Vom Chräis Chäib ins Haifischbecken

Neben Thomas Hirschhorn vertritt die junge Zürcherin Andrea Thal die Schweiz an der 54. Biennale von Venedig. Damit wurde zum ersten Mal eine Kunstvermittlerin gewählt.

Ehrenvolle Nomination zur Vertreterin der Schweiz: Andrea Thal vernetzt Künstler und Kunstprojekte.

Ehrenvolle Nomination zur Vertreterin der Schweiz: Andrea Thal vernetzt Künstler und Kunstprojekte. Bild: Doris Fanconi

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Andrea Thal hat ein grosses Herz und Haus für alle, die sich in dem kleinen, leicht konspirativen Kunstraum Les Complices im Langstrassen-Quartier von Zürich einfinden. Junge, urbane Kulturtäter – Performer, Schauspielerinnen, Autoren, Grafikerinnen, Filmer, Musikerinnen, Verleger und Künstler – gehen hier ein und aus. Und auch wenn die quirlige Zürcherin es nie so sagen würde: Sie ist die Person, die diese Welt der Kreativen zusammenhält.

Grosses Risiko

Mit Wollmütze auf dem Kopf, schwarzem Pulli, Baggypants und knallblauen Turnschuhen entspricht Andrea Thal nicht dem Bild einer offiziellen Vertreterin an einem Grossanlass. Einmalig ist auch, dass das Bundesamt für Kultur nicht eine Künstlerin, sondern eine Kunstvermittlerin an die Biennale von Venedig schickt – und erst noch eine, die nicht zu den Big Names der internationalen Kunstschickeria gehört.

Hans Rudolf Reust, Präsident der eidgenössischen Kunstkommission und somit zuständig für die ehrenvolle Nomination, schätzt an Thal gerade diese «eigentümliche Mischung aus Künstlerin und Kuratorin». «Dass man sie ausgewählt hat, ist ein grosses, ein bewusstes und ein tolles Risiko», betont Reust.

Teamplayerin und Komplizin

Andrea Thal ist gerade dabei, mit der finnischen Künstlerin Riikka Tauriainen eine Ausstellung einzurichten. Auf dem Boden ist mit schwarzer Klebefolie ein abstraktes Feld eingezeichnet, das sich vom Hauptraum bis ins angrenzende Zimmer zieht. «Wir haben das Parkfeld von draussen in den Innenraum transferiert», freut sie sich über den Einfall. In der Tat: Parkfelder sind gigantisch gross, wenn sie Wohnraum besetzen. Ein politischer Gedanke schlicht und schlau umgesetzt.

Andrea Thal sagt «wir», denn kollaboratives Arbeiten und Komplizenschaft werden an der Anwandstrasse grossgeschrieben. «Etwas zusammen produzieren und die Geschichte weiterdenken», bringt sie die Philosophie von Les Complices* auf den Punkt.

Die grossen Themen der 90er

Den Instinkt für gesellschaftspolitische Themen hat Thal in die Wiege gelegt bekommen. Sie wurde 1975 in Bern geboren und wuchs in einem linken Elternhaus auf. Als Jugendliche ging sie in der Reithalle, dem autonomen Kulturzentrum, ein und aus. «Mehr weil ich damals verknallt, als politisch wirklich engagiert war», gesteht sie lachend. Mit 17 zog sie nach Zürich, bildete sich an der ZHdK zur Fotografin aus, um in London den Master für bildende Kunst und Theorie zu absolvieren. Die Lehr- und Wanderjahre in Grossbritannien sensibilisierten sie für die grossen Themen der 90er-Jahre, die heute noch im Zentrum ihres Interesses stehen: Postkolonialismus, Migration, prekäre Arbeitsbedingungen, Feminismus, Queer- und Transgender-Fragen.

2004 stiess Thal zu Les Complices, dem von Jean-Claude Freymond-Guth gegründeten und gleichgesinnten Zürcher Künstlerkollektiv. Seit 2006 ist sie allein verantwortlich für das Programm des nicht kommerziell ausgerichteten Kunstraums. Das heisst, sie initiiert und organisiert kollaborative Projekte, Workshops, Ausstellungen, Screenings, Diskussionsrunden – sei es als Fotografin, Künstlerin, Texterin, begnadete Kommunikatorin, ja selbst als Gipserin oder Flachmalerin.

Intelligente Subkultur

Während Andrea Thal in dem winzigen, überstellten Büro immer wieder in Kisten wühlt und Portfolios, Kunsteditionen und Affichen hervorzaubert, spricht sie mit Leidenschaft über ihre Arbeit. Anpacken statt jammern ist trotz chronischen Geldmangels ihre Devise. Allein die in diesem Jahr verwirklichten Projekte lassen aufhorchen. In der Filminstallation «The Interpreter» etwa untersuchten Maria Iorio und Raphaël Cuomo die Rückschaffung von Sans-Papiers aus Europa. Elliat Graney-Saucke und Dominique Grisard thematisierten in «Boys on the Inside» die maskuline Kultur in amerikanischen Frauengefängnissen. In «Charming for the Revolution» liessen Pauline Boudry und Renate Lorenz die Dandys des 19. Jahrhunderts wieder aufleben. Jungautor Tim Zulauf produzierte ein Theaterstück in einem leeren Bürogebäude, um Quartierentwicklung und Planungsrhetorik kritisch zu beleuchten. Bekannte Kulturtäter wie die Künstlerin Sabina Baumann, die Autorin Birgit Kempker, der Verleger Georg Rutishauser (Edition Fink), die !Mediengruppe Bitnik oder das Künstlerkollektiv Relax ergänzten mit interdisziplinären Projekten das Programm. Intelligente Subkultur aus dem oft totgesagten, aber sehr lebendigen Zürcher Offspace.

Zürich ist freilich nicht Venedig. Bereitet Andrea Thal der Umstand, dass sie an der Biennale neben dem ebenfalls eingeladenen Topstar Thomas Hirschhorn im Haifischbecken der Kunst untergehen könnte, keine Sorge? «Im Gegenteil», meint sie, «so kann ich in Ruhe arbeiten. Mich interessiert ohnehin die Nische, nicht das Grosse.»

www.lescomplices.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2010, 08:15 Uhr

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