantast, der Gott Potenzialis sein Schutzherr. Was ist, könnte auch anders sein, für einen Augenblick, einen Traum, ein Buch lang. Ein Satz wie «Ich weiss nicht mehr, wann ich dies erlebte: kürzlich jedenfalls, gestern vielleicht, jeden Tag» am Anfang einer Erzählung zeigt, was die Stunde geschlagen hat: etwa dreizehneinhalb. In dieser Zauberzeit kann man in einen Zug einsteigen und erleben, wie sich die Welt im Eisenbahntempo dreht, auseinanderfällt, neu zusammensetzt, und beim Ausstieg ist alles anders, zuallererst man selbst.

Wie jeder fantastische Autor rivalisiert Widmer mit dem Weltenschöpfer: durch die Vielzahl seiner Entwürfe, die den Regeln, die sie aufstellen, folgen müssen. Auch im Reich der Fantasie herrscht keine Willkür! Aber eine eigentümliche Zwischenform von Fakt und Fantasie, die so friedlich koexistieren wie Löwe und Lamm im Paradies.

Ordentlich durchgeschüttelt wird auf der Lektürereise auch der Leser, weil ihn der Autor durch die Ichform, die er gern aufs Waghalsigste praktiziert, mit ins Boot nimmt. So wird er in die 8-Zentimeter-Existenz eines Gummizwergs gepresst («Mein Leben als Zwerg») oder in die zynischen Sätze eines Tyrannen («Macht und Ohnmacht»), wie sich Widmer überhaupt gern von vorhandenem Sprachmaterial inspirieren liess – von den trivialen Genrevorlagen, die er so liebte, bis zum orwellschen Lügensprech der Finanzwelt (in «Top Dogs», seinem Erfolgsstück).

Mit Sätzen Räume aufreissen

Am liebsten aber inszenierte Urs Widmer sich selbst – in immer anders verfremdeten Varianten. Eine der schönsten ist der Schriftsteller in der Erzählung «Paradies des Vergessens», der einen dicken 500-Seiten-Roman nur verfasst, um ihn zu verlieren, weil in der Erinnerung alles schöner ist als in der Wirklichkeit, auch die Bücher, und der ihn gegen seinen Willen immer zurückerhält, bis er schliesslich seinem Verleger vom Gepäckträger seines Velos rutscht – dieser Verleger ist eine herrliche Hommage an Diogenes-Gründer Daniel Keel, den er damit unsterblich gemacht hat, wenn er es nicht schon wäre. Die Erzählung enthält die ganze widmersche Poetik. Und erklärt en passant, warum er den wuchtigen Grossroman, die mehrbändige Generationensaga, die epische Bewältigung der Schweiz nie geschrieben hat.

Ein Kleinmeister war er deshalb mitnichten, auch wenn seine Bücher selten die 250-Seiten-Marke rissen. Warum auch. Widmer riss dafür mit einem einzigen Satz Räume auf, die andere Autoren mit ganzen Romanlängen nicht durchwandern können. Er war ja auch ein grosser Kindskopf, und aus der kindlich-göttlichen Vorstellung «Ich sage, wie es ist, und dann ist es so» schlug er die wunderbarsten literarischen Funken. Simsalabim – und die Welt ist eine andere. In der können Vater und Sohn die Plätze tauschen, über fünfzig Jahre und zwei Städte hinweg («Der blaue Siphon», vielleicht das Allerschönste, was er ersonnen hat). In der leben und kommunizieren Farben (wie in der GenesisAlternative «Yal, Chnu, Fibittl, Shnö», in der sich Widmer als helvetischer Borges erweist). Oder man kann als Achtjähriger das Totenreich durchqueren, ein Elend voll Heulen und Zähneklappern, in Griechenland heraus finden und mit dem Fahrrad durch die Luft wie eine Windsbraut schnell wieder zurück nach Basel fahren («Herr Adamson»).

Der Schrecken neben der Idylle

Der Tod ist immer da, er drängt sich nicht auf, er wartet in den Kulissen. Der Autor weiss das, er verdrängt ihn nicht. Nicht den Tod, der ihn und uns ereilen wird; nicht den, den die Menschen einander zufügen. Im «Blauen Siphon» sind auch die Bomben des Zweiten Weltkrieges präsent. Der Schrecken wohnt gleich neben der Idylle. Der melancholische Zauberer Widmer hat ein Leben, ein Schreiben lang beides in eine Balance zu bringen verstanden. Die menschliche Existenz ist unwahrscheinlicher Zufall, schwierig und wunderbar, und ihr abruptes Ende jederzeit möglich.

Abrupt ist jetzt Urs Widmers Tod gekommen. Man hätte ihm (und uns) so sehr gewünscht, dass die «Reise an den Rand des Universums» nicht sein letztes Wort geblieben wäre, dass er die Lebensgeschichte fortgeschrieben hätte. Aber hier stösst der Möglichkeitswunsch des Lesers auf Granit. Er muss sich an das halten, was von ihm da ist, was bleiben wird, und das ist viel und reichhaltig. Auf der Trauerfeier für Daniel Keel hat Urs Widmer gesagt: «Einen wie ihn werden wir nie wieder haben.» Ein Satz, der auch für ihn selbst gilt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2014, 00:05 Uhr

Das Gedicht

Urs Widmer

Heute Morgen
beim Blick aus dem Fenster:
der Kirschbaum blüht
und bringt mir die Botschaft
der Frühling sei da.

Wenig später
im Radio die Meldung
Urs Widmer sei gestern
gestorben.

Dem Kirschbaum
nehme ich seine Nachricht ab
dem Radio nicht.

Urs ist nicht tot
er ist nur aufgebrochen
voll Neugier und Wanderlust
zu einer grossen Reise
bis an den Rand des Universums.

Franz Hohler

Videoporträt


Dieses Videoporträt entstand in der Vorbereitung zum Stück «Münchhausens Enkel» im Zürcher Theater Rigiblick. (Quelle: YouTube/Beat D. Hebeisen)

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