Interview

«Wir sind enttäuscht von den Mitläufern»

Nach den Ausschreitungen um den Demonstrationszug und einer Razzia beziehen die Zürcher Binz-Besetzer im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet erstmals ausführlich Stellung.

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Gestern kam es bei Ihnen zu einem Polizeieinsatz. Wie ist dieser aus Ihrer Sicht abgelaufen?
Es war eine Personenkontrolle, wir wurden in einen Raum gebracht, während die Polizei alle anderen Räume durchsuchte. Verschlossene Türen wurden aufgebrochen und persönliche Gegenstände wie Computer und Kameras beschlagnahmt. Die Bewohner der Binz haben sich während des Einsatzes ruhig verhalten.

Die Kontrolle war die Reaktion auf die Ereignisse vom Samstag, als Ihr Umzug eskalierte. Wieso lief dieser Anlass aus dem Ruder?
Die Polizei stoppte den Umzug erstmals in der Zurlindenstrasse, was zu tumultartigen Szenen führte. Der unmittelbar darauf folgende und andauernde Einsatz von Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfer verunmöglichte eine Deeskalation unsererseits. Die Folge war eine unkontrollierbare Situation.

Wenn man eine Demonstration spät am Samstagabend ansetzt, nimmt man dann nicht die Eskalation in Kauf?
Eine Party findet nun mal am Abend statt. Und darum ging es bei der Aktion ja: dass man ein Fest auf die Strasse bringt. Wir wollten den Menschen zeigen, wie wir die Stadt sehen, nämlich als Ort, der lebendig ist, auch in den Strassen. 3000 Leute haben sich uns angeschlossen. Selbst der massive Gas- und Gummischroteinsatz hielt uns nicht vom Tanzen ab. Wir alle sind ein Teil der Stadt.

Man hätte ja eine Bewilligung einholen können.
Aus unserer Sicht braucht freie Meinungsäusserung keine Bewilligung.

Nach dieser Logik dürften auch Neonazis durch die Strassen ziehen.
Es gibt natürlich Grenzen. Es ist nicht unsere Absicht, jemandem zu schaden.

Genau dies passierte allerdings. Wissen Sie, wer die Randalierer sind?
Nein, und sie sind auch keiner der Gruppierungen oder Leuten bekannt, die am Fest mitgearbeitet haben.

Wieso distanzieren Sie und diese Gruppierungen sich nicht deutlicher von den einzelnen Randalierern?
Was am Samstag passiert ist, wollten wir so nicht. Das ist nicht das Anliegen eines so aufwendig vorbereiteten Umzugs. Wir sind enttäuscht von den Mitläufern, die den Umzug für ihre eigenen Zwecke missbrauchten. Wir bedauern, dass durch die Randalierer-Debatte der eigentliche Diskurs untergegangen ist: die Erhaltung und Schaffung von selbstbestimmten und nicht kommerziellen Freiräumen.

Stellen Sie sich denn dem Diskurs?
Mit unseren Aktionen versuchen wir ja gerade, diese Fragen anzustossen. Ausserdem kann jeder bei uns in der Binz vorbeikommen und unsere Ideen und Lebensweise kennenlernen – was übrigens viele Leute auch tun.

Sogar linke Politiker distanzieren sich nach Samstag von Ihnen. Bedauern Sie das?
Freiräume wurden und werden erkämpft, die Politik stellt sie nicht zur Verfügung. Es ist aber schade, dass wegen ein paar weniger herabgewürdigt wird, was die Binz für viele Menschen bedeutet.

Was ist die Binz?
Ein Areal, Ideen, Auseinandersetzungen. Leute, die hier wohnen, aber auch solche, die sich handwerklich, politisch und künstlerisch betätigen. Eine Gemeinschaft, die nicht über Regeln und Abstimmungen, sondern Diskussionen herausfindet, wie man zusammenleben will. Die Binz ist etwas, das es fast nirgends gibt: ein Ort, wo der Wunsch nach Freiheit grösser ist, als jener nach Sicherheit.

Wie viele Menschen wohnen in der Binz?
Aktuell ungefähr 50. Mehrere Hundert Personen nutzen ausserdem die Räumlichkeiten.

Wer darf rein?
Jeder, der sich für die Binz einsetzt. Leute, die sich Zeit nehmen, sich den Konflikten des Zusammenlebens zu stellen, und sich nicht vorgegebenen Regeln unterwerfen wollen.

Ende Mai müssen Sie das Areal verlassen. Wie geht es dann weiter?
Wir setzen alles daran zu bleiben. Baubeginn der neuen Immobilie ist erst im Herbst 2014.

Was heisst das konkret? Wehrt man sich gegen eine Räumung?
Wir wehren uns klar gegen jede Vertreibung auf Vorrat, nicht zum ersten Mal. Wäre die Binz wie geplant 2009 abgerissen worden, läge das Areal brach.

Man könnte sich im Sinne der Zwischennutzung ja etwas Neues suchen.
Wenn es nur um die Personen ginge, die hier leben, dann wäre ein Weiterziehen kein Problem. Wenn wir nicht mehr da sind, sind wir woanders. Doch das Areal, beziehungsweise was auf ihm geschaffen wird, kann man nicht versetzen.

Ist das Festhalten an einer Wohnstätte nicht eine konservative Haltung?
Nein, im Gegenteil. Die Binz als Areal und Gemeinschaft verändert sich laufend. Das ist genau der Grund, wieso die Binz der Stadt kulturell und politisch mehr bringt als durchkommerzialisierte Ausgangs- und Kunststätten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2013, 13:05 Uhr

Familie Schoch

Das Interview wurde mit vier Mitgliedern der so genannten «Familie Schoch» geführt. Unter diesem Namen treten die Bewohner des besetzten Binz-Areals in der Öffentlichkeit auf.

Die Polizei führte in der Binz Personenkontrollen durch (5. März 2013). (Video: Jan Derrer)

Nach den Binz-Krawallen: Schadenbilanz im Kreis 4 (4. März 2013). (Video: Jan Derrer)

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