Wir, die Pädophilen

Güzin Kar nimmt sich eines ganz heiklen Themas an.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Manchmal sind die Dinge ganz klar. Gut ist gut, und bös ist bös. Man weiss, wo sein Herz schlägt, wo kühle Gedanken lagern, griffbereit und verfügbar im Vorratsschrank der Werte. Wir verurteilen Pädophilie. In all ihren Ausformungen, Spielarten und Erscheinungsformen.

Und wer diese Ordnung stört, wird an der Hand gepackt und an die Schwelle zum Hobbyraum geführt: Soll ich dir zeigen, wo der Hammer hängt? Wenn wir schon keine Kriege, Hungersnöte und Überschwemmungen in der Welt verhindern können, wollen wir wenigstens unsere Hand schützend über das Volk der Kinder halten. Unsere Zukunft, unsere Hoffnung. Und unser blinder Flecken.

Wo bleibt der Shitstorm?

Denn nirgends sind wir widersprüchlicher und letztlich abwesender als in der Frage des Kinderschutzes. Wie Eltern, die sich die Namen ihrer Kinder auf den Unterarm tätowieren lassen aus dem Grunde, sie sich nicht merken zu müssen. Warum schreit keiner auf beim Betrachten von Werbung für Anti-Cellulite-Mitteln, auf denen Kinderpopos abgebildet sind? Ja, wusste mans denn? Und wo soll man auch anfangen zu protestieren, so als einzelner Mensch? Kann vielleicht jemand einen Shitstorm beginnen, an den man sich anhängen könnte? Überhaupt ist die Werbung eine Welt für sich. Aus Gründen der Bequemlichkeit wird Ausnahme Nummer 1 gestattet. Ist ja auch kein richtiger Sex, nur ein bisschen Gucken. Aber ansonsten gilt: Erwachsene dürfen nicht mit Kindern, komme was wolle, auch wenn die Kinder freiwillig mitmachen, denn ein Kind ist nicht urteilsfähig.

Deshalb verurteilen wir die Grünen und ihre komische Befreiungskultur der Siebziger, die darin bestand, Kindern den Penis zu zeigen. Uns ist es egal, ob damals die ganze Welt nackt umherlief und andere Moralvorstellungen galten. Wirklich? Vielleicht haben Politiker einfach das Pech, keine Rockstars zu sein. Denn ist es je einem von uns eingefallen, die Rolling Stones aus Protest nicht mehr zu hören? Bill Wyman lebte über Jahre mit einem Mädchen zusammen, das bei der ersten Begegnung 13 Jahre alt war. Er war 46. Es war kein heimlicher Kindsmissbrauch, der Jahre später ans Licht gekommen wäre, sondern alle wussten davon. Die Eltern des Kindes wussten es, die Öffentlichkeit wusste es, es steht in Wikipedia wie ein Namenstattoo auf dem Unterarm. Und, was sollen wir auch tun? So sind Rockstars eben.

Anderes Schutzalter

Oder Fussballer. Soll man den armen Ribéry lebenslang sperren, nur weil er mit einer minderjährigen Nutte rummachte? Sollen wir bei keinem seiner Tore mehr jubeln dürfen? Und hat eine Nutte überhaupt das Recht auf ein Alter, das geschützt werden müsste? Kommt hinzu, andere Länder, anderes Schutzalter. Sonst müsste man ja alle grossen Reiseveranstalter in die Pflicht nehmen, die unsere Nachbarn, Kollegen und Freunde per Sexbomber in der Welt herumfliegen. Bei wie vielen Ausnahmen sind wir inzwischen angelangt? Und mag sein, dass es mehr werden, je länger wir darüber nachdenken.

Am Ende stellt sich heraus, dass wir Sex mit Kindern gar nicht als kriminelle Ausnahme abstrafen, sondern geradezu fördern mit unserer Blindheit. Aber keine Sorge, unser Vorratsregal mit den unverhandelbaren Werten steht zum Glück immer noch fest an die Wand geschraubt. Und mit jedem neuen Gesetz steht es noch etwas sicherer, sodass wir beruhigt die Tür zur Kammer hinter uns schliessen und für uns und unsere Gäste ein feines Moralsüppchen ­kochen können.

Erstellt: 16.05.2014, 16:32 Uhr

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