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Arier im Schokomantel

Güzin Kar über Sprachpolizei und die Grenzen des Sagbaren.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.
Unsere Kolumnistin Güzin Kar.
Keystone

Es geht um Grosses in der Schweiz. Das Land verteidigt seine Werte, seine Kultur und seine Identität, die praktischerweise zu einem einzigen Wort zusammengeschrumpft sind: Mohrenkopf.

Ein Grüppchen von Leuten, das dieses Wort rassistisch findet, hat eine Petition zur Umbenennung gestartet, weshalb der aufrechte Patriot sein Sturmgewehr schultert und losschiesst. In etlichen Posts auf FB und Twitter werden die Initianten der Petition verhöhnt und beschimpft, es hagelt Schimpftiraden und Witzsalven («Darf man noch Meitschibei oder Führerschein sagen?» Höhö). Diese Minderheiten nerven. Jetzt machen die doch tatsächlich von ihrem demokratischen Recht Gebrauch und sammeln Unterschriften. Die sollen alle zurück nach Minderheitistan, denn bei uns kommt ihr Anliegen bei der Leserumfrage eines Gratisblatts gerade mal auf 3 Prozent Befürworter.

Schrumpfköpfe und Spitex

Umfragen von Gratisblättern sind hierzulande, wo die Mehrheit nicht abstimmen geht, ein Massstab, denn wo die direkte Demokratie keinen hinterm Ofen hervorlockt, schafft es wenigstens die direkte Demagogie. Zum Glück gibt es das Internet. Dort wimmelt es von Rassismusexperten, die sich ansonsten darum foutieren, ob Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft benachteiligt werden, aber hier kann jeder das als Expertise heranziehen, was universelle Gültigkeit hat: das eigene Erleben. Gefühl (ich finde das nicht rassistisch), Google-Forschungen (Mohr meint einen Mauretanier) und der nahe Bekanntenkreis (mein kenianischer Nachbar versteht das Problem nicht) kommen gemeinsam zum Schluss: Mohrenkopf ist ein positiver Begriff. Genau. Und Arschloch meint auch nichts Böses.

Ich selber werde die Arierschnitte, formerly known as Cremeschnitte, herausgeben (Google sagt: «Arier ist eine Selbstbezeichnung von Sprechern indoiranischer Sprachen», also multikulti). Oder wie wäre Arier im Schokomantel anstelle von Mohrenkopf? Ältere Schweizer heissen bei mir Schrumpfkopf (ein Kompliment, denn in Westost-Afrikanien sind Schrumpfköpfe beliebte Nippes), Frauen ab 40 Trockenpflaumen (mmmh, fein! Esse ich seit meiner Kindheit), und junge Menschen, die mit wesentlich älteren verheiratet sind, nenne ich Spitex (ich kenne acht Pflegefachleute, die diesen Witz lustig finden). Gut so? Gegen die Political Correctness. Freedom of Speech. Wessen Speech?

Sprache hört nie auf

Sprache war schon immer Gegenstand von Verhandlungen. In meiner Kindheit hiessen unverheiratete Frauen «Fräulein». Manchmal war mit Fräulein auch ungevögelt gemeint, was zu drolligen Witzen führte. Etliche Proteste und Diskussionen später wurde die Anrede offiziell abgeschafft. Und erinnern Sie sich an die Spendenaufrufe der «Aktion Sorgenkind» am Fernsehen, die uns unbewusst eintrichterten, dass behinderte Kinder nur Sorgen machen und Geld kosten? Die Organisation wurde umbenannt.

War die übereifrige Sprachpolizei am Werk? Winkelriede des freien Ausdrucks zeichnen gern das Bild von Sprache als einer Art relbstregulierendem Urwald, in den man nicht eingreifen dürfe. Doch eingegriffen wurde schon immer, aus diversen Gründen. Raten Sie mal, wer in Deutschland Mohrenkopf sagen will, obwohl dort seit Jahren der Begriff Schokokuss etabliert ist? AfD-Politiker Gauland. Ist er nun auch unter die politisch Korrekten gegangen, weil er die deutsche Sprache nach seinem Gusto manipulieren will? Ein befreundeter FB-User sieht bange in die Zukunft: «Diese Sprachregelungen werden doch nie aufhören!» Nein, Sprache hört nie auf. Wir werden sie stets herausfordern, variieren und die Grenzen des Sagbaren ausloten. Übrigens: Raider heisst jetzt Twix.

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