«Viele Digitalfotos sind völlig für die Katz»

Die Fotografin Katja Snozzi hat die halbe Welt bereist für ihre eindrücklichen Bilder. Warum Yassir Arafat sich über ihren Besuch gefreut hat und warum grässliche Fotos notwendig sind, erzählt sie im Interview.

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Ihre Ausstellung heisst «Mondo Momenti – Die Welt in 127 Augenblicken». Gibt es einen Augenblick, einen Ort, eine Begegnung, einen Menschen, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es klingt eigenartig, aber es sind Begegnungen mit ganz normalen Menschen, die mich am meisten beeindruckt haben. Selbstverständlich ist es spannend, charismatische Leute wie Fidel Castro, Dalai Lama oder Yassir Arafat zu fotografieren. Mich haben aber diejenigen Menschen viel mehr fasziniert, die nichts mehr haben und dennoch weitermachen. Deshalb werden in der Ausstellung auch keine dieser berühmten Persönlichkeiten zu sehen sein.

Arafat, Castro, Dalai Lama. Wie sind Sie denn an diese mächtigen Männer herangekommen?
Das war eigentlich ganz simpel. Den Dalai Lama zum Beispiel habe ich dreimal in Dharamsala getroffen, weil seine Schwester Jetsun Pema Schirmherrin des tibetischen SOS-Kinderdorfs ist und ich ein Mandat für eine Reportage von SOS-Kinderdorf hatte. Auch bei Fidel Castro war es keine verrückte Sache. Der war auf Staatsbesuch in Bern. Aber auch bei solch offiziellen Presseterminen versucht natürlich jeder, ein besonderes Bild zu schiessen.

Wie haben Sie das geschafft?
Abgedrückt. Ich habe schon immer schneller fotografiert als gedacht. Meine Intuition war immer schneller.

Dann kommt Ihnen die Digitalfotografie entgegen?
Nein, um ein gutes Bild zu machen, brauchts keine Digitalkamera. Ich bin davon nicht begeistert, obwohl ich den Nutzen sehe. Bei meiner ersten Digitalkamera habe ich das Display zugeklebt, weil ich mich genervt habe, dass ich dauernd das Gefühl hatte, die Bilder anschauen zu müssen. Es war wie ein Zwang. Ich glaube, dass man schludriger wird, wenn man digital fotografiert. Viele Fotos sind völlig für die Katz. Ich habe viele Bilder, bei denen es nur einen einzigen Klick gegeben hat. Das musste einfach sitzen.

Wann haben Sie Arafat getroffen?
Das war 1979 im Libanon. Arafat wurde damals als Terrorist gesucht, und man wusste, dass er sich irgendwo in Beirut aufhält. Der Chefredaktor eines österreichischen Polit- und Kulturblattes, ein sehr erfahrener Kriegsreporter und ein schräger Typ, sagte zu mir: Komm mit in den Libanon. Unsere Kinder waren damals knapp im Schulalter, und ich dachte, Jesses nein, Libanon. Es hat mich dann aber trotzdem gereizt. Also ging ich mit, kam aber ziemlich schnell auf die Welt und dachte, nie mehr im Leben mache ich so etwas. Ich habe zum ersten Mal gesehen, wie Häuser bombardiert werden und Menschen erschossen.

Haben Sie Angst gehabt?
Ja, schon. Aber mein Begleiter hat mich gelehrt, Angst richtig einzuordnen und etwas Gutes mit dem Begriff Angst zu verbinden. Angst ist immer ein Alarmsignal, ein guter Wegweiser. Dank seinen Kontakten konnten wir Arafat tatsächlich treffen und ein Interview mit ihm führen. Das war meine erste Begegnung mit jemandem, der bekannt und sagenumwoben war.

Und, wie wars?
Es war damals schon sehr beeindruckend, weil Arafat ein unglaublich charismatischer Mensch war. Für die meisten galt er als Terrorist. Ich erlebte ihn als charmanten und einnehmenden Menschen. Damals habe ich realisiert, dass das Bild, das die Medien vermitteln, oftmals revidiert werden muss und dass alles Negative immer etwas Positives innehat. Das hat sich später wie ein roter Faden durch meine Arbeit und mein Leben gezogen.

Wie war es damals als Frau?
Problemlos! Bei den männlichen Kollegen war ich immer voll akzeptiert und hatte auch in heikleren Ländern nie Probleme. Man muss einfach offen auf die Menschen zugehen.

Wie hat denn Arafat reagiert, als da plötzlich eine Fotografin vor ihm stand?
Ich glaube, der hatte sogar den Plausch. Damals war ich noch jung und busper. Also ich denke nicht, dass Arafat etwas gegen junge, hübsche Frauen hatte (lacht).

