Wie Topmanager Martin Suter zum Schweigen brachten

Jüngst wurde Bestseller-Autor Martin Suter für seine Kolumne «Business Class» mit dem Swift-Preis für Wirtschaftssatire der Stiftung Marktwirtschaft, einem Berliner Think-Tank, ausgezeichnet. Der «Tages-Anzeiger» und Tagesanzeiger.ch/Newsnet veröffentlichen seine allerletzte Folge exklusiv.

«Der, der unsere Eliten der Marktwirtschaft seit Jahren durch den Kakao zieht»: Schriftsteller und Kolumnist Martin Suter.

«Der, der unsere Eliten der Marktwirtschaft seit Jahren durch den Kakao zieht»: Schriftsteller und Kolumnist Martin Suter.

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«Schon gehört? Suter bekommt den Swift-Preis.»

Baumgartner lässt die Hand voll Erdnüsse, die er sich eben in den Mund schaufeln wollte, auf Kinnhöhe in der Schwebe. «Martin Suter?» Die Hand bleibt in Wartestellung.

Kellerhals nickt sein vielsagendstes Nicken und füllt sich jetzt ebenfalls die hohle Hand mit Erdnüsschen.

Baumgartner lässt seine Hand auf den Tresen sinken und starrt sie fassungslos an. «Das ist doch der, der unsere Eliten der Marktwirtschaft seit Jahren durch den Kakao zieht.»

Kellerhals pickt sich mit Daumen und Zeigefinger seiner Rechten ein einziges Erdnüsschen aus der gehäuften Linken und steckt es in den Mund wie eine kulinarische Rarität. «Ebendieser», bestätigt er triumphierend, als hätte er seit Jahren vor diesem Skandal gewarnt.

Baumgartner kippt seine Ladung Erdnüsschen in den Mund und kaut wütend. «Und wird der Swift-Preis», mampft er, «nicht von der Stiftung Marktwirtschaft verliehen?»

Kellerhals sucht sich sorgfältig ein weiteres Nüsschen aus. «Du hast es erfasst.»

Baumgartner schluckt runter und spült sich den Mund mit Gin Tonic. «Und weshalb, um Himmels willen, tun die so etwas? Masochismus?»

Kellerhals winkt ab. «I wo. Die fühlen sich nicht angesprochen. Davon lebt die Satire: dass die, die gemeint sind, sich nicht angesprochen fühlen.» Er feiert diese Erkenntnis mit einem Schlückchen Campari Soda.

«Die Kolumne heisst ‹Business Class›. Wer sonst soll sich denn angesprochen fühlen, wenn nicht die Eliten der Marktwirtschaft?» Baumgartner greift sich den Silberlöffel, der aus hygienischen Gründen zu den Erdnüsschen serviert wird, und schippt die hohle Hand entschlossen wieder voll.

«Ich habe da so eine Theorie.» Kellerhals macht es spannend, angelt sich ein weiteres Nüsschen und kaut es gründlich.

Baumgartner wartet mit halb offenem Mund und einwurfbereiter Hand.

«Dadurch, dass die die Satire belohnen, distanzieren sie sich von denen, auf die sie zielt.» Kellerhals wartet mit einem befriedigten Lächeln auf die Wirkung seiner Einschätzung.

Baumgartner verschafft sich eine Denkpause, indem er sich die Backen mit Nüsschen füllt. Sein Gesprächspartner vertreibt sich die Wartezeit mit seinem Campari.

Endlich folgt Baumgartners Antwort. Sie lautet: «Nicht sehr solidarisch.»

«Solidarisch ist kein marktwirtschaftliches Kriterium.»

Baumgartner verwindet die Massregelung mit einem Schluck Gin Tonic. Dann erkundigt er sich: «Wie, ehem, wie hoch ist denn der Preis, ehem, dotiert?» Er ist auf das Äusserste gefasst. «Zehntausend.» «Ach so.» Baumgartner sucht den Blick des Barman und deutet auf sein leeres Glas.

Kellerhals reagiert beleidigt. «Du darfst das nicht mit uns vergleichen. Der Mann ist Kulturschaffender.»

Diesen Aspekt hatte Baumgartner für einen Moment aus den Augen verloren. «Stimmt. Für so einen könnte der Betrag ausreichen, als Anreiz missverstanden zu werden, noch motivierter über die Manager herzuziehen.»

Kellerhals winkt ab. «Da kann ich dich beruhigen. Der Mann hat aufgehört, die Kolumne zu schreiben.»

Der Barman bringt Baumgartner den frischen Drink, Kellerhals hält ihm sein nun ebenfalls leeres Glas hin.

«Jetzt hab ichs», ruft Baumgartner aus. «Die geben ihm den Preis gar nicht für die Kolumne!» «Wofür denn sonst?» Baumgartner lässt sich einen Schluck Zeit. «Die geben ihm den Preis dafür, dass er sie nicht mehr schreibt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2010, 08:20 Uhr

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