Hintergrund

Wie Züritüütsch aussieht

Hören wir eine Stimme am Telefon, erscheint sofort das Bild einer Person in unserem Kopf. Je nach Dialekt eine dicke oder schlanke Person – warum eigentlich?

Eckiges Zürideutsch, rundes Berndeutsch: Der Linguist Raphael Berthele hat seinen Probanden diese Skizzen vorgelegt, denen sie Dialekte zuordnen mussten. (Bild: Andreas Gerber)

Eckiges Zürideutsch, rundes Berndeutsch: Der Linguist Raphael Berthele hat seinen Probanden diese Skizzen vorgelegt, denen sie Dialekte zuordnen mussten. (Bild: Andreas Gerber)

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In der aktuellen Ausstellung «Sapperlot! Mundarten der Schweiz» in der Nationalbibliothek in Bern kann man per Audiofiles den verschiedensten Dialekten des Landes zuhören. Interessant ist das auch, weil man den Dialekten automatisch ein Gesicht zuordnet.

Da spricht eine tiefere weibliche Stimme Basler Dialekt, und man sieht eine anmutige Dame im fortgeschrittenen Alter vor sich. Die männliche Stimme spricht in einem höheren Ostschweizer Dialekt, und sogleich erscheint der kleine, korrekte Vierziger, Typ Bünzli mit Schnauz. Da ertönt ein gemächlicher Berner Dialekt aus dem Telefon, und schon ist er da, der Büezer mit dem aufgekrempelten Hemd.

Blumen für die Berner, Pfeile für die Zürcher

Professor Raphael Berthele forscht am Institut für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg. Er und sein Team versuchten eine linguistische Erklärung für die Stereotypen von uns Laien zu finden. In seiner Studie «Wie sieht das Berndeutsche so ungefähr aus?» aus dem Jahr 2006 legte er seinen Probanden zwölf Zeichnungen vor. Auf jeder Zeichnung ist ein Männlein mit Sprechblase. Einzig die Inhalte der Sprechblasen unterscheiden sich. Mal sind darin Blumen und Blätter zu sehen, mal eine Art Wasserpfützen, mal Pfeile, mal eine architektonisch anmutende Perspektivenzeichnung. Die Probanden mussten daraufhin den Bildern Dialekte und Sprachen zuordnen.

Tatsächlich gab es auffallende Übereinstimmungen. Die grosse Mehrzahl der Befragten war sich einig, dass sich der Berner Dialekt am besten durch die runden Wassertropfen (37 Prozent) oder durch die schönen Blumen (23 Prozent) beschreiben lässt. Der St. Galler und der Zürcher Dialekt wurden am häufigsten den spitzen Pfeilen oder der eckigen Architekturzeichnung zugeordnet.

Die Ursache liegt bei den Vokalen und in der Kindheit

«Wir vermuten, dass ein Grund für diese Assoziationen bei den Vokalen liegt, die je nach Dialekt mit hoher oder tiefer Zungenstellung ausgesprochen werden», erklärt Raphael Berthele. Im Berndeutschen sind viele Vokale relativ offen und werden mit tiefer Zungenstellung artikuliert. Beim Hochdeutschen oder bei Ostschweizer Dialekten sind die Vokale dagegen hoch, und der Mund muss entsprechend gespitzt werden. Aufgrund der synästhetischen Verbindung von hohen Vokalen mit spitzen Formen werden deshalb für Ostschweizer Dialekte mehr oder weniger übereinstimmend Attribute wie kantig, hart, stachlig oder eckig verwendet – für den Dialekt als solchen und für die Person, die ihn spricht. Daneben spielen gemäss Berthele aber auch nicht sprachliche, kulturelle Vorstellungen eine wichtige Rolle: Bei den Urnern und Wallisern etwa werden Konsonanten als scharf wahrgenommen, weil der Dialekt stereotyp mit scharfen Bergkanten in Verbindung gebracht wird.

Einen wichtigen Grund für die Bilder in unserem Kopf sieht Raphael Berthele auch in unserer Kindheit, während der wir für verschiedene Sprachen bestimmte Kategorien bilden. Neue Dialekte werden mit bekannten Personen in Verbindung gebracht, also zum Beispiel mit Tante Ida aus der Ostschweiz, die auf bestimmte Weise spricht. «Wenn man derart starke Beispiele im episodischen Gedächtnis gespeichert hat, verbindet man die Eigenschaft der Person schliesslich mit dem Dialekt», so Berthele. Andererseits gebe es jahrhundertealte, relativ stabile kulturelle Stereotypen, also etwa, dass Thurgauer lange Finger hätten oder Bergler viel Tiefgang. «Diese kulturellen Stereotypen werden mit der entsprechenden Sprache verbunden und gleichzeitig glaubt man, Merkmale der Sprache in den Stereotypen zu finden.» Und fertig ist das Bild in unserem Kopf.

Trefferquote bei Stimmen bescheiden

Dialekte sind das eine, die Stimmen das andere. Damit befasst sich Professor Volker Dellwo vom Phonetischen Laboratorium der Universität Zürich. Wie eine Stimme klingt, habe mit anatomischen Gegebenheiten zu tun. Je länger der Rachen und je grösser der Kehlkopf, desto tiefer die Stimme. «Sehen wir eine Person, können wir uns anhand der äusseren Formen der Sprechorgane, also des Kehlkopfes, des Kiefers und der Lippen, in etwa vorstellen, wie sie sprechen wird», so Volker Dellwo.

Am Telefon laufe dies genau umgekehrt ab. Sobald wir eine bestimmte Stimme hören, stellen wir uns basierend auf unseren Erfahrungen das Aussehen und Alter der Person vor. «Allerdings ist die Trefferquote nicht herausragend», so Dellwo. Dies bestätigte auch die Studie «Putting the Face to the Voice» von japanischen, britischen und kanadischen Forschern. Hier wurde Probanden eine Stimme vorgespielt und zwei Fotos vorgelegt, und umgekehrt. Sie mussten sagen, welche Stimme zu welchem Foto gehört. Etwa 60 bis 70 Prozent der Antworten waren richtig: nicht übermässig, aber dennoch deutlich höher als bei Zufallstreffern. Das bedeutet, dass wir immerhin bis zu einem bestimmten Grad einer Stimme ein passendes Gesicht zuordnen können und umgekehrt.

«Nur stark eingeschränkt können wir jedoch anhand einer Stimme beurteilen, ob jemand dick oder dünn, gross oder klein ist», sagt Volker Dellwo. Hinter einer tiefen, sonoren Stimme, die durch einen grossen Kehlkopf und Vokaltrakt entsteht, vermuteten wir typischerweise eine grosse Person, was jedoch oft nicht gerechtfertigt sei. Im Tierreich finde sich dasselbe Phänomen. «Manch kleine Spezies macht sich diesen vermeintlichen Zusammenhang zunutze. Weil sie evolutionsbedingt einen grossen Sprechapparat ausgebildet habe, überschätzen Beutefeinde ihre wahre Körpergrösse.» Etwa so verhält es sich auch bei Stimmen von Menschen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2012, 13:14 Uhr

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