Wenn der Schrei nach Geld erhört wird

Immer mehr Kulturschaffende entdecken Crowdfunding als neue Einnahmequelle. Manchmal holt man so 4000 Franken in 24 Stunden – es kann aber auch schiefgehen, wie Filmemacher Samir erfahren musste.

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In diesem Jahr werden laut Prognosen weltweit 2,8 Milliarden Dollar mit Crowdfunding eingenommen, wie der «Economist» berichtete. Letztes Jahr waren es 1,3 Milliarden, im Jahr davor 530 Millionen, verteilt auf drei Bereiche: Investitionen in Start-up-Unternehmen, Spenden für wohltätige Zwecke und Unterstützungsbeiträge für kulturelle und soziale Projekte, wobei diese oft mit einer Gegenleistung verbunden sind. Der ganze Prozess läuft über das Internet. Die wichtigste Plattform in den USA ist Kickstarter.com. Das erfolgreichste Businessprojekt konnte dort über 10 Millionen Dollar einnehmen.

Auch im Kulturbereich wird diese Art der Finanzierung immer wichtiger. Die Sängerin Amanda Palmer zum Beispiel, die kein Label hat und ihre Musik über die Website Bandcamp vertreibt, holte für ihr neues Album über eine Million Dollar rein. In Deutschland wurde für einen Kinofilm zur beliebten Serie «Stromberg» über eine Million Euro gesammelt.

Erfahrungen in der Schweiz

Ist das auch in der Schweiz denkbar? Gibt es überhaupt Möglichkeiten? Anfang dieses Jahres gingen gleich drei Plattformen online: C-Crowd.com ist vor allem auf Unternehmen und Start-ups ausgerichtet. Wemakeit.ch hat sich auf Kunst und Kultur spezialisiert. Und 100-Days.net von den Machern von Ron Orp versammelt verschiedenste Projekte.

Was sind die ersten Erfahrungen? Laut Rea Eggli, Kulturunternehmerin und Mitgründerin von Wemakeit.ch, läuft es bisher sehr gut: «Wir sind sehr zufrieden, unsere Erwartungen wurden sogar übertroffen.» Seit dem Start der Plattform im Februar wurden bereits 220'000 Franken ausbezahlt. Wenn ein Projekt die angestrebte Finanzierung nicht erreicht, geht alles an die Spender zurück. Wird ein Projekt realisiert, gehen 10 Prozent als Provision und Kreditkartenkommission an die Plattform. Bisher erreichten oder übertrafen 37 von insgesamt 71 Projekten die erwarteten Einnahmen, das ist eine Erfolgsquote von 52 Prozent, was ein guter Wert ist, liegt der internationale Erfahrungswert im Crowdfunding doch bei 40 bis 50 Prozent.

Was sind die Erfolgsfaktoren beim Crowdfunding? Was muss man für ein erfolgreiches Projekt beachten? Rea Eggli meint: «Man muss erst mal das eigene Umfeld einbringen, die drei F – Familie, Freunde, Fans. Dann muss ganz einfach auch die Qualität stimmen. Und ein gutes Video hilft immer.» Momentan bewegen sich die Beträge bei 5000 bis 10'000 Franken. Es ist erfolgversprechender, tief einzusteigen – wenn mehr kommt, umso besser; einige Projekte haben fast das Doppelte eingenommen.

Eine echte Alternative?

Kann Crowdfunding eine echte Alternative in der Kulturfinanzierung werden? Laut Rea Eggli ist es vor allem für zwei Sachen gut: einerseits für kleinere Projekte, die nicht viel Geld brauchen; zum Beispiel konnten einige Bachelor-Projekte an der Zürcher Hochschule der Künste so finanziert werden. Andererseits als ergänzende Finanzierung in Zusammenarbeit mit Stiftungen und der öffentlichen Hand, um Löcher zu stopfen oder das Budget aufzustocken. Ausserdem verändert es die Beziehung zwischen Konsumenten und Produzenten: «Es ist auch eine neue Form, Kultur zu konsumieren. Früher hat man seine Freunde auf die Gästeliste gesetzt, heute bittet man sie von Anfang an um Mithilfe – und dafür bekommen sie auch was.»

Mit einer CD-Aufnahme des brasilianischen Sängers Gilberto Gil in Vevey ist auf Wemakeit.ch bereits ein internationaler Star vertreten. Auch der bekannte Schweizer Künstler Olaf Breuning sammelt für eine Edition seiner Serie «Art Freaks». Das Projekt «Bloch – die Weltreise eines Appenzeller Baumstamms» der Zürcher Künstlergruppe Com&Com hat sein Ziel – sowohl die Finanzierung als auch Berlin – erreicht. Manchmal kann es auch schnell gehen, wie die Initiatoren eines Skateparks in Basel merkten: Die anvisierten 4000 Franken hatten sie innert 24 Stunden zusammen. Zu hoch eingestiegen und gescheitert ist dagegen die Produktionsfirma Dschoint Ventschr mit dem Film «Die Schwalbe» von Mano Khalil und Samir: Mit Einnahmen von 20'000 Franken verfehlte man das Ziel von 50'000 Franken deutlich.

Dabei muss man bedenken, dass Crowdfunding in der Schweiz noch ganz am Anfang ist. Rea Eggli ist vom Potenzial überzeugt: «Ich denke, wir werden noch in diesem Jahr ein Projekt mit 50'000 Franken durchbringen.»

Erstellt: 21.06.2012, 15:11 Uhr

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