Analyse

«Was alle treffen kann, das betrifft uns alle»

Der Philosoph Günther Anders hat vor einem halben Jahrhundert hellsichtig vor den Gefahren der Atomtechnologie gewarnt. Heute ist sein Werk aktueller denn je.

Atombombentest in den 50er-Jahren: Günther Anders hielt die friedliche Nutzung der Atomenergie für eine Illusion.

Atombombentest in den 50er-Jahren: Günther Anders hielt die friedliche Nutzung der Atomenergie für eine Illusion. Bild: Keystone

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1956, genau 30 Jahre vor der atomaren Katastrophe von Tschernobyl, erschien der erste Band des philosophischen Hauptwerks von Günther Anders. «Die Antiquiertheit des Menschen» beschreibt und analysiert eindringlich die lebensbedrohliche Situation, in die sich der moderne Mensch mit seinen immer risikovolleren Technologien manövriert hat. Im Kern der Argumentation steht die These, dass das Herstellungsvermögen des Menschen sein Vorstellungsvermögen übersteigt.

«Im Vergleich mit dem, was wir wissen und herstellen können, können wir zu wenig vorstellen und zu wenig fühlen.» Die Transformation der Geräte gehe zu schnell vor sich, und die Produkte verlangten «etwas Übertriebenes von uns, etwas Unmögliches». Wenn man das, was man produziert, weder sich vor- noch darstellen kann, bedeutet dies nach Günther Anders auch, dass man es letztlich nicht verantworten kann – weder vor sich selbst noch vor seinen Kindern. Daher plädiert er in seinem Werk für eine «moralische Erkenntnistheorie».

Fortschritt ohne Seele

Die Tatsache, dass der Mensch, dieses unfertige Wesen, der Perfektion seiner Erzeugnisse nicht (mehr) gewachsen ist, bezeichnet Günther Anders als «prometheische Scham» beziehungsweise «prometheisches Gefälle zwischen Machen und Vorstellen, zwischen Tun und Fühlen, zwischen Wissen und Gewissen». Der Erfinder fühlt sich den Maschinen und mehr noch den Rechenmaschinen unterlegen, die langsam, aber sicher die Arbeitskraft des Homo sapiens ersetzen und ihn als ein antiquiertes, sich minderwertig fühlendes Wesen auf die Plätze verweisen. Auf den Befund, dass die Seele mit dem technologischen Fortschritt nicht mithalten kann, weist der Untertitel des zweibändigen Werkes «Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution» hin. Der moderne Mensch lebt in einer Zeit, die nicht mehr seine ist: Er hat sich selbst aus dem Spiel genommen durch seine eigene, im buchstäblichen Sinne ungeheure Schöpfungskraft. Die Kreativität, im allgemeinen Sprachgebrauch positiv konnotiert, kann sich auch in destruktiven Aktionen entladen, wie die beiden Atombombenabwürfe auf Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs gezeigt haben.

Unsere «Apokalypse-Blindheit»

«Als philosophisches Terrain ist die Bombe – oder richtiger: unser Dasein unter dem Zeichen der Bombe – ein völlig unbekanntes Gelände», heisst es am Anfang des Kapitels «Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit». Am 6. August 1945 führte die Menschheit erschreckend den Beweis, dass sie in der Lage war, sich selbst zu zerstören – eine historische Zäsur, die für den Atomphilosophen Anders den Beginn einer neuen Zeitrechnung bedeutete.

Die Apokalypse-Blindheit habe ihren Grund ebenfalls in der «prometheischen Scham»: Wir können die Vernichtung einer Grossstadt zwar planen und durchführen, sind aber nicht fähig, uns die Folgen wirklich vor Augen zu führen. «Zerbomben können wir Hunderttausende, sie aber beweinen oder bereuen nicht.» Da die empathischen Fähigkeiten nicht auf der Höhe des zerstörerischen Potenzials sind, laufen wir Gefahr, uns selbst auszulöschen. Nachdem Günther Anders 1958 die zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki besucht hatte, war er lange Zeit gelähmt vor Entsetzen: Was er gesehen hatte, überstieg seine Vorstellungskraft – und bestätigte seine Hypothesen. Da die atomare Bedrohung alle Bewohner der Erde betraf («Was alle treffen kann, das betrifft uns alle»), lehnte er philosophische Theorien, die nur hinter den Mauern der Universitäten gelehrt wurden, ab. Der Bäcker backe ja auch nicht nur für Bäcker.