Palästinenserlager in Beirut, Erdbebengebiet in Süditalien, amerikanische Invasion in Grenada. Ihr Lebenslauf klingt ziemlich abenteuerlich. Mögen Sie die Gefahr?
Nicht wirklich, aber das waren ja auch keine wirklich gefährlichen Orte. Für mich war das alles nie etwas Besonderes oder wahnsinnig Erstrebenswertes. Mich hat einfach immer der Hintergrund interessiert, und irgendwie hat sich alles einfach so ergeben. Die Bilder in der Tagesschau waren und sind mir zu schnell. Ich wollte und will wissen, wer die Menschen sind, die hinter solchen Kriegen und Katastrophen stehen. Menschen, von denen meistens niemand spricht.

Ihre letzte Ausstellung liegt schon viele Jahre zurück. Was bedeutet Ihnen «Mondo Momenti»?
Viel. Es ist für mich eine Art Retrospektive und vielleicht die wichtigste Ausstellung neben der Somalia-Foto-Ausstellung, die ich 1991 im Bundeshaus hatte. Die war sehr aktuell zu der Zeit, so viele Menschen sind damals während der Hungersnot gestorben. Alle Parlamentarier mussten auf dem Weg in den Nationalratssaal an meinen riesengrossen Bildern vorbei. Ich dachte schon immer, derart schwierige Bilder sollte man auf öffentlichen Plätzen zeigen, zum Beispiel in Bahnhöfen, in der Bank, auf der Post. Irgendwo, wo die Leute hin müssen und nicht wegschauen können.

Würde denn das heute noch funktionieren? Immerhin haben wir in den Nachrichten eher einen Überfluss von derartigen Bildern.
Da bin ich absolut sicher. Nachrichtensendungen sind gut und notwendig. Aber ich kann als Zuschauer nicht innehalten und mir etwas dabei überlegen. Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf den Bahnhof, müssen vielleicht warten und rumstehen und sehen aktuelle Krisenbilder vor sich. Das wird Sie bestimmt zum Nachdenken anregen.

Haben Sie denn auch ein paar dieser schlimmen Bilder in Ihre Ausstellung geschmuggelt?
Was heisst schlimm? Sterbende Kinder oder ein Lastwagen voller Leichen sind zwar nicht schön, aber es ist die Realität – damals wie heute. In meiner Ausstellung aus über 30 Jahren Fotografie ist ganz Verschiedenes zu sehen: lachende Kinder neben dem verstümmelten Gesicht einer jungen Frau nach dem Genozid in Ruanda. Es gibt aber auch Ruhiges, Kurioses und Lustiges. Zum Beispiel ein nigerianisches Paar, das sich fürs Familienalbum unbedingt auf den neuen Sofasesseln ablichten lassen wollte. Da haben wir halt die Sessel ins Freie getragen und das Foto gemacht.

Sie halten Momente ja mit der Kamera fest. Ist das nötig, damit man sich wirklich erinnern kann?
Nein. Es gibt ja auch viele eindrückliche Momente, die nie mit einer Kamera festgehalten wurden und vielleicht gerade darum zu den schönsten gehören. Als ich mein Archiv für die Ausstellung durchforstet habe, sind jedoch alle Erinnerungen sehr stark hochgekommen. Das Eigenartige und auch Schöne ist, dass ich mich bei jedem einzelnen Bild genau erinnern kann, wie es entstanden ist. Das ganze Drumherum, die Situation, die Geräusche, alles ist noch sehr präsent, obwohl es lange her ist. Das machte es für mich gleichzeitig unmöglich, eine Auswahl zu treffen. Ich konnte nicht mehr beurteilen, ob das Bild objektiv gut ist. Ich habe dem Kurator der Ausstellung eine Riesenbeige Fotos gegeben und gesagt: Schau selber. Für mich ist die Ausstellung etwas Schönes. Ich bin in Locarno geboren und höre gewissermassen hier auf. Der Kreis schliesst sich so schön.

Sie hören auf mit Fotografieren?
Ja, vermutlich schon. Weil ich nicht mehr auf jene Art Fotos machen kann, wie ich es möchte. Wegen Komplikationen nach einer Rückenoperation sitze ich seit zwei Jahren mehr oder weniger im Rollstuhl. Klar könnte ich noch irgendwelche Blümlein fotografieren. Aber das muss nun wirklich nicht sein.

Erstellt: 22.07.2011, 09:49 Uhr

1974 begann Katja Snozzi (64) ihre Karriere als Fotografin mit ersten Auslandsreportagen (Libanonkrieg, Palästinenserlager in Beirut, Erdbeben in Kampanien, Unruhen im Irak und in Grenada). 1986 eröffnete sie eine Fotoagentur in Bern. Für nationale und internationale Tageszeitungen und Zeitschriften, SOS Kinderdörfer, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und das Schweizerische Rote Kreuz hat sie über 30 Jahre lang die Welt bereist.

Die Ausstellung

Die Ausstellung im Palazzo Casorella in Locarno dauert vom 30. Juli bis 21. August. Öffnungszeiten: 10–12 Uhr / 14–17 Uhr. Während des Filmfestivals Locarno durchgehend geöffnet. Infos unter 091 756 31 70, servizi.culturali@locarno.ch

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