Warum wir keine neue Nationalhymne brauchen

Eine neue Nationalhymne ist nun wirklich nicht dringlich – das Land befasst sich besser mit seinen echten Problemen.

Die Schweizer und ihre Hymne: Ein Kollektivleiden ist nicht zu erkennen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Die Schweizer und ihre Hymne: Ein Kollektivleiden ist nicht zu erkennen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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208 Vorschläge für eine neue Nationalhymne seien eingegangen, meldete diese Woche die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) – und man versuchte sich zu erinnern: Wer hat die SGG eigentlich beauftragt, eine neue Hymne respektive einen neuen Hymnentext zu lancieren?

Es war sie selbst. Am 1. August vor zwei Jahren kündigte sie das Unterfangen an. Die heutige Hymne «Trittst im Morgenrot daher» sei zu sperrig, hiess es. Allerdings roch das Ganze ein wenig nach Identitätskrise der SGG – ist sie eventuell mit der Verwaltung des Rütli unterfordert?

Das Auswahlprozedere mündet 2015 in ein Telefon- und SMS-Plebiszit. Was der Bundesrat hernach macht, ist unklar. Die SGG agiert in einer Blase. Den meisten Leuten ist die Hymne egal, so wie sie ist. Ein Kollektivleiden am Lied ist nicht zu erkennen; allenfalls finden einige, der Text dürfte moderner sein. Aber ein Massendrang zu neuen Versen besteht nicht.

Kriegt die UNO eine Zeile?

Warum preisgeben, was keinen ernstlich quält? Die Schweiz hat echte Probleme zu lösen. Die nächste Zeit bringt eine verschärfte Konfrontation mit der EU. Verunsicherung hat sich ohnehin angehäuft. Einrichtungen von Swissair bis Bankgeheimnis wankten oder fielen. Institutionen wie Post und SBB, Nationalbank und Armee werden stärker als auch schon angezweifelt.

Unheilvoll klingt die Absicht, den neuen Text aus der Präambel der Bundesverfassung von 1999 zu generieren. Dort geht es um Freiheit, Offenheit, Solidarität mit der Welt, das Wohl der Schwachen. Gute Werte. Doch bei ihrer Umsetzung in Liedgut droht Plattheit. Sollen Caritas und Deza in die Hymne? Müssen wir AHV und Sozialpartnerschaft besingen? Wird die Forderung nach Kinderkrippen für alle vertont? Und kriegt die UNO eine Zeile? Dumpfe Gutmeinerei ist das Grossrisiko dieses Projekts.

Wir sind immerhin kriegsfrei

Die alte Schweizer Hymne «Rufst du, mein Vaterland» triefte vor Blut und gipfelte im Schlachtruf «Sieg oder Tod». 1961 erkor der Bundesrat ihre bis heute gültige Nachfolgerin, den «Schweizerpsalm». Er ist gewalt- und kriegsfrei, was bei anderen Hymnen nicht der Fall ist. Frankreichs «Marseillaise» enthält die Zeile «um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden». Amerikas «Star-Spangled Banner» besingt «die in der Luft explodierenden Bomben».

Wetter immer gut

Der «Schweizerpsalm» ist also einigermassen modern. Okay, Gott ist in ihm ein «Herr». Und vom «Vaterland» ist auch die Rede. Das rührende Stück Patriarchat müsste aber, so man nicht gleich jede alte Wendung instantverbessern will, auszuhalten sein.

Übers Ganze ist diese Hymne tauglich, weil sie die meisten Dinge nicht konkret benennt. So entstehen Sehnsuchtsspannung und Getragenheit. Es geht um «Alpenfirn» und «Abendglühn», um «Nebelflor» und «Wolkenmeer»; die Dramatik, die da waltet, ist wohltuend abstrakt.

Wenn schon ein neuer Hymnentext, dann bitte wieder Wetter! Oder Landschaft! Alles andere führt ins Wertegezänk zwischen links und rechts, das die kommende Zeit sowieso verätzen wird. Noch besser ist es, den «Schweizerpsalm» in Ruhe zu lassen. Für die SGG findet sich sicher eine Aufgabe, die dem Land etwas bringt.

Erstellt: 11.07.2014, 22:49 Uhr

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