Adieu Bankraub

Ein Abgesang auf ein besonderes Verbrechen, das Träume bedient, Mythen geschaffen und die Filmgeschichte bereichert hat.

Geld oder Leben: Warren Beatty und Faye Dunaway als Bonnie und Clyde in Arthur Penns Spielfilm von 1967. Foto: Warner Bros.

Geld oder Leben: Warren Beatty und Faye Dunaway als Bonnie und Clyde in Arthur Penns Spielfilm von 1967. Foto: Warner Bros.

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Doch, es passiert schon noch, hier und da, auch in der Schweiz. Am 2. Juli dieses Jahres erbeutete ein Bankräuber in Schwarzenbach SG mehrere Tausend Franken, er packte die Noten in einen Plastiksack und floh zu Fuss. Ganz ähnlich am 30. Mai in Horgen ZH, am 8. März in Sirnach TG.

Aber die grosse Zeit der Banküberfälle ist vorbei. Es ist einfach weniger Bargeld im Umlauf, gezahlt und überwiesen wird mit Karte oder gleich im Onlinebanking, abgehoben am Automaten. Auch sind die Geldhäuser besser gesichert: Videokameras überall, versteckte Alarmknöpfe, Geldfreigabe nur mit Zeitverzögerung.

All das macht den Bankraub, auch wenn er real noch vorkommt, zu einem Phänomen der Vergangenheit. Grund genug, zurückzublicken auf ein Delikt, das bei breiten Kreisen eine gewisse Sympathie geniesst, ein Delikt, das die Fantasie von Millionen entzündet hat: den Traum vom grossen Geld auf einen Schlag.

Bankräuber stehen im Ruf von Gentleman-Verbrechern, hochintelligent, strategisch und technisch versiert; zugleich sind sie Volkshelden, moderne Wiedergänger eines Robin Hood, auch wenn sie ihre Beute nicht unter den Armen verteilt haben. (In der statistischen Realität sind oder waren es oft hoch verschuldete, dilettantische Ersttäter.)

Dillinger, Bonnie & Clyde: Die Namen kennt jeder

Manche Bankräuber sind zum Mythos geworden, Helden von Balladen und Filmen. Jesse James, John Dillinger, Bonnie & Clyde: Die Namen kennt jeder. Einigen ist ein eigenes Museum gewidmet, zu dem die Fans pilgern. Das passiert Mördern und Kinderschändern, Urkundenfälschern und Heiratsschwindlern eher selten. Als Mythos und Filmfigur ist der Bankräuber Teil der Kulturgeschichte geworden.

Der Grund für sein Ansehen ist einfach: Der Bankräuber setzt den Unmut über die Eigentumsverteilung, den viele empfinden, in die Tat um. Während Millionen passiv auf König Zufall warten, der ihnen irgendwann vielleicht den Lottogewinn zuschanzt, ist der Bankräuber seines Glückes eigener Schmied beziehungsweise verschafft er sich mit dem Schneidbrenner Zugang dazu, nämlich zum Tresor.

Ist der Tresor geknackt, fangen die Probleme manchmal erst an: Szene aus Spike Lees Film «Inside Man» (2006). Foto: Universal Pictures

Die Schneidbrennertechnik erstmals mit grossem Erfolg praktiziert haben die Gebrüder Sass, die 1929 die Disconto-Gesellschaft am Berliner Wittenbergplatz ausraubten. Vom Nachbarhaus aus hatten sie in wochenlanger Arbeit einen Tunnel gegraben, solide mit Holz verschalt, und dann in aller Ruhe die Schliessfächer im Tresorraum geleert. Die Beute: zwei Millionen Reichsmark; eine geschätzte Summe, weil viele Betroffene ihren Schaden aus Angst vor dem Finanzamt nicht angaben.

Der in Banken angesammelte Reichtum erscheint obszön: Daher die Sympathie für den Bankräuber.

Damit ist ein wichtiger Grund benannt für die klammheimliche oder offene Sympathie, die den Brüdern Sass und ihren Kollegen entgegenschlug: Der in Banken angesammelte Reichtum erscheint ungerechtfertigt, illegitim, ja obszön. Das Geldhaus – das oft architektonisch mit dem, was innen gehortet wird, aussen protzt – ist die Verkörperung des Kapitalismus, macht die Akkumulation des Kapitals spürbar. Marxistisch gesehen, lagert dort der aus dem Schweiss der Werktätigen gewonnene Mehrwert, das dem Volk gestohlene Volksvermögen.

