Wenn Kinder die Universität stürmen

Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte: Die Kinder-Universität Zürich startet demnächst mit ihrer 100. Vorlesung das neue Semester. Hochschulen für Mini-Studenten liegen europaweit im Trend.

Die Kinder wollen allen's wissen: Für die Professoren sind die jungen Zuhörer eine besondere Herausforderung.

Die Kinder wollen allen's wissen: Für die Professoren sind die jungen Zuhörer eine besondere Herausforderung. Bild: Sebastian kahnert (Caro)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es geht nicht um Leistung. Erst recht nicht um Hochbegabtenförderung. Das will Katharina Furrer betont haben. «Die Kinder-Universität Zürich richtet sich an alle Kinder der dritten bis sechsten Primarklasse. Wir wollen einfach nur ernsthaft auf die kindliche Neugierde eingehen», sagt die Co-Leiterin der Kinder-Universität Zürich, die demnächst mit der 100. Vorlesung jubiliert.

Heute, da über Frühchinesisch und Intensivförderung für Vorkindergärtler debattiert wird, könnte allerdings allein der Begriff «Kinder-Universität» missverstanden werden. Und wer «Kinderuniversität Schweiz» in die Google-Suchzeile eingibt, landet prompt auf der Homepage des Elternvereins für hochbegabte Kinder. Es ist symptomatisch, dass die am häufigsten gestellte Frage von Eltern lautet, ob ihr Kind gut genug sei, um an der Universität zugelassen zu werden.

Die Eltern bleiben draussen

Dabei geht es gerade nicht um Noten; es gibt weder Zulassungs- noch Abschlussprüfungen. Seit sechs Jahren bietet Zürich jedes Semester Vorlesungen am Mittwochnachmittag an. Sie dauern 45 Minuten und sind gratis. Einzige Voraussetzung: Die Interessierten müssen sich schriftlich anmelden. Für das aktuelle Semester ist die Frist bereits abgelaufen. Meist melden sich bis zu 500 Kinder an, genau so viele haben Platz im grossen Hörsaal. Drinnen sind Erwachsene nicht zugelassen. Das ist Konzept: «Die Kinder sollen sich unbeobachtet fühlen und frei Fragen stellen können», sagt Katharina Furrer.

Entstanden ist das Angebot in Zürich auf Initiative der Zahnärztin und Mutter Sabine Salis Gross. Sie wurde von der Universität Tübingen inspiriert, wo seit 2002 regelmässig Veranstaltungen für Kinder laufen. Im Sommer 2004 fand die erste Vorlesung in Zürich statt. Aus dem Pilotprojekt entstand eine feste Einrichtung. Sponsoren und Gönner finanzieren den Betrieb, die Hochschule stellt die Infrastruktur zur Verfügung, die Professoren arbeiten unentgeltlich. Wurden zu Beginn 12 Vorlesungen pro Semester organisiert, sind es jetzt noch 4. Der Grund: Man wollte den Begleitpersonen (meist Eltern) keinen zu hohen Aufwand zumuten mit dem wöchentlichen Bring- und Holdienst während fast drei Monaten.

Losentscheid beim Laborkurs

An den Vorlesungen nehmen etwa gleich viel Buben wie Mädchen teil – darunter, gemäss Katharina Furrer, «ein Grossteil mit Migrationshintergrund». Ob auch Kinder aus bildungsfernen Familien darunter sind, ist unklar. Alle Teilnehmenden erhalten schriftliche Zusammenfassungen zu den Veranstaltungen und können Kritik und Anregungen per Online-Fragebogen loswerden. So entstehen auch Ideen für künftige Veranstaltungen.

Besonders gut laufen naturwissenschaftliche Fächer und Medizinthemen. Fragen zur Natur und zu dem eigenen Körper liegen nah am Alltag, und die Antworten darauf lassen sich oft konkreter veranschaulichen als Erkenntnisse aus den Sozial- und Geisteswissenschaften. Sehr beliebt sind die Laborkurse: Seit vier Jahren gibt es Einzelveranstaltungen für maximal 24 Kinder. Das Los entscheidet, wer aus der Menge der Interessierten (bis zu 200 Anmeldungen) teilnehmen darf. Das aktuelle Semester beginnt am 6. Oktober mit dem Kurs «Was geht uns das Klima an?». Es kracht und raucht auch mal, etwa wenn ein Kugelblitz im Mikrowellenofen produziert wird.

Herausforderung auch für Dozenten

Roger Alberto, Professor für Chemie an der Universität Zürich, weiss, dass solche Angebote ziehen. Er ist einer der 75 Dozierenden, die die letzten 99 Vorlesungen gehalten haben. Alberto will kein Entertainer sein, sondern ernsthaft Einblick in die Chemie ermöglichen, denn das kommt seiner Meinung nach in den Lehrplänen zu spät. Also doch Werbung um künftige Hochschulabsolventen? Der Professor bejaht. In erster Linie freilich motiviert ihn der Kontakt mit den Kindern. «Da wird spontan gejubelt und geklatscht, die Kinder gehen mit», sagt er, was man von normalen Studenten nicht immer behaupten könne.

Er sieht es als fachliche Herausforderung, die Materie so darzustellen, dass 12-Jährige verstehen, worum es geht, ohne banal zu werden. Am 17. November wird Alberto die Spezialvorlesung «Feuer und Flamme» halten; damit feiert die Kinder-Universität Zürich ihre 100. Vorlesung.

Papierflieger untersagt

Nicht nur Zürich zieht Kinder an die Universität. St. Gallen startete im Winter 2003/04 als erste Hochschule der Schweiz mit einer Veranstaltung zum Thema «Woher kommt das Geld?». Bis zu 350 Kinder besuchen seither die Vorlesungen aus den Gebieten Betriebs-, Volkswirtschafts-, Rechts- und Kulturwissenschaft. Basel, Luzern und Bern haben ebenfalls Kinderprogramme. Diese unterscheiden sich allerdings: Einige finanzieren sich über die Uni, andere über Sponsoren. Bern verkündet auf der Website «Benimmregeln» (Kaugummis und Papierflieger untersagt). Basel bietet Vorlesungen nur im Frühjahrs-/Sommersemester an, «damit die Kinder noch im Hellen nach Hause kommen». Und während St. Gallen und Luzern am Ende des Semesters Diplome abgeben, distanziert sich Zürich explizit von «dokumentierten Leistungen».

Die Plattform Eucunet (European Children’s Universities Network) versucht derweil, die verschiedenen Kinder-Uni-Angebote europaweit zu vernetzen. Allerdings variieren diese stark und schwanken zwischen PR-orientierten und sozial-integrativen Formaten. Bei Eucunet sind derzeit 125 Projekte registriert. «Aber allein in Deutschland sind sicherlich mehr Organisatoren aktiv, als bei uns Mitglieder sind», sagt Cyril Dworsky von Eucunet. Für Grossbritannien bemüht sich derzeit die Children’s University of Manchester, die Veranstaltungen national zu koordinieren.

Anmeldungen für die Frühlings-/Sommersemester (auch Basel, Bern, Luzern und St. Gallen): ab Anfang 2011.

Erstellt: 28.09.2010, 20:34 Uhr

Kommentare

Blogs

Sweet Home Einmal flachlegen, bitte

Mamablog «Spiel mir das Lied vom Trotz»

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...