Interview

«Was mir noch fehlt, ist ein Saurer 10DM»

Am Samstag findet das alljährliche Saurer-Treffen statt. Saurer-Sammler und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner über die Faszination der ausgestorbenen Lastwagenmarke.

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Herr Giezendeanner, wie viele Saurer besitzen Sie?
Die ganze Sammlung umfasst 37 Lastwagen.

Wie kommt man zu einem solchen Hobby?
Mein Vater stammte ursprünglich aus der Ostschweiz. Er war Fuhrunternehmer, und der erste Lastwagen, den er 1934 kaufte, war ein Saurer aus Arbon. Dieses Fahrzeug habe ich später wiedergefunden und restauriert. Ab da habe ich angefangen, auch nach weiteren Lastwagen Ausschau zu halten. So habe ich mir langsam eine Serie der verschiedenen Fahrzeugtypen aufgebaut.

Eine zeit- und geldintensive Freizeitbeschäftigung...
Es braucht vor allem sehr viel Zeit. (lacht) Und ja: Es ist ein teures Hobby. Die Lastwagen müssen restauriert werden. Dazu braucht es Ersatzteile, die man zuerst auftreiben muss. Restauriert wird vor allem in den Wintermonaten; dann bin ich im Schnitt jedes zweite Wochenende im alten Zeughaus anzutreffen. Ich mache dies natürlich nicht alles allein. Der Werkstattchef unserer Spedition hilft mir bisweilen, und auch meine beiden Söhne haben mir kräftig unter die Arme gegriffen. Dazu kommt, dass ich diese Sammlung über einen Zeitraum von rund 30 Jahren aufgebaut habe. Sprich: Ich habe im Schnitt pro Jahr einen Saurer in die Sammlung aufgenommen.

Gibt es in Ihrer Sammlung ein Lieblingsstück?
Das ist ganz klar der Saurer meines Vaters, der BLD von 1934.

Sie haben gesagt, Sie hätten diesen Lastwagen wiedergefunden...
Eines Tages erhielt ich einen Anruf eines Bauern in Steinhausen. Das war 1974 oder 1975. Der erzählte mir, bei ihm stehe hinter der Scheune noch dieser Saurer-Lastwagen. Er habe ursprünglich einen Anhänger daraus bauen wollen, habe den Umbau aber nie vollzogen. Auf der Türe könne man noch eine Aufschrift «Giezendanner» ausmachen. Ich habe den Wagen dann gekauft und aufwendig restauriert – gewissermassen zu Ehren meines Vaters

Was bedeutet für Sie der Name Saurer?
Saurer ist ein wichtiges Stück Schweizer Industriegeschichte. Leider ist die Geschichte des Unternehmens eine eher tragische: Die Firma war sehr innovativ, aber anscheinend kaufmännisch nicht gut geführt. Die Tatsache, dass die Produktion eingestellt werden musste, löst bei mir immer noch etwas Wehmut aus. Mein Vater fuhr praktisch nur Saurer-Lastwagen. Als Kind durfte ich immer mal wieder mit ihm nach Arbon, um bei Saurer einen neuen Lastwagen abzuholen. Ein Grund, weshalb ich heute Saurer sammle, ist sicherlich auch, dass ich ganz viele Emotionen mit diesen Lastwagen verbinde.

Es ist also auch ein Erhalten einer früheren Schweiz?
Durchaus! Saurer ist nicht nur ein Stück Industriegeschichte, es ist auch Schweizer Geschichte im Allgemeinen. Wenn man früher mit dem Auto über den Gotthard oder den Grimsel fuhr, traf man auf Saurer-Busse. Die Lastwagen und Postautos gehörten zum Orts- und Strassenbild. Mich verbindet Saurer mit unserem Land und mit meiner eigenen Geschichte. Als ich selber Transportunternehmer wurde, kaufte ich selber die Lastwagen aus Arbon.

1982 gab Saurer bekannt, dass die Lastwagenproduktion eingestellt werde. Was löste diese Mitteilung damals bei Ihnen aus?
Ich kann mich noch gut an diesen Moment erinnern. Das war ein Schock. Wir waren eine Gruppe von Transportunternehmern, die damals zusammensassen und überlegten, ob wir gemeinsam das Geschäft übernehmen könnten. Das war aber nicht möglich.

