Stadt Bern

Wie aus Kunst Vandalismus wird

Die Berner Kantonspolizei hat einen 20-Jährigen drei Stunden lang festgehalten. Weil er mit Wasserfarbe eine Regenrinne angemalt hat.

Bild: Max Spring/Berner Zeitung

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Der Raum im Keller des Polizeipostens ist weiss und leer, ein Stuhl, ein grauer Tisch, sonst nichts. Der Verdächtige steht da, in Unterhose, und schaut auf seine Kleider, die auf dem Tisch liegen. Der Polizist durchsucht ein Stück nach dem anderen, sorgfältig, die grüne Winterjacke, das karierte Hemd, die blaue Hose.

Er sucht nach einem Blatt Papier. Häufig tragen Sprayer Skizzen ihrer Werke auf sich. Wichtige Indizien. Doch der Beamte sucht vergebens. Der Verdächtige hat seine Skizze im Kopf. Denn der Mann, der nackt im Verhörraum steht, ist kein 0815-Sprayer. Sondern ein Künstler.

Ein Büroklotz

Noch eine Stunde zuvor sieht es nach einem schönen Nachmittag aus für den 20-Jährigen aus Wabern. Er schlendert die Hodlerstrasse entlang, 15.Oktober, 12.20 Uhr, vorbei am Kunstmuseum, Richtung Waisenhausplatz, eine Kollegin begleitet ihn. Den ganzen Nachmittag will er sich Zeit nehmen für ein Kunstprojekt. Die beiden sind unterwegs mit Pinsel, einer Palette Wasserfarben und einer Spiegelreflexkamera. Auf der Suche nach grauen Gegenständen, die er mit roten Linien bemalen kann. Er will damit den Kontrast hervorheben, quasi einen roten Faden durch die Stadt legen.

Die beiden finden eine Regenrinne, grau, an einem grauen Bau, irgendein Büroklotz neben dem Kunstmuseum, Sichtbeton. Der 20-Jährige tunkt seinen Pinsel in den roten Farbtopf und beginnt, Linien auf dem Blech zu ziehen.

Der Hausbesitzer trägt Blau

Zwei Polizisten entdecken die beiden, sehen die Kamera, den Pinsel, die Farbe auf der Regenrinne. Auf der Rinne, die zum Anbau des Polizeihauptgebäudes gehört.

Der junge Mann erklärt sein Projekt, will im nächsten Restaurant Servietten holen, um die Farbe wegzuputzen. Sie ginge ganz leicht ab, sagt er, es sei ja nur Wasserfarbe. Die Polizisten gehen nicht darauf ein. Sie verlangen einen Ausweis, der Mann erschrickt: Er hat keinen dabei.

Die mysteriöse Flüssigkeit

Bald sitzen der Künstler und seine Kollegin je in einem Raum im Polizeigebäude. «Angehalten», nennt man das bei der Polizei. Zur Kontrolle und Einvernahme. Der junge Mann muss sich ausziehen, die Kleider werden durchsucht. Die Polizisten legen Pinsel und Farbpalette je in eine Tüte, sie tragen Handschuhe, auf den Tüten steht «Staatsanwaltschaft».

Auch ein Fläschchen beschlagnahmen sie. Die Flüssigkeit darin enthält 70 Prozent Alkohol, es ist ein Medikament gegen Fieberblasen.

«Erkennungsdienstliche Behandlung»

«Was haben Sie da gemacht? Was war Ihre Absicht? Können Sie Ihren Tagesablauf beschreiben?» Die Einvernahme geht lange, der junge Mann kommt sich vor wie im Film.

Dann muss er sich in ein Polizeiauto setzen, die Fahrt endet beim Regionalgefängnis. Er muss sich vor eine Kamera stellen. Ein Bild von vorne, eins im Profil rechts, eins im Profil links. «Erkennungsdienstliche Behandlung», nennt man das. Die Polizisten stecken ihm ein Wattestäbchen in den Mund, Wangenschleimhautabstrich, DNA-Test. Als der Künstler und seine Kollegin aus dem Regionalgefängnis treten, ist es kurz nach 15 Uhr. Knapp drei Stunden sind vergangen, seit die Polizisten die Wasserfarbe auf der Rinne entdeckten. Am Abend soll es regnen.

Der Hauswart wird konsultiert

Bis heute warten die beiden auf Post von der Staatsanwaltschaft. Die Abklärungen laufen noch, bestätigt Polizeisprecher Christoph Gnägi. «Aus Sicht unserer Mitarbeitenden lag eine Sachbeschädigung vor.»

Anhand der gemachten Aussagen und der vorgefundenen Utensilien habe sich dieser Verdacht vor Ort nicht klären lassen. Verdächtig wirkte etwa die stark alkoholhaltige Flüssigkeit im Fläschchen. Sie hätte dazu dienen können, Spuren zu verwischen. Man konsultiere nun den Hauswart, um abzuklären, wie viel Aufwand er für das Entfernen der Farbe hatte. «Dann wird eine Anzeige wegen Sachbeschädigung geprüft», so Gnägi. Er weist darauf hin, dass Rückstände der rote Farbe noch heute erkennbar seien.

Ein Augenschein am Tatort zeigt: Tatsächlich, die Rinne ist noch leicht rötlich. Neben dem Fleck klebt ein Kleber: «Atomkraft? Nein danke.» Ob dafür auch jemand nackt im Polizeiposten stand, ist Gegenstand laufender Recherchen.

Erstellt: 17.11.2013, 11:04 Uhr

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