«Wir haben diese Bilder aus Rücksicht nicht gezeigt»

Jacques Picard arbeitete am Bergier-Bericht mit. Im Interview spricht er über dessen neue Brisanz, zurückgehaltene Holocaust-Bilder und Akten, die aus Ex-Bundesrat von Steigers Departement verschwanden.

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Die Debatte über die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ist neu lanciert. Inwiefern wird sie vom Bergier-Bericht beeinflusst?
Diese Debatte hat immer mal wieder Konjunktur. Jahresjubiläen geben Anlass dazu, manchmal neue Dokumente. Dass der Bergier-Bericht heute als Bezugspunkt eine zentrale Rolle spielt, ist klar. Das zeigt die wieder aufgeflammte Klarsfeld-Kontroverse.

Sie sprechen den Nazi-Jäger Serge Klarsfeld an, der eine Überarbeitung des Berichts fordert. Die Zahl der an der Grenze abgewiesenen Flüchtlinge sei viel kleiner als im Bericht notiert. Es habe sich um rund 3000 Personen gehandelt und nicht, wie im Bericht angegeben, um circa 25'000 Personen.
Klipp und klar: An der Darstellung im Bericht ist festzuhalten. Diese Zahlen werden dort gründlich und differenziert erklärt. Die aktuelle mediale Erregungsdebatte ist überflüssig, weil keine neuen Erkenntnisse vorliegen und bloss alte Behauptungen gegen den Bericht aufgewärmt und zugespitzt werden, ohne dass Resultate auf den Tisch kämen.

Mythenzertrümmerer wie Hans Ulrich Jost oder Jakob Tanner sind ebenso in die Jahre gekommen wie Landigeist-Verteidiger wie Paul Ehinger. Wie steht es um den akademischen Nachwuchs?
Nichts gegen seriöse Arbeit an den Mythen – sie ist notwendig! Und das Interesse der Jungen ist da: Mich kontaktieren jährlich fünf oder mehr Gymnasiasten, die eine Maturaarbeit über die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg oder die Geschichte der nachrichtenlosen Vermögen schreiben. Und auf der akademischen Ebene gibt es gute junge Historiker, die neue Forschungsschwerpunkte setzen.

Und wie beurteilen Sie die Politisierung des Bergier-Berichts?
Es verwundert mich immer wieder aufs Neue, wie einseitig Interessenvertreter unseren Bericht auslegen. Die eine Seite feiert die damalige Schweiz als «rettende Insel», so zuletzt Ueli Maurer mit seiner Botschaft zum Holocaust-Tag. Die andere Seite beschränkt sich darauf zu betonen, wie die Mitverantwortung der Schweiz an deren Tod lastet und lässt dabei aus, dass viele Flüchtlinge vor den Nazis hier Schutz fanden. Mich stört das Ausspielen der einen gegen die andere Seite.

Und keine der beiden Positionen ist geschichtswissenschaftlich fundierter?
Entscheidend ist für mich, dass die nationalgeschichtliche Verengung des Blickes, die zu einer Art Weltverblindung führt, aufgegeben wird.

Was heisst das genau?
Dass die Schweiz nicht in den Weltkrieg hineingezogen wurde, hat seine Gründe im weltgeschichtlichen Geschehen und liegt nur zu einem sehr viel geringeren Teil an ihr selber. Es geht um ein Bewusstsein, das weg kommt von einer Heroisierung, weg von der Vorstellung einer autonom agierenden Schweiz. Wir hatten unser Schicksal nicht selber in der Hand. Wir hatten nur die Möglichkeit, unser Verhalten zu kalkulieren.

Heftig umstritten ist derzeit die Arbeit des damaligen Justizministers Eduard von Steiger. Was halten Sie von ihm?
Abgesehen davon, dass er eine schwache Figur war und seinen Chefbeamten gewähren liess, fehlen zu seiner Flüchtlingspolitik wichtige Fakten.

Was meinen Sie genau?
Im Bundesarchiv ist eine Kartei vorhanden, die von Steigers Sekretariat geführt hat. Die Kartei enthält nummerierte Stichworte zu heiklen Themen wie «Juden» oder «Flüchtlinge» – das heisst, es hat dazu Dokumente gegeben. Exakt diese Akten fehlen aber in den Beständen.

Haben Sie eine Vermutung, was mit diesen Akten geschehen ist?
Nein.

