Vom Hashtag zum weltweiten Protest

Drei Monate sind vergangen, seit die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein publik wurden und das #MeToo-Phänomen seinen Anfang nahm. Die wichtigsten Eckdaten und Ereignisse.

Die Proteste verlagerten sich vom Netz auf die Strasse: Die soziale Aktivistin Tarana Burke (Mitte) an einem «Survivors’ March».

Die Proteste verlagerten sich vom Netz auf die Strasse: Die soziale Aktivistin Tarana Burke (Mitte) an einem «Survivors’ March». Bild: Damian Dovarganes/AP/Keystone

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Am 1. Dezember 2017 wurde #MeToo zum Deutschschweizer Wort des Jahres gekürt. Der Hashtag, der auf diversen sozialen Netzwerken geteilt wurde, um sexuelle Belästigung und Übergriffe zu denunzieren, wurde erstmals am 15. Oktober von der Schauspielerin Alyssa Milano verwendet.

Milano ist aber nicht die Erfinderin des Slogans. Dieser geht auf die Bürgerrechtsaktivistin und Direktorin der NGO «Girls for Gender Equity», Tarana Burke, zurück, die ihn bereits 2006 benutzte. Damals erzählte ihr ein junges Mädchen während eines Sommerlagers für Kinder und Jugendliche vom Missbrauch durch den Freund ihrer Mutter.

Die bekannten Fälle

Hollywood war Ausgangspunkt und Epizentrum des MeToo-Skandals. Auslöser war ein Bericht der «New York Times» am 5. Oktober 2017 über das jahrelange, unangemessene Verhalten Harvey Weinsteins, der als Filmmogul seine Macht über junge Schauspielerinnen ausnutzte. Weiter wurden Schauspieler wie Kevin Spacey, der 1986 einen Minderjährigen sexuell belästigt haben soll, und Louis C. K., der sich vor Frauen entblösst und vor ihnen masturbiert hatte, in Folge des Enthüllungsskandals freigestellt oder anderweitig geächtet.

Die #MeToo-Bewegung erneuerte auch alte Vorwürfe – so gegen Roman Polanski, dem Ende September die deutsche Schauspielerin Renate Langer Vergewaltigung vorgeworfen hatte. Der erste Fall im deutschsprachigen Raum wurde erst diese Woche publik, als der deutsche Filmregisseur Dieter Wedel im «Zeit-Magazin» von mehreren Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde.

Bilder: Die #MeToo-Welle

Der MeToo-Skandal hat selbst Politiker zum Rücktritt bewegt, so den demokratischen Senator Al Franken und den republikanischen Kongressabgeordneten Trent Franks. Im deutschsprachigen Raum machte der Fall des österreichischen Grünen Peter Pilz Schlagzeilen, just als die #MeToo-Bewegung die Öffentlichkeit sensibilisierte. Ihm wurde ein Übergriff vorgeworfen, den er abstritt – allerdings kurz darauf sein Nationalratsmandat ablehnte.

Auch dass der republikanische Senator Ray Moore in Alabama seine Wiederwahl verpasste, wird auf gegen ihn erhobene Missbrauchsvorwürfe zurückgeführt. Mit Vorwürfen sehen sich auch der frühere US-Präsident George H. W. Bush sowie der aktuelle Amtsinhaber Donald Trump konfrontiert.

Und in der Schweiz?

Weltweit wurden aus rund 85 Ländern über 2,3 Millionen Tweets mit dem Hashtag #MeToo abgesetzt. Die Social-Media-Monitoring-Plattform Talkwalker hat für diese Zeitung eine quantitative Analyse des Hashtags in der Schweiz vorgenommen. Laut Talkwalker wurden hierzulande seit dem 15. Oktober 2017 rund 3800 Tweets mit dem Hashtag #MeToo auf Twitter geteilt. Den Höhepunkt erreichte der Hashtag am 16. Oktober, als 737 Tweets an einem Tag abgesetzt wurden.

Die Analyse der geografischen Verteilung der Tweets hat drei Gebiete besonders hervorgehoben: Die Region Zürich mit 787 Verwendungen von #MeToo, Genf und Umgebung mit 952 Erwähnungen und die Region Bern, aus welcher rund 1000 Tweets zum Thema abgesetzt wurden. Erstaunlich ist, dass verhältnismässig am meisten Tweets aus der Region Genf kamen und dass Zürich von diesen drei Regionen am wenigsten auf Twitter reagiert hat. Die hohe Dichte internationaler Organisationen und diplomatischer Sitze am Lac Léman könnte dies erklären.

Allgemein sind diese Zahlen aber nicht als Indikator für eine allfällige Häufigkeit an sexuellen Übergriffen in diesen Regionen zu werten. Sucht man nämlich den ersten abgesetzten Tweet in der Schweiz, findet man denjenigen von Ed Krassenstein, einem Amerikaner, der einen Kommentar zum Hashtag veröffentlicht.

Während in der Deutschschweiz der Hashtag #MeToo benutzt wurde, hatten die anderen Sprachregionen zusätzlich einen eigenen: Der Hashtag #BalanceTonPorc («Verpfeif dein Schwein»), der im französischsprachigen Raum benutzt wurde, wurde in 776 Schweizer Tweets erwähnt. Dies entspricht ungefähr zwei von fünf Tweets zum Thema, die mit dem französischen Hashtag verfasst wurden. Im Vergleich dazu wurde #QuellaVoltaQue («Dieses Mal als ...»), der im italienischsprachigen Raum häufig geteilt wurde, in der Schweiz in nur 10 Tweets erwähnt. Im Tessin wählte also beinahe jeder Vierte den Hashtag in seiner Muttersprache.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2018, 15:21 Uhr

Vor #MeToo

Der Hashtag #MeToo ist nicht der erste seiner Art. Seit 2013 wurden verschiedene Schlagworte in den sozialen Netzwerken geteilt, um auf Sexismus und sexuelle Übergriffe aufmerksam zu machen. Eine kleine Auswahl:

  • #aufschrei (2013):

Auslöser: Eine deutsche Journalistin berichtet über anzügliches Verhalten des FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle.
Benutzung: Frauen schildern Erfahrungen von alltäglicher Geschlechterdiskriminierung.

  • #YesAllWomen (2014):

Auslöser: Ein 22-jähriger Amerikaner tötet sechs Personen aus Hass gegen Frauen.
Benutzung: Erfahrungen mit Sexismus im Alltag und Gewalt gegen Frauen sollen geteilt werden.

  • #NotOkay (2016):

Auslöser: Donald Trump prahlt mit sexuellen Annäherungsversuchen gegenüber Frauen («Grab ’em by the pussy»).
Benutzung: Erlebnisse von Missbrauch und Belästigung sollen öffentlich geteilt werden.

  • #IHave (2017)

Auslöser: #MeToo
Benutzung: Männer sollen ihr Fehlverhalten gegenüber Frauen öffentlich zugeben.

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