Hintergrund

Zuerst war der Film, dann wurde er Realität

Mit «Habemus Papam» hat der italienische Regisseur Nanni Moretti die Realität vorweggenommen. Der Film, der beim Vatikan nicht gut ankam, erzählt die Geschichte eines Papstes, der nicht Papst sein will.

Alles, nur nicht das: Kardinal Melville (Michel Piccoli) ist soeben vom Konklave gegen seinen Willen zum neuen Papst gewählt worden – Szene aus dem Film «Habemus Papam».

Alles, nur nicht das: Kardinal Melville (Michel Piccoli) ist soeben vom Konklave gegen seinen Willen zum neuen Papst gewählt worden – Szene aus dem Film «Habemus Papam».

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Weisser Rauch steigt aus der Sixtinischen Kapelle in den Himmel, die Kirchenglocken läuten, und Zehntausende Gläubige jubeln auf dem Platz vor dem Petersdom in Rom: Die katholische Kirche hat wieder ein Oberhaupt. Doch im Film «Habemus Papam» von Nanni Moretti gerät der neue Papst in Panik, weil er sich dem grossen Amt nicht gewachsen fühlt. Kardinal Melville, gespielt von Michel Piccoli, weigert sich, auf den Balkon zu treten. Er braucht die Hilfe eines Psychotherapeuten. Dann flieht er aus dem Vatikan und taucht in der Stadt unter. Am Schluss zeigt sich der designierte Pontifex doch noch der Menschenmenge auf dem Petersplatz, um mitzuteilen, dass er nicht Papst sein möchte, weil er es nicht kann. «Ich bitte den Herrn um Vergebung. (...) Aber ich habe verstanden, dass ich nicht in der Lage bin, diese Aufgabe zu erfüllen.»

Moretti-Film fiel in Kirchenkreisen durch

Im Vatikan reagierte man empört, als der Film von Moretti vor zwei Jahren in Italien in die Kinos kam. Die katholische Zeitung «L'Avvenire» rief sogar zum Boykott gegen die Komödie auf, weil sie «unsere Religion beleidigt». Jetzt hat die Realität den Film eingeholt: Papst Benedikt XVI. hat mit einem Entscheid von historischer Tragweite seinem Pontifikat per 28. Februar 2013 ein Ende gesetzt. «Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben», sagte der 85-jährige Joseph Ratzinger gestern Vormittag vor den Kardinälen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Papst Johannes Paul II., der schwer krank und sichtbar leidend bis zu seinem Tod auf dem Stuhl Petri ausharrte, stellt Benedikt XVI. das Wohl der Kirche in den Vordergrund und verzichtet auf Macht.

Die Rücktrittsbegründung von Benedikt XVI. erinnert an die Worte des fiktiven Papstes von Nanni Moretti. Eine andere Parallele der beiden Päpste ist die Hoffnung, vom Konklave nicht zum neuen Pontifex gewählt zu werden. Wie Kardinal Melville hatte Kardinal Ratzinger nicht nach dem höchsten Amt der katholischen Kirche gestrebt. Nach der Wahl im April 2005 sagte Benedikt XVI., dass er während des Konklaves gebetet habe, «dass ein anderer gewählt wird».

Vision einer menschlicheren Kirche

Seinen Papstfilm wollte Moretti nicht als Kirchen- und Vatikankritik verstanden wissen, wie er immer wieder erklärte. Moretti ging von der praktisch unbeachteten Tatsache aus, dass selbst in den höchsten Ämtern nur Menschen mit all ihren Schwächen und Selbstzweifeln sitzen. Der renommierte Regisseur interessierte sich für die Frage, was in einem Menschen vorgeht, der die ihm zugedachte Rolle nicht annehmen kann, weil er sich nicht dazu in der Lage fühlt. «Mein Papst ist ein zerbrechlicher Mensch», sagte Moretti. Mit der Darstellung eines menschlichen Papstes skizzierte Moretti seine Vision einer menschlicheren Kirche.

Mit seinem Rücktritt hat nun Benedikt XVI. menschliche Grösse gezeigt, was ihm selbst Kritiker attestieren. Und mit der Bitte, seine Fehler zu verzeihen, stellte er zumindest indirekt die «Unfehlbarkeit des Papstes» infrage. Auch damit hat Benedikt XVI. dem Papstamt eine menschliche Dimension gegeben. Gerade ein rückwärtsgewandter Papst sorgt dafür, dass ein Stück Moderne im Vatikan angekommen ist, wie Kirchenbeobachter anmerken. Einige Experten sprechen gar von einer Zäsur in der Kirchengeschichte.

Erstellt: 12.02.2013, 16:31 Uhr

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«Mein Papst ist ein zerbrechlicher Mensch»: Nanni Moretti, Regisseur des Films «Habemus Papam». (Bild: Keystone )

Video

Trailer des Films «Habemus Papam – Ein Papst büxt aus» von Nanni Moretti. (Quelle: Youtube)

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