Ebenfalls hitzig diskutiert wird die Verwendung früher Holocaust-Bilder. Das Schweizer Fernsehen habe die Bilder zu Unrecht als «unveröffentlicht» beurteilt. Ab wann gilt ein Dokument Ihrer Meinung nach als «veröffentlicht»?
Wenn ein Dokument im Archiv zugänglich ist und öffentlich bekannt und eruierbar ist, dass sie dort existieren. Die Diskussion ist im Übrigen im geschichtswissenschaftlichen Kontext zu verfolgen.

Inwiefern?
In der Quellenforschung hat eine Verschiebung vom Text zum Bild statt gefunden, was man gerne mit «iconic turn» bezeichnet. Ich habe den Eindruck, dass damit auch eine Enthemmung gegenüber heiklen Inhalten von Bildmaterialien einhergeht. Holocaust-Bilder – wenn etwa Leichenhaufen gezeigt werden – wären noch vor zwanzig Jahren kaum publiziert worden. Die Bilder, von denen Sie sprechen, waren, uns bereits bekannt. Wir haben sie nicht veröffentlicht, aus Rücksicht auf die Holocaust-Überlebenden.

Die Kommission stellte also die Pietät über die geschichtswissenschaftliche Räson?
So betrachtet: Ja.

Würden Sie heute wieder auf einen Abdruck verzichten?
Ja. Aber vielleicht würden wir heute auf die Bilder verweisen und die Rücksicht auf Überlebende und deren Nachkommen thematisieren.

Es wird immer schwieriger, Zeitzeugen wie Rosmarie De Lucca, eine der 22 Mitunterzeichnerinnen des «Rorschacher Briefs», zu finden und zu befragen. Was bedeutet das für die Forschung?
Ich glaube, dass die grenzüberschreitende Forschung und eine Verständigung darüber mit der dritten und vierten Generation an Bedeutung gewinnt. Jüdische und deutsche Nachkommen der einstigen Täter und Opfer etwa sprechen intensiv miteinander. Ein aussergewöhnliches Beispiel hierfür ist Katrin Himmler, eine Enkelin aus der Familie des SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Sie hat einen Israeli geheiratet und wurde von Vater und Schwiegervater unterstützt, als sie ihr Buch über die SS-Brüder Himmler schrieb.

Erstellt: 20.02.2013, 16:42 Uhr

Jacques Picard ist Professor für Kulturanthropologie und Ordinarius für Jüdische Geschichte an der Uni Basel. Er war Mitglied der Bergierkommission. Er war für den Forschungsplan des 2002 veröffentlichten Berichts hauptverantwortlich.

Weltkriegsdebatte

Dokumente, die belegen, dass der Bundesrat bereits Mitte 1942 Kenntnis von Massenmorden an Juden hatte, lösten eine schweizweite Debatte aus. Die bisherige Berichterstattung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zur neu lancierten Weltkriegsdiskussion:

«Das Boot war nicht voll»
Ein Interview mit Historiker Sacha Zala, der die Dokumente aus dem Jahr 1942 auf dem geschichtswissenschaftlichen Portal Dodis.ch veröffentlichte.

Der Rorschacher Brief
Die Geschichte einer Mädchenklasse, die 1942 gegen die Flüchtlingspolitik des Bundesrats aufbegehrte.

«Von diesen Mädchen bin ich beeindruckt»
Lokalhistoriker Otmar Elsener spricht im Videointerview über die Rorschacher Klasse.

«Er war sich bewusst, dass die Nazis nicht provoziert werden durften»
Der konservative Historiker Paul Ehinger verteidigt BGB-Bundesrat Eduard von Steiger.

«Ob die Schweiz Juden aufnahm, spielte für die Deutschen keine zentrale Rolle»
Historiker Hans Ulrich Jost über seine Vorbehalte gegenüber Eduard von Steiger und seinen Ärger über die aktuelle Zahlenklauberei.

Holocaust-Bilder: Veröffentlicht oder unveröffentlicht?
Vermeintlich unbekannte Dokumente waren bereits bekannt.

Eduard von Steiger bleibt Ehrenbürger
Der Gemeinderat des Emmentaler Städtchens Langnau kommt der Forderung der Juso nicht nach.

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Interview Eduard von Steiger verantwortete die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. Im Interview verteidigt der konservative Historiker Paul Ehinger den früheren BGB-Bundesrat gegen die aktuelle Kritik. Mehr...

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