Wein, Weib und Gedöns

Ein offener Brief an Thilo Sarrazin.

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Sehr geehrter Herr Sarrazin, lieber Thilo – ich darf Sie doch liebevoll beim Vornamen nennen, auch wenn ich beim Sie bleibe, fürs Du ist meine Bewunderung zu gross –, Sie haben ein neues Buch geschrieben, es wurde Zeit, fürwahr. Mit Freude stelle ich fest, dass Sie auch in Ihrem neuesten Werk wild Tabus brechen und in Ihren 8000 Interviews sagen, was keiner sagen darf. Im Buch schreiben Sie auch über Frauen und Männer. Gott, das ist mein Thema.

Auch ich fühle mich umzingelt von Geschlechtern und möchte gehörig meine Meinung kundtun, was sich erübrigt, sobald ich Ihre lese. «In Thilo veritas» lautet der Titel Ihres Blogs (Untertitel: «Nur der Wahrheit verpflichtet»), und eine Ihrer Erkenntnispreziosen lautet sinngemäss: Es gibt genetische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Um darauf zu kommen, hätte ich mir die Lampe mit drei Liter Fusel füllen müssen. Sie aber gehen hurtig weiter und sagen, die männliche Intelligenz sei weiter gestreut als die weibliche, sodass unter Männern naturbedingt sowohl mehr Deppen als auch mehr Superhirne zu finden seien. Ergo gibt es mehr Erfinder, Ingenieure, Atomphysiker, Nobelpreisträger – Frauen nicht mitgemeint.

Wissen Sie, dass Sie mich an Onkel Faruk erinnern? Derselbe Schnurrbart, derselbe strenge Blick, dieselben krausen Gedanken. Onkel Faruk schleppte allsonntäglich seine Frau herbei, um mit ihr, auf unserem Sofa sitzend, Hagebuttentee zu schlürfen. Geräuschvoll sog er das Wasser aus dem Teeglas und sagte: «Ach, ach, was für eine Welt. Da baust du Strassen und Hochhäuser, legst Schienen und Bypässe, und dann stirbst du kurz vor deiner Rente und kannst vom Himmel aus zusehen, wie dein Weib dein Geld mit einem anderen versäuft. Ach, ach, diese Frauen.» Wenn seine peinlich berührte Gattin sich anschickte, das Thema zu wechseln, zischte Herr Faruk: «Weib, halt die Klappe, wenn Menschen reden.» So war Faruk.

Und so ähnlich klingt es bei Ihnen. Natürlich gibt es mehr männliche Nobelpreisträger als weibliche. Freilich könnte dies auch mit dem Umstand zusammenhängen, dass Herr Nobel selber ein Mann war, und wohl kaum einen Preis ausgeschrieben hätte für die Betreuung von Alten und Schwachen. Abgesehen davon, dass in vielen Ländern dieser Welt Frauen genug damit zu schaffen haben, für ihr Stimmrecht, ihre Würde und die körperliche Unversehrtheit zu kämpfen. Da bleibt wenig Zeit für Astrophysik. Alles Details.

Auch die Homo-Ehe streifen Sie flott mit Ihren kühnen Gedanken. Diese heisse fälschlicherweise so, da Ehe als sexuelle Gemeinschaft zwischen Mann und Frau dazu da sei, Kinder hervorzubringen. Zu diesem Thema würde ich an Ihrer Stelle ein ganzes Buch schreiben, denn ich habe den Verdacht, dass die allermeisten Menschen das so nicht kapiert haben. Ja, beinahe will mir scheinen, dass sich nicht wenige aus purer Lust an der Sache zu temporären oder beständigen sexuellen Gemeinschaften zusammenschliessen.

Ach, ich könnte mich stundenlang mit den von Ihnen gebrochenen Tabus beschäftigen, wäre ich keine Frau, die von Natur aus eher im geistigen Mittelfeld dahindümpelt. Aber bevor ich mich wieder meiner Makramee-Arbeit zuwende, muss ich noch eines loswerden: Die Wahrheit liegt tatsächlich nicht immer im Wein, wie ich dank Ihnen weiss. Manchmal reichen ein trockenes Schwadronieren und ein paar Politgroupies (Männer mitgemeint) vollkommen aus, um im alleinigen Besitz der ganzen Wahrheit zu sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2014, 14:46 Uhr

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