Wieso die Klimakrise nicht hoffnungslos machen muss

Zweiter Teil unserer philosophischen Miniserie zum Klimawandel: Ein Rezept gegen den Pessimismus.

Wirft die Frage der Hoffnung auf: Greta Thunberg an einer Klimademo im Juli in Berlin. Foto: Reuters

Wirft die Frage der Hoffnung auf: Greta Thunberg an einer Klimademo im Juli in Berlin. Foto: Reuters

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«Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet.» Das sind Greta Thunbergs Worte – und für einmal möchte ich ihr widersprechen. Ich schätze es zwar, dass sie die Frage der Hoffnung überhaupt aufwirft. Für den grossen Denker Immanuel Kant standen ja drei Fragen im Zentrum der Philosophie: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Die dritte Frage wird heute kaum noch diskutiert. Thunberg nimmt die Hoffnungsfrage immerhin ernst.

Wenn wir schon bei Kant sind, so kann ich meinen Einwand an Thunbergs düsterem Ausblick auch gleich gemäss seinen drei berühmten Fragen strukturieren:



1. Was kann ich wissen?

Konkret: Was kann ich über die Zukunft wissen? Geht es mit der Welt abwärts? Eine Ja-Nein-Antwort ist dabei nicht hilfreich. Stattdessen sollten wir in Wahrscheinlichkeiten denken. Ich persönlich halte es für wahrscheinlicher, dass es mit der Menschheit aufwärtsgeht. Der verbreitete Pessimismus beruht nämlich auf einer Illusion: Wir nehmen aktiv verursachte Negativereignisse wie Finanzkrisen und Kriege bewusster wahr als langfristige Hintergrundtrends. Dabei sind viele dieser Hintergrundtrends enorm positiv. Wussten Sie zum Beispiel, dass zu Beginn des Jahrtausends noch mehr als doppelt so viele Menschen in extremer Armut lebten? Wenn ich wetten müsste, so würde ich mein Geld auf eine bessere Zukunft setzen.



2. Was soll ich tun?

Diese Wette bedeutet aber nur, dass es besser kommen könnte. Aber sogar wenn die Wahrscheinlichkeit dafür über 50 Prozent liegt, so kann die Wahrscheinlichkeit einer schlechteren Welt ja trotzdem unverantwortlich hoch sein. Wenn Ihnen jemand eine Million für ein russisches Roulette anbietet, so würden Sie das Angebot schliesslich auch ablehnen – und dies, obwohl Sie mit diesem Angebot mit über 50 Prozent Wahrscheinlichkeit am Leben bleiben und das erst noch mit einer zusätzlichen Million in der Tasche.

Der Grund ist einfach: Für unser Handeln ist oft nicht der wahrscheinlichste Fall relevant, sondern der worst case. Genauso beim Klimawandel: Die Tatsache, dass die positiven Hintergrundtrends die Klimaschäden überwiegen könnten, ist kein Anlass zur Tatenlosigkeit. Die worst cases sind derart dramatisch, dass Notstandshandeln angebracht ist. Wir sollten die Emissionen im Nu auf Null senken. Und weil der Klimawandel die Ärmsten viel härter treffen wird und weil die Ärmsten auch in einer global besseren Zukunft schlechter dran sind als wir im Westen heute, sollten wir radikal zur Tat schreiten (zum Beispiel durch Flugverzicht, Spenden und vor allem der Wahl von Parteien mit kompromisslos wirksamen Klimaschutzrezepten). Das ist die Antwort auf Kants zweite Frage: Was soll ich tun?



3. Was darf ich hoffen?

Bei der Hoffnung geht es weder um das Wissen über die Wahrscheinlichkeit verschiedener Szenarien noch um das Handeln im Angesicht dieser Szenarien. Es geht um die Frage, ob wir unseren mentalen Fokus auf die guten oder schlechten Szenarien richten. Es könnte ja schliesslich alles gut kommen – und Hoffnung heisst, dieser Möglichkeit grosszügig Aufmerksamkeit zu schenken.

Das mag auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Aber das ist es nicht! Hoffnung ist Nahrung für die menschliche Seele. Wer Hoffnung kritisiert, sollte ausschliesslich die missbräuchliche Hoffnung kritisieren. Wir können beispielsweise Hoffnung herbeischwindeln, indem wir die Wahrscheinlichkeit bedrohlicher Szenarien herunterspielen. Aber wenn wir ehrlich hoffen, dann konfrontieren wir uns mit der Wahrscheinlichkeit von Katastrophenszenarien. Schliesslich geht es bei der Hoffnung nicht darum, welches Szenario wie wahrscheinlich ist, sondern auf welches Szenario wir unseren mentalen Fokus lenken.

Gemäss Forschung scheint Hoffnung wirkungsvoller zum Handeln zu bewegen als Panik.

Ebenso wird Hoffnung missbraucht, um dem Handeln auszuweichen. So wird in Schlussreden von Klimakonferenzen Hoffnungs-Blabla eingesetzt, um zu überspielen, dass konkrete Taten ausbleiben. Aber ein solches Ausweichen muss nicht sein. Nur weil die Feuerwehr hofft, den Brand zu löschen, setzt sie sich ja deswegen auch nicht zur Ruhe. Gemäss Forschung scheint Hoffnung tendenziell sogar wirkungsvoller zum Handeln zu bewegen als Panik (und das könnte sogar bei missbräuchlicher Hoffnung der Fall sein).

Deshalb: Schreiten wir angesichts der Klimakrise zur Tat – und lassen wir den Kopf nicht hängen. Zur Tat sind wir verpflichtet, nicht aber zur Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil.

Dominic Roser ist Vater zweier Kinder, arbeitet an der Uni Freiburg als Lehr- und Forschungsrat und engagiert sich in der Bewegung des Effektiven Altruismus. Er ist Co-Autor eines Einführungsbuchs zur Ethik des Klimawandels.

Erstellt: 19.07.2019, 11:53 Uhr

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