Von Rechtmenschen und Gutlinken

Güzin Kar spricht aus, was sonst niemand sagen darf.

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Nachdem sich in letzter Zeit auffallend viele Menschen geoutet haben, nicht mehr links zu sein und stattdessen einen Rechtsdrall entwickelt zu haben, der von der Verlogenheit der Linken und Guten herrührt, die alle nur Crémant trinkend die Welt umarmen, und der darin mündet, dass die Abtrünnigen nun längliche Selbsterfahrungstexte in diversen Medien publizieren, möchte auch ich mich outen: Ich war früher rechts. Jetzt bin ich es nicht mehr, weil ich ausgestiegen bin wie aus einem vollen Bus der falschen Linie.

Wie alle Rechten war auch ich völlig überzeugt davon, die einzig vertretbare Weltsicht zu repräsentieren. Ich war beseelt von der Idee, dass die westlichen Gesellschaften mit ihren Leitkulturen die besten Lebensformen aller Zeiten sind. Klar, mit Mängeln, aber wo sonst kann man Lippenstift zum Jogginganzug tragen? Wo sonst werden sämtliche Schwulen, Lesben und Unentschlossenen als Moderatorinnen fürs TV gebucht und dürfen immer noch über Diskriminierung klagen?

Die Flüchtlingskrise eine Urban Legend

Ich wusste, dass unser ärgster Feind der ist, der uns schützen sollte: der Staat. Dieses Monster, das sich mit uns an Stammtische setzt, um unsere Witze zu massregeln, der sich mit uns ins Bett legt, um uns zu sagen, wen wir wie anfassen dürfen, und der dort das Steuer ergreift, wo der Markt, die Hormone und der gesunde Menschenverstand freie Fahrt haben sollten. Stattdessen vernichtet er unsere schöne Kultur, indem es Horden von Fremden herbeiwinkt, unser Rauchverhalten überwacht und aus Weihnachtsliedern Dürüm macht.

Ich verteidigte unsere europäischen Werte schon mal an der Tiefkühltheke, wo ich irgend so einer Kopftuchtrulla Žižek vorlas. Mein Credo war stets Eigenverantwortung. Bei uns hat jede und jeder gleiche Chancen bei Arbeits-, Partner- und Wohnungssuche. Solidarität war in meinen Augen überbewertet und die Flüchtlingskrise eine Urban Legend. Behinderung und Altersarmut sind in Wahrheit Faulheit und sollten als solche behandelt werden. So dachte ich. So hätte es endlos weitergehen können.

Widerspruch zwischen Obergrenze und Erntehelfer

Und dann sass ich eines Abends mit meinen Freunden – alle genauso rechts wie ich – beim Essen, wir patriötelten gerade herum, als eine Mutter beiläufig erwähnte, dass sie ihre Kinder gern in die Schule mit dem höchsten Ausländeranteil schicken wolle.

Sofort verstummten die Gespräche. Da wurde mir klar, dass etwas nicht stimmt. Ich fing an, die Widersprüche zu zählen. Wie kam es, dass wir beim Dessert und Grappa jeweils von Ober­grenzen für Fremdvolk laberten, aber für die eigene Firma doch ganz gern auf ausländisches Fachpersonal oder billige Erntehelfer zurück­griffen? Wie kam es, dass wir den sogenannt freien Markt bis aufs Blut verteidigten, aber dabei übersahen, dass er der durchregulierteste Markt aller Zeiten ist?

Wie konnte es passieren, dass wir alle finanzielle Unterstützungen von Künstlern als Subventionen titulierten, Steuergeschenke an die Wirtschaft aber als gottgegeben ansahen? Warum waren Löhne von Politikern und die Vergünstigungen, die diese von unseren Geldern erhalten, nie Gegenstand unserer Tischgespräche? Wie kam es, dass wir den Staat und dessen Organe verachteten, aber ohne zu zögern, Polizei und Justiz einbezogen, sobald etwas nicht in unserem Sinn lief? Unsere Blase schützte uns vor neuem Gedankengut. Seit ich das weiss, bin ich aufgewacht. Ich werde ein Buch über Denkverbote bei Recht­menschen schreiben und in Talkshows sagen, was man in diesen Kreisen nicht sagen darf. Jemand muss das alles mal aussprechen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 11:20 Uhr

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