Was ist falsch am Dickpic?

Wer Penis-Bilder verschickt, ist nicht immer ein Widerling.

Nein, mehr zeigen wir hier nicht. Foto: Kalle Singer (Plainpicture)

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«Wer, ausser den Fotografen, will so etwas sehen?» fragte Michèle Binswanger in dieser Zeitung zu den kürzlich aufgetauchten Nacktbildern des 68-jährigen texanischen Kongressabgeordneten Joe Barton. Binswangers Vermutung: er habe seine Bilder ungebeten versendet.

«Leiden Männer in dieser Hinsicht unter einer Körperwahrnehmungsstörung und sehen statt eines Glieds etwas viel Heroischeres?», fragt Binswanger. «Ein diamantbesetztes Schwert vielleicht? Das könnte auch erklären, warum es so vielen Männern schwer verständlich scheint, dass man Frauen das Ding nicht ungefragt unter die Nase – Pardon, in die Augen – reiben sollte.»

Kam der Penis aus heiterem Himmel?

Das Phänomen der Selfies mit Genitalien ist unterdessen medial so virulent, dass es einen eigenen Begriff dafür gibt: Dickpic. Vermutlich leiden Männer allerdings nicht unter Körperwahrnehmungsstörung, wenn sie solche Bilder senden. Eher haben Dating-Apps wie Tinder und Co., ja das Smartphone überhaupt, die Hemmschwelle dafür immer tiefer gelegt. Vermutlich – Belege gibt es dafür wohl kaum – werden explizite Bilder von männlicher Seite schneller und ungebetener übermittelt, als den Damen lieb ist. Das ist streng genommen sexuelle Belästigung, wobei der Chatverlauf dann zeigen müsste, inwiefern der Penis tatsächlich so aus heiterem Himmel kam. Das Dickpic an sich ist nicht per se böse. Es ist vor allem ein Produkt der wachsenden Verschmelzung von Technik und Sexualität. Landet so ein Dickpic in der Öffentlichkeit, kennt man den Kontext nicht.

Die Meinungen sind aber schnell gemacht: der Urheber ein Widerling, die Empfängerin das Opfer, das sich nicht anders zu helfen wusste, als das Bild zu teilen. Dass das Dickpic einvernehmlich entstanden sein könnte oder gar gefordert wurde, wird ausgeblendet oder einfach «fairerweise» erwähnt. Umgekehrt gilt das nicht. Erreicht ein weibliches Nacktbild ungewollt die Öffentlichkeit, wird von Rache-Porno ausgegangen. Die Frauen sind in beiden Fällen Opfer, die Männer beide Male Täter. Nun ist sonnenklar, dass explizite Bilder wie jene von Geri Müller, Anthony Weiner oder Joe Barton nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Es steht dieser somit nicht zu, darüber zu urteilen, es sei denn, der Tatbestand der sexuellen Belästigung ist bewiesen.

Eine ganz gewöhnliche Entblössung

Einvernehmlichkeit vorausgesetzt, ist ein Dickpic nichts anderes als ganz gewöhnliche, uralte Entblössung, wie sie jedem noch so konservativen Geschlechtsverkehr vorausgeht. Binswangers Bemerkung zu Barton («Wer, bitte, will so etwas sehen?») hört sich somit an, als würde sie dem älteren Herrn ein Sexualleben gänzlich verbieten. Wir fragen ja auch nicht laut bei jedem x-beliebigen Menschen: «Wie eklig! Wer will den denn schon nackt sehen?» Nur weil ein Nacktbild an die Öffentlichkeit gezerrt wurde, sollte man sich ein vorschnelles Urteil über den Urheber verbieten. Der Entblösste ist, solange man von sexueller Belästigung im Zusammenhang mit dem Bild nichts weiss, primär als Opfer zu behandeln.

Und nachdem das Smartphone überall im Leben Einzug gehalten hat und schon die ersten Tinder-Babys das Licht der Welt erblickt haben, kommt eine pauschale Verurteilung von Nacktbildern in Chatverläufen etwas altmodisch daher, um nicht zu sagen prüde. Michèle Binswangers Appell sollte vor allem Verbreiterinnen gelten, nicht den Urhebern: Frauen, die ungewollt Dickpics erhalten, können diese löschen oder Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten. Aber bitte teilt sie nicht mit uns, denn ja: Wer, bitte, will das sehen?

Erstellt: 01.12.2017, 18:18 Uhr

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