Warum wurde mein Kommentar gelöscht?

Güzin Kar über Paranoia im Netz.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Ich kannte einmal einen jungen Mann, der von der CIA beschattet wurde. Manchmal begegnete ich ihm in einem Café, wohin ich mich zum Lesen oder Freunde treffen begeben hatte. Dort sass er, stundenlang über der einen Teetasse, um Zufallsanwesenden sein Leid zu klagen. Dieses bestand anfangs in der Verfolgung durch einen Mann in wechselnder Verkleidung, der ihm hinterherlief wie ein Dackel. «Siehst du den rauchenden Typen dort draussen im dunklen Mantel? Der ist von der CIA.» Doch dann tauchten Freunde des Dackels von anderen ausländischen Geheimdiensten auf und beteiligten sich an der seltsamen Operation, sodass ein ganzes Rudel aus Spionen und Agenten hinter meinem Bekannten her war, kaum, dass er das Haus verliess.

Das Haus war ein Asylbewerberheim am Rande der Stadt, überfüllt mit hoffnungslosen Menschen. Mein Bekannter rannte von Amt zu Amt, von Befragung zu Befragung, jagte Papieren und Attesten nach, die belegen würden, was er in seiner Heimat an politischer Verfolgung und Folter erfahren hatte. Aber die Ämter glaubten ihm nicht. Immer fehlte ein Dokument, und ohne Belege galt sein Wort nichts.

Ist es erstaunlich, dass dieser Mann aus der Verfolgung, die ihm keiner glaubte, eine machte, die jeder sehen konnte? Da draussen standen sie doch, alle Bösen, die hinter ihm her waren. Die Aussichtslosigkeit seiner Lage liess keine Unterscheidung mehr von Freund und Feind zu, und auf einmal war auch das Land, das ihn aufnehmen und beschützen sollte, vermintes Terrain, auf dem sich Verfolger tummelten, die ihm an den Kragen wollten. Denn er war wichtig und politisch gefährlich. So wichtig, dass alle Nationen ihre besten Agenten losschickten. Nur im Café hatte er Ruhe. Dorthin trauten sich die Spione aus Angst vor vergifteten Getränken nicht.

Eine ähnlich paranoide Haltung meine ich im Netz auszumachen, wo die Behauptung der eigenen Gefährlichkeit fast schon zum Sport geworden ist. Zum Beispiel da, wo Menschen geradezu panisch auf ihre angeblich oder tatsächlich gelöschten Kommentare zu einem Artikel oder auf Facebook reagieren. Immer ist da jemand, der überzeugt ist, dass gerade sein Kommentar nur deshalb nicht frei­geschaltet werde, weil dieser unliebsame Wahrheiten enthalte. Oder war der Kommentar zwei Stunden lang online und erst dann gelöscht worden, als der Redaktion klar wurde, welch politischen Sprengsatz sie hier über­sehen hatte? Wurde gar «von ganz oben» befohlen, diesen Kommentar zu löschen? Siehst du den rauchenden Mann da draussen im dunklen Mantel? Der arbeitet für die Kommentarpolizei. Diese ist auch auf Facebook aktiv, wo sie alle Pinnwände und Seiten nach Gefährlichem durchforstet.

Ich selber werde öfter bezichtigt, Brisantes von meiner Seite zu löschen. Ich lösche tatsächlich ab und an Kommentare, aber nicht, weil diese brisant wären, sondern weil sie beleidigend, sexistisch oder unhöflich sind. Manchmal mag ich auch den 200. total lustig gemeinten Anti-SVP-Witz nicht unter einem meiner Postings lesen, der nicht das Geringste mit der SVP zu tun hat.

Nun hat jede und jeder die Möglichkeit, seine Kommentare auf die eigene Facebook-Wand zu stellen, Demokratie und Meinungsfreiheit sind selbst bei Rüpeln gewahrt. Trotzdem geht jedes Mal die Paranoia los: «Mein Kommentar wurde gelöscht, weil ich unliebsame Dinge ausspreche. Aber die Wahrheit hatte es schon immer schwer!» Mein Bekannter hat sich übrigens das Leben genommen, irgendwann reichte die Kraft wohl nicht mehr aus, um dem trostlosen Alltag ein bisschen Spionage-Glamour abzugewinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 14:56 Uhr

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