«Alle sollen die Hosen anbehalten»

Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer über ihren neuen Podcast – und den Moment, als Sophie Hunger «Atemlos» gesungen hat.

«Authentizität ist ein furchtbares Kriterium»: Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer. Foto: Keystone

«Authentizität ist ein furchtbares Kriterium»: Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mittag in Berlin-Mitte. In einem angemieteten Apartment, das laut dem Besitzer ein «multi-faceted space for friends» und gleichzeitig eine Art Showroom für Designermöbel ist, sitzen der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, 44, und die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, 30, auf einer quietschblauen Couch unter einer Deckenlampe aus übergrossen Christbaumkugeln. Stuckrad-Barre und Bauer sind hier, um über ihren neuen Spotify-Podcast «Ja Ja Nee Nee» zu sprechen. Jasna Fritzi Bauer hat gerade noch das Bett im Nebenzimmer für einen Mittagsschlaf genutzt, steht daher noch etwas neben sich und überlässt Stuckrad-Barre das Reden. Der ist wie immer hellwach.

Was ist das hier für ein seltsamer Ort?
Jasna Fritzi Bauer: Keine Ahnung. Ich habe keinen blassen Schimmer, was wir hier machen und wo wir hier sind.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Vielleicht ist das hier so was wie der «Serviervorschlag» auf Nahrungsmitteln, bloss mit Möbeln. Wenn man sich die dann kauft, sehen sie daheim ganz anders aus. Aber nein – dafür ist das hier alles doch irgendwie zu unperfekt. Ich weiss auch nicht.

Ihr Podcast wirkt auch sehr improvisiert, als würden Sie beide einfach loslabern. Täuscht das?
Bauer: Nein, genau so ist es. Wir nehmen uns drei Themen vor und los.

Stuckrad-Barre: Vorher wird immer eine Stunde lang zusammen geraucht. Dabei versuchen wir, bisschen rauszufinden, nach welchen drei Themen uns gerade ist.

Im Studio selbst dürfen Sie nicht rauchen?
Stuckrad-Barre: Leider nein. Da würde ich auch gar nicht rauchen wollen. Unser Aufnahmekabuff ist in etwa so gross wie das halbe Sofa, auf dem wir hier sitzen.

Kommt man als starker Raucher überhaupt in einen ordentlichen Gesprächsfluss, wenn man dabei nicht rauchen darf?
Bauer: Ja, das geht schon. Wir nehmen das als Ansporn, reden auf ein Ziel hin: die Raucherpause.

Stuckrad-Barre: Richtig, nach jedem abgehakten Thema gönnen wir uns eine Zigarette.

Labern los: Die erste Folge des Podcasts.

Deutschsprachige Dialog-Podcasts neigen ja dazu, immer total schonungslos und radikal ehrlich sein zu wollen.
Stuckrad-Barre: Ja?

Also zumindest bei vielen Spotify-Produktionen. Das muss immer ein tiefschürfendes Gespräch sein, Hosen runter, her mit der Authentizität.
Stuckrad-Barre: Authentizität ist ein furchtbares Kriterium, finde ich. Ich bin extrem dafür, dass alle ihre Hosen anbehalten und stattdessen das zeigen, was sie sich gerade über sich selbst ausgedacht haben. Authentisch: Bitte nicht. Hier verweise ich auf den grossen Denker René Pollesch, der die Figur der «authentischen Kuh» erfunden hat. Mit der wolle doch eigentlich keiner was zu tun haben. Da gebe ich ihm total recht.

Aber ein bisschen liegt der Reiz dieser Gesprächs-Podcasts mit Prominenten für viele doch auch darin, dass sie beim Zuhören das Gefühl haben können, mit Menschen wie Ihnen im Café zu sitzen und einem echten Dialog zu lauschen?
Stuckrad-Barre: Das Gespräch in der Aufnahmekabine ist doch ohne Frage eine artifizielle Situation. Im Grossen und Ganzen stört mich das aber nicht, ich finde das angenehm, es ist ein Indiz für Zivilisation. Ich höre zum Beispiel sehr gerne den Podcast von Alec Baldwin – natürlich auch in einem Studio aufgenommen. Trotzdem ist das für mich ein absolut echtes Gespräch. Ob er dabei genau so drauf ist wie daheim, wenn er gerade ein Joghurt löffelt, ist mir eigentlich scheissegal.