Ein zu grosser Brocken...
Genau. So ein Unterfangen hätten wir finanziell gar nie stemmen können. Die Motorenforschung ging ja dann an die italienische Iveco (Teil des Fiat-Konzerns, Anm. d. Red.), und der Rest wurde von Mercedes aufgekauft.

Zurück zu Ihrer Sammlung: Welche Reaktionen löst Ihr Hobby bei den Leuten aus?
Die Menschen haben Freude an meiner Sammlung. Ich werde immer wieder von Leuten angefragt, ob sie die Lastwagen anschauen dürfen. Für viele ist es halt ein Stück Schweizer Tradition, das ich erhalte. In der Umgebung stört man sich auch nicht daran, wenn ich von Zeit zu Zeit am Wochenende eines der Fahrzeuge aus der Halle hole und den Motor anlasse.

Gibt es noch einen Lastwagen, der Ihnen fehlt?
Was mir noch fehlt, ist ein Saurer 10DM von der Schweizer Armee. Die sind momentan ja noch im Einsatz. Aber ich werde bald einen bekommen. (lacht)

Eine solche Sammlung ist ein Lebenswerk. Machen Sie sich Gedanken darüber, was einst aus den Lastwagen wird?
Solche Gedanken mache ich mir auf jeden Fall. Aber ich habe eine Tochter und zwei Söhne, welche ebenfalls Freude an den Lastwagen haben. Die werden die Sammlung nach mir sicherlich weiterpflegen.

Erstellt: 23.08.2012, 10:26 Uhr

37 Lastwagen und eine Cohiba

Man könnte die gelbe, kleine Zigarrenschachtel glatt übersehen, würde einen niemand darauf aufmerksam machen. Als hätte sie jemand nur so beiläufig hingelegt, sitzt die einzelne Cohiba Siglo IV unscheinbar vor dem Kotflügel des alten Lastwagens, just neben dem Scheinwerfer. «Die habe ich in Andenken an meinen Vater hier hingelegt», sagt Ulrich Giezendanner, und ein feierlicher Ton schwingt in seiner Stimme mit. «Er hatte immer eine solche Zigarre dabei, wenn er mit dem Lastwagen fuhr.»

Der Lastwagen ist ein Saurer, hergestellt 1934 in Arbon am Bodensee. Ein Fahrzeug mit langer Schnauze, ausladendem Lenkrad und einer glänzenden Nummer eins auf dem Kühlergrill. Es ist das Herzstück von Ulrich Giezendanners Sammlung. Seit gut 30 Jahren trägt der Transportunternehmer und SVP-Nationalrat Lastwagen und Busse der Ostschweizer Marke Saurer zusammen.

Untergebracht ist sein Schatz im ehemaligen Zeughaus von Rothrist. Kaum steht Ulrich Giezendanner in dessen Halle vor den sauber aufgereihten Lastwagen, sprudelt es nur so aus ihm heraus: Typenbezeichnungen, Jahrgänge und Besonderheiten der Fahrzeuge. 37 Lastwagen besitzt er mittlerweilen. Das bestimmte und energische Auftreten, für welches der SVP-Politiker bekannt ist, weicht inmitten der Stücke aus Jahrzehnten Schweizer Industriegeschichte einem spürbaren Enthusiasmus. (kpn)

Geschichte von Saurer

Bereits ab 1896 baute Saurer mithilfe auswärtiger Karosserieunternehmen erste Nutzfahrzeuge. Ab 1903 verliessen die ersten vollständig von Saurer gebauten Lastwagen das Werk in Arbon TG. Von da an produzierte die Firma während acht Jahrzehnten Busse und Lastwagen, die das Schweizer Strassenbild prägten.

1982 wurde Saurer zusammen mit dem Wetziker Nutzfahrzeughersteller FBW zur Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon (NAW), an welcher Daimler-Benz mit 40 Prozent beteiligt war. Der letzte zivile Saurer-Lastwagen fuhr 1983 aus den Werkshallen in Arbon. Drei Jahre später wurde der letzte Militärlastwagen von Saurer an die Schweizer Armee ausgeliefert. (kpn)

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