Verratene Verräter

Der US-Regierung gilt Wikileaks-Gründer Julian Assange als Verräter, ihren Kritikern als Held. Aber kann man Verrat moralisch rechtfertigen? Und ist die absolute Transparenz erstrebenswert?

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Und wieder steht die globale Diplomatie Kopf, weil Wikileaks-Gründer Julian Assange hochsensible Daten der US-Regierung veröffentlicht hat. Im konservativen Amerika gilt er deshalb als Verräter, als Feind der freien Welt. Für andere ist er ein Held der Pressefreiheit. Sicher aber ist Assange wohl eine Projektionsfigur für einen schwelenden moralischen Konflikt: Rechtfertigt die Forderung nach absoluter Transparenz auch Verrat? Und wenn ja, sind wir bereit, in einer absolut transparenten Welt auf Privatsphäre zu verzichten?

Verräter, so viel ist klar, müssen damit rechnen, selber Opfer eines Verrats zu werden. Dafür liefert der junge US-Soldat Bradley Manning das schönste Beispiel. Manning war die Quelle, aus der Abertausende als geheim eingestufte Dokumente stammen, die Wikileaks veröffentlicht hat. Im Mai hatte der im Irak stationierte IT-Spezialist Manning den bekannten US-Hacker Adrian Lamo kontaktiert. Die beiden unterhielten sich in einem Internet-Chat über die brisanten Informationen, auf die Manning Zugriff hatte: «Was würdest du tun, wenn du unbegrenzten Zugang zu geheimen Netzwerken hättest, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage in der Woche und das für mehr als acht Monate?» fragte Manning. Lamos Antwort ist unbekannt, aber man weiss, was er daraufhin tat: Er alarmierte die US-Behörden, die Manning kurz darauf festnahmen. Heute sitzt Manning im Gefängnis – ungeachtet der Tatsache, dass er auch offensichtliche Kriegsverbrechen aufgedeckt hat. Dies wiederum macht ihn für andere Kreise zum Helden: Längst gibt es eine Unterstützungs-Website für ihn, Noam Chomsky nannte ihn einen Helden, Michael Moore fordert seine Freilassung.

Hochverrat ist eine Frage des Datums

Wer hat recht? Ob ein Verräter als Held gefeiert wird oder als Verbrecher verurteilt, ist oft nur eine Frage der Umstände. «Hochverrat ist eine Frage des Datums», wusste der adlige Kleriker und Aussenminister Napoleons Charles-Maurice de Talleyrand schon vor 200 Jahren. Nicht nur. Bei der Beurteilung eines Verrats spielt letztlich vor allem die Frage nach dem Zweck, den Motiven, Zielen und Wirkungen eine Rolle. Und diese zeigen sich oft erst im Nachhinein.

Vor allem die letzten 200 Jahre lieferte dafür eine Fülle von Anschauungsmaterial, schreibt Margret Boveri in ihrem 1956 erschienenen Grosswerk «Der Verrat im 20. Jahrhundert». Eine Reihe fürchterlicher Kriege, die Aufteilung der Welt in Machtblöcke, der Kampf der Ideologien schufen ein Klima, in dem der Verrat prächtig gedieh: «Der Verrat ist in unserem Leben zum Alltagsbegriff geworden, so umfassend, als habe er sein eigenes geheimes und so undurchsichtig-mächtiges Reich auf einer Ebene errichtet, die sich nicht mit Völkern, Nationen, Verfassungen, Glaubensgemeinschaften deckt, aber doch alle zerstörend oder verwandelnd durchdringt ... Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden», schreibt Boveri dazu. Und hat dabei Persönlichkeiten im Blick, wie etwa die Verschwörer des 20. Juli 1944, die Adolf Hitler zu stürzen versuchten, oder einen Richard Sorge, der den japanischen Angriff auf Pearl Harbor und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion (ohne Erfolg) vorab verraten hatte und 1944 in Japan am Galgen endete.

Radikale Transparenz erstrebenswert?

Einfach ist es, einen Verräter postum als Helden zu feiern – dennoch bleibt er moralisch verdächtig. Denn Verrat verletzt ein fundamentales moralisches Prinzip: Das gegenseitige Vertrauen gehört zu den wichtigsten Grundwerten, die unseren gesellschaftlichen Umgang miteinander regeln. Wir gehen davon aus, dass die Dinge uns so präsentiert werden, wie sie tatsächlich sind – und vertrauen unseren Freunden, Kollegen und Mitmenschen in dieser Hinsicht. Wird dieses Vertrauen gebrochen, hat das meistens fatale Folgen – für den Belogenen, der in seinem Vertrauen erschüttert wird oder für den Verräter, sofern er auffliegt.

Moralisch kommt man hier mit Kants kategorischem Imperativ nicht weiter, stattdessen ist abwägen angesagt: Lassen sich Situationen konstruieren, in denen das Vertrauen gebrochen werden darf? Und wenn ja, nach welchen Kriterien ist ein Verrat zu beurteilen? Darf vertrauliche Information publiziert werden, wenn dabei Missstände aufgedeckt werden? Und wem nützt das publizierte Wissen letztlich? In welchen Fällen sind Transparenz und Publizität nötig, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wem wird dabei geschadet und wem nützt es?

Menschen sind käuflich

Diese Fragen sind heute so aktuell wie nie. Im Zeitalter der digitalen Revolution ist die Forderung nach radikaler Transparenz in allen Sphären gross, ob privat, sozial, ökonomisch oder politisch. Wo Menschen käuflich sind oder idealistisch bleibt tendenziell nichts mehr geheim.

Doch heisst das auch, dass radikale Transparenz tatsächlich erstrebenswert ist? Und was bedeutet dies für die Gesellschaft? Julian Assange rechtfertigte sich in einem Interview mit «Forbes»-Magazine wie folgt zu den höheren Zielen, die Wikileaks verfolgt: «Wenn unehrliche Firmen als solche entlarvt werden, dann wird es einfacher für ehrliche Firmen, ehrlich zu bleiben und wer ehrlich geschäftet, braucht Whistleblower auch nicht zu fürchten. Das ist die ganze Idee.» Natürlich schade die unbefugte Publikation vertraulicher Daten auch ehrlichen Firmen, doch der Zweck, so Assange, heilige die Mittel. «Wenn die unehrlichen Spieler entlarvt werden, profitieren alle davon und am meisten jene, die sich an die Spielregeln gehalten haben.»

Dennoch bleibt die Forderung nach absoluter und flächendeckender Transparenz ein heikles Unterfangen – gerade auch wenn es Privatpersonen betrifft. Und damit sind nicht nur Verlautbarungen von Google oder Facebook gemeint, dass die Privatsphäre im 21. Jahrhundert abgedankt habe. Denn wenn Transparenz als höchstes Gut gewertet wird, dann war auch der Hacker Adrian Lamo im Recht, als er Whistleblower Manning an die US-Behörden verpfiff. Auch wenn es ihm zu verdanken ist, dass die US-Kriegsverbrechen publik wurden. Letztlich kann die Situation wohl nur paradox aufgelöst werden, wie im Bonmot des Altbundeskanzlers Konrad Adenauer: «Ich liebe den Verrat und ich hasse den Verräter», sagte er.

Erstellt: 30.11.2010, 13:06 Uhr

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