Wehrt euch, Männer!

Männer müssen sich ebenfalls emanzipieren, so die zentrale Forderung eines neuen Readers zum Thema Männerpolitik, herausgegeben von Markus Theunert. Das ist allen klar – ausser den Betroffenen selbst.

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Männer tragen das Herz normalerweise nicht auf der Zunge. Nicht einmal, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Dies ist vielleicht der Grund, warum die männliche Emanzipation unter den gesellschaftspolitischen Themen eher ein Schattendasein führt. Kaum jemand weiss, welche Position und welche Interessen Männer in Sachen Gleichstellungspolitik vertreten. Abgesehen von den schrillen Antifeministen weiss kaum jemand, was man sich unter einem Männerrechtler vorstellen soll. Doch das beginnt sich jetzt zu ändern.

Ernst mit der Emanzipation

Dafür steht die Arbeit von Markus Theunert, ab 1. Juli Männerbeauftragter des Kantons Zürich und Herausgeber eines eben erschienenen Readers mit dem Titel «Männerpolitik». Um das Projekt Gleichstellung 40 Jahre nach dem Beginn der Frauenbewegung zu Ende zu bringen, müsse die Geschlechterpolitik nämlich heute auf die Bedürfnisse von Männern, Jungen und Vätern ausgerichtet und institutionell verankert werden, so die zentrale Forderung des Buches. Mit der Emanzipation des Mannes soll also endlich ernst gemacht werden.

Wer sich fragt, was das denn genau sein soll, findet in Theunerts Buch Antworten. Eine spezifische Männerpolitik wird da gefordert, weil die Männer in vielen Bereichen des gesellschaftspolitischen Lebens heute benachteiligt sind, so die These. Handlungsbedarf sehen die Autoren insbesondere in den Themenbereichen Bildung/Schule, Arbeit, Gesundheit, Sexualität und Gewalt. Da die ganze Gleichstellungsdiskussion sich bislang vor allem auf die Bedürfnisse der Frauen ausgerichtet habe, gelte es nun herauszuarbeiten, wie Männer, junge, alte und Väter, zum Projekt Gleichstellung beitragen können, so Theunert.

Diskussionsverweigerung

Klar ist, dass die Männer die Sache selber in die Hand nehmen müssen und nicht darauf warten dürfen, dass die Veränderungen von selber passieren. «Was jeder Paartherapeut und jede Paartherapeutin für Geschlechterbeziehungen bestätigen konnte, gilt auch für die Geschlechterpolitik: Es braucht die intrinsisch motivierte Mitwirkung beider, ebenso wie das Anerkennen ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, damit Entwicklung möglich wird», so heisst es in dem Reader. Das Problem ist nur: Die Männer scheinen sich der Diskussion bislang weitgehend zu verweigern. In Deutschland schrieben erst zahlreiche junge Autorinnen über das Phänomen der Schmerzensmänner – also junger, in ihrer Rolle verunsicherter Mitstudenten –, bevor die Männer selber in die Tasten zu greifen begannen, um über ihr Mann-Sein, und was das heute bedeuten soll, zu reflektieren. Dasselbe Muster zeigt sich auf gesellschaftspolitischer Ebene. «Es ist nicht einfach, die Männer zu mobilisieren, denn es gibt viel Ignoranz», sagt Theunert. «Deshalb darf man die Männer nicht als Helfershelfer für die weibliche Gleichstellung ansprechen, sondern man muss ihre Leidenschaft wecken.» Die Frage ist nur wie.

In den letzten Jahren habe sich tatsächlich eine Veränderung beobachten lassen, sagt Theunert. Interessanterweise läuft diese Bewegung ähnlich wie damals bei den Frauen. Noch vor wenigen Jahren habe man auf männerpolitische Forderungen kaum reagiert, dann wurden sie belächelt, heute erfahre er deutlichere Zustimmung, aber auch Ablehnung, sagt Theunert. Denn es geht um Fragen, die Männer sich ungern stellen: Welches Bild von Männlichkeit pflegen wir? Welche Aspekte werden ausgeblendet? Wo braucht der Mann Engagement, vielleicht sogar Hilfe? Männer, so Theunert, müssten sich auch als gegenderte Wesen begreifen. Solche Fragen werden gerne tabuisiert oder schlicht ignoriert. Ohne diese Auseinandersetzung werde sich aber auch nichts ändern.

Hamsterrad der Leistungsgesellschaft

Vielleicht liegt das auch daran, dass diese Themen unsere Gesellschaft als Ganzes infrage stellen. Denn das vorherrschende männliche und zunehmend auch weibliche Lebensgefühl ist das, im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft gefangen zu sein. Werte werden zunehmend an Leistungen geknüpft, wer nicht mithalten kann, findet sich an den Rändern wieder. Dass die Männer sich trotzdem nicht so richtig mobilisieren lassen, hat vielleicht mit der Angst zu tun, dass der Leidensdruck und die Bereitschaft, sich Schwäche einzugestehen, noch nicht gross genug sind.

Interessanterweise sind es denn auch vor allem die jüngeren Männer, aber auch Frauen, die besonders positiv auf die gleichstellungspolitische Arbeit der Männer reagieren, sagt Theunert. Denn dies ist die Generation, die sich mit dem Feminismus alter Prägung nicht mehr identifiziert und nach neuen Wegen sucht, eine geschlechtergerechte Gesellschaft zu realisieren. In der Männer wie auch Frauen zu ihren Rechten kommen und sich entfalten können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.05.2012, 15:11 Uhr

Infobox

Theunert, Markus (Hrsg.) «Männerpolitik - Was Jungen, Männer und Väter stark macht»
Springer VS, 2012. 445 S.
ISBN: 978-3-531-18419-7

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