Wird der Friedensnobelpreis bald «great again»?

Wer den US-Präsidenten nominiert hat und warum er Chancen hat, zu gewinnen.

Laut Experten ist Trumps Nomination für den Friedensnobelpreis weniger absurd, als sie klingen mag. Bild: Keystone

Laut Experten ist Trumps Nomination für den Friedensnobelpreis weniger absurd, als sie klingen mag. Bild: Keystone

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Muslime verbannen, den Atomdeal mit dem Iran auflösen, zu Frauenhass aufrufen und eine Botschaft in Jerusalem eröffnen – das sind nur einige Perlen aus Trumps Kiste der politischen Verfehlungen und Absurditäten. Und doch: Er wurde für den Friedensnobelpreis 2019 nominiert.

Die Nomination eingereicht hat eine Gruppe republikanischer Kongressabgeordneter aus den USA. In einem Brief vom 2. Mai ans Norwegische Nobelpreiskomitee in Oslo zählen sie sogleich auch die Gründe auf, weshalb Präsident Trump den Preis erhalten sollte: Er setze sich für die Beendigung des Koreakrieges, die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel und für den Frieden in der Region, ja gar der ganzen Welt ein.

In der Tat herrscht seit einiger Zeit Tauwetter zwischen den beiden Koreas. Ende April kündigte Nordkorea an, all seine Atom- und Raketentests auszusetzen. Einige Tage später, am 27. April, kommt es zum historischen Treffen zwischen dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in.

Das erste Mal nach 65 Jahren geben sich die Staatsoberhäupter von Nord- und Südkorea wieder die Hand. Bild: Keystone

Die Aufnahmen vom Handschlag der beiden in der demilitarisierten Zone gehen um die Welt. Ebenso jene, auf denen zu sehen ist, wie Kim Jong-un als erster nordkoreanischer Führer seit dem Ende des Koreakrieges südkoreanischen Boden betritt.

Historischer Schritt: Kim Jong-un betritt südkoreanischen Boden. (Video: Tamedia, AFP)

In einer gemeinsamen Erklärung heisst es, dass es auf der koreanischen Halbinsel zu keinem Krieg kommen soll. Laut Medienberichten wollen die beiden Koreas noch dieses Jahr einen Friedensvertrag unterzeichnen.

Was hat Präsident Trump damit zu tun?

Die Republikaner schreiben, diese Annäherung der beiden verfeindeten Staaten sei vor allem das Resultat der Anstrengungen des US-Präsidenten. Dieser habe die internationale Gemeinschaft inklusive China vereint, um gemeinsam Sanktionen gegen Nordkorea zu verhängen. Mit Härte und Stärke habe Trump so Nordkorea erfolgreich an den Verhandlungstisch gezwungen.

Hat Trump damit also geschafft, an was sich so viele andere Politiker, Diplomatinnen und Verhandler jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben? Und die noch viel brennendere Frage: Hätte Trump damit den Nobelpreis etwa verdient?

Nobelpreis für Trump möglich

Wieso nicht, lautet die unglaubliche, aber durchaus plausible Antwort. Wie ehemalige Preisträger und Historiker gegenüber der «New York Times» sagen, kann die Auszeichnung auch der Anerkennung und weiteren Bestärkung von aktuellen Friedensbemühungen dienen.

Auch Berit Reiss-Andersen, eine der Vorsitzenden des Norwegischen Nobelkomitees, sagte der Zeitung: «Teil der Stärke des Friedensnobelpreises ist, dass er kontrovers ist.» Genau das mache die Relevanz und Autorität des Preises aus. Trumps Nomination durfte Reiss-Andersen nicht kommentieren, das Protokoll der Geheimhaltung verlangt es so.

Geschmeichelt: US-Präsident Donald Trump äussert sich zur Nomination für den Friedensnobelpreis. (Video: Tamedia, AFP)

Schaue man auf die Geschichte des Nobelpreises, so würde sich Trump in eine Reihe umstrittener Preisträger und Preisträgerinnen reihen, so die «New York Times» und nennt verschiedene Beispiele. Trotz Bombenkampagne in Vietnam gewann Henry A. Kissinger als Mitglied der damaligen US-Administration unter Nixon 1973 den Nobelpreis.

Für die einen Terrorist, für die anderen Freiheitskämpfer, aber auf alle Fälle Nobelpreisträger: Yassir Arafat (l.) erhielt ihn 1994 zusammen mit Yitzhak Rabin (r.) und Shimon Peres (M.) für die Friedensverhandlungen in Nahost. Bild: Keystone

1994 erhitzte Palästinenserführer Yassir Arafat die Gemüter – Kopf einer Gruppe gewaltbereiter Separatisten oder Friedenstaube? Die während der 90er-Jahre ausgezeichnete Aung San Suu Kyi, damals im gewaltlosen Widerstand gegen die Militärjunta in Burma, wird heute für die Gewalt an den Rohingya verantwortlich gemacht. Und trotz Friedensnobelpreis 2009 liess Barack Obama während seiner Amtszeit weiter foltern und Guantánamo betreiben.

Preis ist keine Garantie für Frieden

Es gebe eben keine Garantie, dass sich Preisträger und Preisträgerinnen nach ihrer Auszeichnung auch dem Preis angemessen verhalten und für Frieden sorgen werden. Das Nobelpreiskomitee könne dafür keine Verantwortung übernehmen, sagt Reiss-Andersen.

Ob das Komitee eine Auszeichnung Trumps verantworten wird, bleibt abzuwarten. Denn das würde unter Umständen heissen, dass wohl auch Südkoreas Moon und gar Diktator Kim Jong-un ausgezeichnet werden müssten. So, wie Yassir Arafat, Yitzhak Rabin und Shimon Peres 1994 für ihre gemeinsamen Verhandlungen ausgezeichnet wurden, würde Trump wohl kaum alleine für seine Anstrengungen gewürdigt werden.

Sitzen schon bald zusammen am Verhandlungstisch: US-Präsident Trump und Nordkoreas Kim Jong-un. Bild: Keystone

Zurzeit laufen diese Anstrengungen weiter. Am 12. Juni findet in Singapur ein historisches Treffen statt: Als erster amtierender US-Präsident wird Trump mit Kim Jong-un ein Staatsoberhaupt Nordkoreas treffen. «Wir werden beide versuchen, es zu einem sehr speziellen Moment für den Weltfrieden zu machen», kündigte Trump bereits über Twitter an. Es soll auch an diesem Treffen um die Denuklearisierung gehen. Die USA fordern von Nordkorea, auf Atomwaffen und die Trägersysteme dafür zu verzichten.

Will Trump gewinnen?

So schön sich das anhört, so gegenläufig sind gerade aktuell Trumps Schachzüge in anderen Belangen: Vor zwei Tagen hat er das Atomabkommen mit dem Iran gekündigt. Dieses hat Obama während seiner Amtszeit ausgehandelt. Es wird oft als erfüllte Erwartung nach Obamas Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis angeführt.

Was denkt Trump selbst über seine Nominierung – make the nobel peace prize great again? Gegenüber den Journalisten gibt er sich bescheiden: «Alle denken es, aber ich würde das nie sagen», antwortete er an einem Pressetermin im Weissen Haus auf die Frage, ob er den Preis verdient habe. Was er dafür haben will: «The prize I want is victory for the world.»

US-Präsident Trump erklärt der Presse, was er von seiner Nomination für den Friedensnobelpreis hält. Quelle: Twitter

Erstellt: 11.05.2018, 21:46 Uhr

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