Wer sich davon ein Stück zurückholt, handelt nicht nach dem Motto «corriger la fortune», sondern «corriger l’injustice». Das Berauben und Horten von Geld, das anderen – allen – zusteht, wäre in dieser Sicht das eigentliche Verbrechen. Bertolt Brechts Spruch «Was ist ein Banküberfall gegen die Gründung einer Bank?» ist denn auch das berühmteste aller einschlägigen Zitate.

Die Dillinger-Bande «korrigierte» in den Augen vieler das Unrecht der Geldakkumulation in den Banken. Michael Mann verfilmte den Stoff 2009 unter dem Titel «Public Enemies». Foto: Universal Pictures

«Expropriation der Expropriateure»: So mancher Bankraub wurde politisch motiviert, auch wenn er nur zur Geldbeschaffung für die eigene Truppe im Untergrund diente. So geschehen im zaristischen Russland – an einem spektakulären Überfall in Tiflis im Jahre 1907 mit Bombeneinsatz und 50 Verletzten soll Stalin teilgenommen haben –, bei der Stadtguerilla in Uruguay oder bei der terroristischen «Bewegung 2. Juni» in Deutschland. Auch die letzte versprengte Generation der RAF hält sich mit gelegentlichen Banküberfällen über Wasser.

«Ich stahl von den Banken, die das Volk bestohlen hatten», begründete ein Mitglied der Dillinger-Bande seine Taten.

1929, im Jahr des grossen Coups der Sass-Brüder, begann die Weltwirtschaftskrise mit Bankenkrachs, die viele um ihre Ersparnisse brachte. «Ich stahl von den Banken, die das Volk bestohlen hatten», begründete ein Mitglied der Dillinger-Bande seine Taten. Die verübte in den 1930er-Jahren spektakuläre Überfälle in verschiedenen US-Staaten. Einmal machten sie sich Dreharbeiten zunutze – das Filmsujet war ausgerechnet ein Bankraub. Als John Dillinger, der Kopf der Bande, von der Polizei erschossen wurde, defilierten 15’000 Menschen an seinem aufgebahrten Leichnam vorbei.

Gemordet und gestohlen wurde zu allen Zeiten, weshalb diese Verbrechen in den Zehn Geboten auch explizit genannt werden. Banküberfälle aber sind ein historisch umgrenztes Phänomen. Ihre Vorläufer sind die Überfälle auf Postkutschen im Europa des 18. Jahrhunderts.

Ein Jahrhundert später blühte der Eisenbahnraub in den USA. Das Land war gross, die nächste Polizeistation weit weg; es war ein Leichtes, einen Zug im Nirgendwo anzuhalten und um seine Schätze zu erleichtern. Schon einer der allerersten Stummfilme wählte das Sujet: «The Great Train Robbery» von 1903, der erste von unendlich vielen Nachfolgern, zeigt, wie filmaffin das Delikt ist.

1963 erbeuteten 16 Männer in England 125 Säcke Banknoten: Der grösste Eisenbahnraub der Geschichte.

Ein Zug mit wertvoller Ladung ist gewissermassen eine mobile Bank (wie auch Geldtransporter, ebenfalls ein beliebtes Raubziel in Film und Realität); mit Zunahme von Schutz und Bewachung mussten die Räuber strategischer und raffinierter vorgehen. Der vielleicht berühmteste Eisenbahnraub der Geschichte, der am 8. August 1963 in England stattfand, wurde anderthalb Jahre lang akribisch vorbereitet. 16 Männer überfielen einen Zug, der 125 Säcke mit Banknoten mitführte, koppelten einen Teil ab, luden die Beute auf Lastwagen, brachten sie zu einer Farm in der Nähe, teilten sie untereinander auf und verschwanden.

Der Titel des Films über diesen spektakulären Überfall – «Die Gentlemen bitten zur Kasse» – ist Interpretation und Wertung zugleich: das «Kassieren» erscheint legal, die Täter sind feine Herren. Wie bei jeder guten Wertarbeit ernteten auch die Strategen dieses Coups weltweit Respekt und Bewunderung.