«Hyperauthentisch»: Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer. Foto: Keystone

Man verfällt schon eher in eine Art Showtime-Modus in dieser artifiziellen Situation, oder? Oder befinden Sie sich generell immer im Showtime-Modus?
Bauer: Nee. (gähnt)

Stuckrad-Barre: Vielleicht könnte man es auch hyperauthentisch nennen. Gleich als Jasna und ich uns kennen gelernt haben, haben wir nach einem echt guten Gespräch gesagt: Okay, hier drücken wir jetzt auf Stopp, das machen wir genau so in einem Podcast weiter – die Welt muss das hören.

Sie kannten sich vorher gar nicht?
Stuckrad-Barre: Nicht wirklich, also wir sind in einer Nacht zusammen ausgegangen und hatten beide das Gefühl, dass wir im Gespräch beim jeweils anderen etwas auslösen, das uns neugierig macht. Und diese Neugier kann man hinterher ja nicht mehr spielen, deswegen haben wir direkt begonnen, das aufzunehmen.

Wenn man so einen sehr improvisierten Laber-Podcast macht, wie weiss man dann hinterher eigentlich ...
Stuckrad-Barre: Moment mal, das Wort Labern möchte ich jetzt grad doch mal zur Debatte stellen.

«Labern» im Wortsinn eher wie im Buchtitel «Loslabern» von Rainald Goetz: Nennen wir es mal: ungezwungene Rede.
Stuckrad-Barre: Das ist aber auch einer der schlechtesten Buchtitel von Goetz. Labern klingt so nach Egal-Haltung, nach In-irgendwas-einfach-mal-Reinfühlen. Bei unserem Podcast geht dem Ganzen ja schon ein Denken voraus.

Wie weiss man, dass eine durchdacht improvisierte Podcast-Aufzeichnung gut war?
Stuckrad-Barre: Ich glaube, man merkt das immer am Gegenüber. Mein Ziel beim Podcast-Gespräch ist, dass Jasna wach bleibt. Jasna schläft nämlich sehr schnell ein, das meine ich gar nicht im übertragenen Sinne. Sie pennt dann einfach weg, eine doch recht massive Kritik am Gespräch.

Ist das die Grunddynamik: Sie, Herr Stuckrad-Barre, versuchen Frau Bauer vom Einschlafen abzuhalten?
Bauer: Nee.

Stuckrad-Barre: Nein, also sie muss mich schon auch unterhalten. Deshalb machen wir das. Wir haben beide eine Freude daran, den anderen zu amüsieren.

Geraten Sie auch mal ins Stocken? Gibt es Themen, zu denen Ihnen nichts einfällt?
Stuckrad-Barre: Genau da beginnt für mich der Spass – dort, wo es eigentlich ausgelutscht ist. Nicht nur bei Gesprächen, sondern auch beim Schreiben, in der Musik. Ein Liebeslied nur mit einer Stimme und einem Klavier kann man eigentlich nicht mehr machen, gibt es hundertfach. Aber wenn es dann gelingt, ist es das absolut Grösste.

«Wir machen eher so eine Art Gummitwist in der Dialektik.»Benjamin von Stuckrad-Barre

In der Ankündigung zu Ihrem Podcast ist die Rede von zwei Generationen, die sich möglicherweise nicht mehr verstehen. In der ersten Folge geht es ums Ausgehen, Büros und unbeantwortete Anrufe – und Sie sind sich weitestgehend einig.
Stuckrad-Barre: Ich finde Jasna nicht interessant, weil sie 14 Jahre jünger ist. Natürlich ist das Alter ein Faktor, warum wir über manche Dinge unterschiedlich denken. Aber wann genau das der Fall ist, das müssen wir erst herausfinden, das zieht sich nicht an irgendwelchen Alter-Mann-junge-Frau-Klischees entlang.

