Lässige Sünden

Vollpfosten und Ausrufezeichen

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Die Kolumne «Glogger mailt».

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Ich könnte sagen, ich lese den «Blick am Abend» aus professionellem Interesse. Aber das stimmt nur bedingt. Eigentlich lese ich ihn wegen seines geschwätzigen Inhalts, der nach einem Tag Arbeit genau die richtige Entspannung ist für einen ausgelaugten Kopf. Und dann gibt es da die Kolumne «Glogger mailt». Die lese ich immer. Weil sie mich fassungslos macht. Und weil ich herausfinden muss, ob sie das Resultat grenzenloser Unbedarftheit ist. Oder eine geniale Kunstperformance. Sicher ist «Glogger mailt» der Text mit dem höchsten denkbaren Nonsens-Faktor überhaupt, vorgetragen im Duktus der biederen Empörung. Um so was schreiben zu können, muss man angstfrei sein. Völlig losgelöst. Oder benebelt.

Und so schaue ich mir jeden Abend mit Vergnügen an, was Glogger heute wieder fabriziert hat. Und wie er es bringt. Seine kuriosen Gedankengänge kleidet er am liebsten in Drei-Wort-Sätze, was das Verständnis nicht gerade befördert. Aber das ist egal, wer interessiert sich schon für Logik? Gefühl muss es sein! Der Mann ist ein Virtuose der Ausrufezeichen, der Wortneuschöpfungen und Bindestriche. Und wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, umso besser! Man muss Gloggers Kolumne als Pendant zum Solo eines Jazz-Saxofonisten lesen. Wenn die richtig loslegen, versteht ja auch kein Schwein, worum es geht.

«Mannomann!»

Und deshalb ist auch alles andere egal. Etwa ob die Mails, die er verschickt, in Anredeform geschrieben sind oder frei vor sich hin schwadronieren. Oder ob der Adressat überhaupt eruierbar ist. Wie zum Beispiel die Kolumne, die Glogger mit der Begrüssungszeile begann: «Liebe Tochter Alfred Hitchcocks», um dann irgendwas über den Film «Die Vögel» und Melanie Griffiths Mutter Tippi Hedren zu quasseln. Oder die Kolumne zum Rücktritt Blochers aus dem Nationalrat: «Da knallt aber der Rotkäppchen-Sekt bei den Salon-Linken. Busen-Feind Blocher tritt als Nationalrat zurück. Da fallen sich grüne Männchen in Hass-Schweiss-Fluten in die Arme.»

Der vorläufige Höhepunkt seines Schaffens war aber die Kolumne zu Felix Guyer, Ex-Partner Vera Dilliers. «Mannomann» lautete die Betreffzeile für das Mail, das genau so anhob: «Mannomann! Sie sind echt ein armer Tropf! Gerade noch an der parfümierten Seite von Vera Dillier, der Jetset-Lady ohne Alter – und nun werden Sie von ihr als Volldepp vorgeführt! Mannomann!» Zum Glück hat mein Guru Glogger aber auch noch einen weisen Rat: «Verabschieden Sie sich von ‹Veras geiler Welt›! Wollen Sie als Vollpfosten enden? Es wäre schade um Sie! Überlegen Sie sich intensiv, was aus Ihnen werden soll.» Jetzt hoffe ich nur, dass er das nicht selber tut. Nur so wird uns diese faszinierende Kolumne erhalten bleiben.

Erstellt: 20.05.2014, 14:30 Uhr

Was er wohl heute wieder fabriziert? Helmut-Maria Glogger. (Bild: PD)

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