Polizeilich verfolgt wurden sie trotzdem, fast alle auch gefasst. Ronald Biggs, einer der Räuber, gelangte durch ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei zu weltweiter Berühmtheit. Er konnte sich lange unbehelligt in Brasilien aufhalten und dort über die Boulevardpresse die Träume vom süssen Leben auf der faulen Haut nähren. Später sass er seine Strafe dann doch ab.

Bankräuberinnen sind selten. Bonnie Parker war vielleicht die berühmteste. Faye Dunaway spielte sie in Arthur Penns Film 1967. Foto: Warner Bros.

Viele Bankräuber, die zum Mythos wurden, nahmen ein blutiges Ende. Jesse James wurde von Verwandten erschossen, die das Kopfgeld wollten. Bonnie Parker und Clyde Barrow wurden von Maschinengewehrkugeln durchsiebt. Jacques Mesrine, Frankreichs «Staatsfeind Nr. 1», der nach eigenem Bekunden Banken überfiel, wie andere einkaufen gehen, starb in einem Hinterhalt der Polizei. Mesrine schrieb übrigens, wie sein Kollege Albert Spaggiari, höchst erfolgreiche Memoiren.

Ruhmlos am Leben blieben die fünf jungen Männer, die am 1. September 1997 die Fraumünsterpost in Zürich überfielen. Verkleidet als Telecomtechniker, ausgerüstet mit Spielzeugwaffen, erbeuteten sie in wenigen Minuten 53 Millionen Franken – Schweizer Rekord. Die Presse lachte erst über die Opfer, die den Zugriff so leicht gemacht hatten, dann, als alle nach und nach verhaftet wurden, über die Täter: «So dumm waren die Posträuber» titelte der «Blick».

Die Comic-Panzerknacker scheitern 39 Mal

Ja, Bewunderung für stellvertretend erfüllte Wünsche vom plötzlichen Reichtum kann schnell in Häme umschlagen; der gemeine Bürger solidarisiert sich plötzlich doch mit dem Staat, der sein Eigentum schützt, so gering es sein mag. Seriell zeigt sich der Spott auf vergnügliche Weise bei den «Panzerknackern» des Comiczeichners Carl Barks: 39 Mal versuchen sie, an Onkel Dagoberts Goldstücke zu gelangen, immer vergeblich.

Medial passt der Bankraub sowohl in der Tunnel-Tresor- wie in der Kassenraum-Variante eindeutig mehr zum Film als zum Buch, wie Klassiker wie «Bonnie and Clyde», «Le cerveau», «Dog Day Afternoon» oder «Heat» zeigen. Das hat mit der Zeitstruktur zu tun. Langwierige Vorbereitung – genaues Timing des Ablaufs – spannende Flucht: Das ist ein unschlagbarer Dreischritt. Unabdingbar sind Komplikationen: Ein Zufall stört den Ablauf, oder dieser verheddert sich in der eigenen Komplexität, oder die Gauner geraten in Streit.

Komplikation Geiselnahme: Al Pacino mit Bankangestellten in «Dog Day Afternoon» (1975). Foto: Getty Images

Die filmisch ergiebigste Komplikation ist die Geiselnahme. Sie verwandelt die Situation in ein «huis clos», erlaubt das Spiel von Draussen und Drinnen, Wissen und Nichtwissen und ein subtiles Sympathie-Management zwischen Geiselnehmern und Geiseln, bis hin zum Stockholm-Syndrom. Eine der wenigen Bankräuberinnen, die Milliardenerbin Patty Hearst, war ursprünglich ein Entführungsopfer.

All dies ist grösstenteils Vergangenheit. Bankraubfilme müssen heute nostalgisch daherkommen. Und die Nachfolgedelikte, die Sprengung von Bancomaten, der Kreditkartenbetrug oder das Erschleichen von Kontonummern: Sie reizen keinen Regisseur von Rang. Obwohl man heute sagen müsste: Was ist ein Banküberfall gegen das Hacken einer Bank?

Erstellt: 20.08.2019, 15:58 Uhr

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