Sind Sie sich denn überhaupt einmal uneins?
Bauer: Ja doch, klar. Das kommt auf jeden Fall vor.

Stuckrad-Barre: Unser Ziel ist nicht das Finden irgendeiner objektiven Wahrheit, die dann für alle Menschen gelten soll. Wir machen eher so eine Art Gummitwist in der Dialektik. Eine andere Meinung ist sehr schützenswert, ich finde sie oft spannender als meine eigene. Manchmal habe ich auch selbst zwei gegensätzliche Meinungen zu einem Thema. Heute, wo es meistens nur um das Niederschreien geht und sich alle in eine Art Mini-Trump to go verwandeln, ist das Interesse an der Meinung des anderen total verloren gegangen.

Bauer: Voll.

Stuckrad-Barre: Das ist doch gerade das Schöne im Leben, der Austausch, die Unterschiede. Da geht das Denken erst los.

«Das ist dumme Scheissmusik.»Jasna Fritzi Bauer

Bei welchen Themen sind Sie sich denn nun uneins?
Stuckrad-Barre: Zum Beispiel bei Miley Cyrus! Die hast du mir doch neulich nahegebracht an deinem Geburtstag, Jasna. Die war mir vorher egal. Was noch, Jasna?

Bauer (kaut auf ihrer Kette): Ich weiss nichts mehr.

Stuckrad-Barre: Was machst du da?

Bauer: Keine Ahnung.

Stuckrad-Barre: Verstehe. Na ja, auf ihrem Geburtstag lief jedenfalls «Wrecking Ball» von Miley Cyrus, weil das ihre Hymne ist. Da habe ich Miley Cyrus zum ersten Mal verstanden. Und später hat dort noch Sophie Hunger «Atemlos» gesungen. Das war unerwartet toll. «Ok cool» von Yung Hurn findet Jasna zum Beispiel wiederum total doof, da sind wir uns uneins. Sie hasst das.

Warum?
Bauer: Schweigt.

Stuckrad-Barre: Keine Ahnung, als sie mir das gesagt hatte, wurde ich tatsächlich richtig sauer. Aber offenbar ist ein intelligentes Leben möglich, auch wenn man Yung Hurn ablehnt. Das sitzt hier neben mir.

Was stört Sie an Yung Hurn, Frau Bauer?
Bauer: Das ist dumme Scheissmusik. Ich finde das uninteressant und auch gar nicht lustig.

Stuckrad-Barre: Und trotzdem sind wir Freunde!

Sind Podcast-Macher eigentlich alle Freunde? Es ist ja recht auffällig, dass sich sehr viele Podcast-Menschen gegenseitig in ihre Podcasts einladen.
Beide unisono: Wir laden niemanden ein.

Stuckrad-Barre: Sie reden hier mit der Champions League. Selbst Yung Hurn könnte an der Tür kratzen, unsere Antwort wäre immer: Nein. Das Kabuff ist verriegelt. Bis zur Raucherpause.

Erstellt: 15.08.2019, 11:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Roger Köppel darf ausreisen. Jetzt»

Video Bestseller-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre ist in Zürich, wo er einst lebte. Im Video spricht er über die Langstrasse, Zürcher Frauen und die coolste Zürcher Person. Mehr...

«Kontrollierter Rausch ist Bausparertum»

Sehnsucht nach der Badi Enge und Verwunderung über das neue Rivella-Logo: Benjamin von Stuckrad-Barre im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser-Chat. Mehr...

«Die erste Sprache waren die Schläge»

Udo Lindenberg über seinen Kampf gegen rechts, bessere Drogen als Alkohol und Schweizer Geschmeidigkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...