Hunderte tickende Zeitbomben

Im Unterschied zu vielen seiner Zunft war Anders, wie Bernard Russell oder Primo Levi, ein engagierter Zeitgenosse. So wurde er 1954 Mitbegründer der Anti-Atom-Bewegung, fest überzeugt davon, dass eine friedliche Nutzung der Atomenergie eine Illusion sei. In der Trennung von kriegerischer und ziviler Nutzung sah er eine von AKW-Befürwortern und der Atomlobby vertretene Ideologie. Bei den Atomkraftwerken handle es sich um «Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin». Wenn man diese Aussage von Anders ernst nimmt, dann ticken auf der Erde Dutzende, ja Hunderte hochexplosive Atombomben. «Die Zukunft kommt nicht mehr. Wir machen sie», heisst es lakonisch.

Eine weitere Betrachtung, die durch die jüngste Katastrophe in Japan ihre Bestätigung gefunden hat, ist die Einsicht von Günther Anders in die unauflösliche Verquickung von Natur- und Technikgeschichte: Das Ausmass der Zerstörung erreichte erst durch das Zusammenspiel von Erdbeben, Tsunami und Kernkraftwerken solche extremen Dimensionen. Alle Versuche, natürliche Ereignisse von den technischen Errungenschaften zu scheiden, diene der Verschleierung der wahren Tatsachen: «Die Macht einer Weltanschauung bewährt sich ja nicht durch die Antworten, die sie zu geben weiss, sondern durch die Fragen, die sie abzudrosseln versteht.» Als Moralist fühlte sich Günther Anders verpflichtet, gegen die herrschende Apokalypse-Blindheit anzukämpfen. Da wir uns das Schlimmste nicht imaginieren können, müsse wenigstens das denkbar Schlimme im Bewusstsein gehalten werden – allen Verlockungen des Vergessens zum Trotz (am Beispiel Tschernobyl lässt sich die Halbwertszeit des Gedächtnisses leicht ermitteln).

Die Allmacht ist eine Ohnmacht

Günther Anders, der stets den Dialog suchte, führte einen viel beachteten Briefwechsel, «Off Limits für das Gewissen», mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly, der «epochalen Gegenfigur zu Eichmann». Anders als in den Arbeiten seiner zeitweiligen Ehefrau Hannah Arendt stand der Holocaust nicht im Zentrum der Forschungen von Günther Anders. Den Wendepunkt der menschlichen Geschichte sah er in der «pausenlosen Apokalypse-Drohung» durch die Bombe. Das, was 1945 in Japan geschah, war ein bitterer Vorgeschmack einer stets bedrohten Zukunft: das unmissverständliche Mahnmal einer künftigen Apokalypse. Die Menschheit hat ihre eigene Zerstörung selbst in der Hand: Allmacht und Ohnmacht zugleich.

War früher der Mensch sterblich, so ist es heute die Menschheit. Unser weiteres Schicksal liegt darin begründet, dass die technologische Höchstleistung zugleich ein zivilisatorischer Tiefpunkt ist. Gegen die Verdrängung dieser unheimlichen Allianz, die in den letzten zwei Wochen mit aller Deutlichkeit zutage getreten ist, hat Günther Anders ein Leben lang gekämpft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2011, 20:36 Uhr

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Der moderne Mensch lebt in einer Zeit, die nicht mehr seine ist: Günther Anders.

Atomphilosoph Günther Anders

Günther Anders, mit bürgerlichem Namen Günther Stern, wurde 1902 in Breslau geboren. 1915 zog die Familie nach Hamburg um. Anders studierte und promovierte bei Edmund Husserl in Freiburg im Breisgau. Zusammen mit Hannah Arendt besuchte er auch Vorlesungen bei Martin Heidegger. 1929 heiratete Anders seine Kommilitonin. In den 30er-Jahren arbeitete er als Redaktor beim «Berliner Boersen-Courier»; in dieser Zeit legte er sich den Namen Anders zu. 1933 floh Günther Anders vor den Nazis nach Paris – drei Jahre später in die USA. Um den Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er in Fabriken und unterrichtete als Lehrer. 1950 kehrte er nach Europa zurück und lebte als freier Publizist in Wien. 1956 erschien der erste Band der «Antiquiertheit des Menschen». Anders besuchte danach die zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki. Der Briefwechsel mit dem Piloten Claude Eatherly sorgte weltweit für Aufsehen. 1980 erschien der zweite Band seines Hauptwerks. Günther Anders, stets in bescheidenen Verhältnissen lebend, starb 1992.

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