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Ausgegrenzt: Künstler und Superreiche

Die Reaktionen der Leser auf die Berichterstattung über eine Veranstaltung von Künstlern gegen die Ausschaffungsinitiative waren heftig. Den Künstlern ergeht es wie den Superreichen, meint Kulturredaktor Rico Bandle.

Wenns um Ausländer geht, sind wütende Kommentarschreiber bei Redaktion Tamedia in der Regel rasch zur Stelle. Äussern sich Kulturschaffende zum Thema, dann entsteht eine besonders explosive Mischung. So geschehen gestern bei einem Bericht über eine Veranstaltung des Netzwerks Kunst + Politik gegen die Ausschaffungsinitiative (siehe hier). Innerhalb kürzester Zeit verfassten die Leser von Redaktion Tamedia mehrere Hundert Kommentare, viele enthielten zum Teil heftige Beschimpfungen gegen die Kulturleute und konnten nicht veröffentlicht werden: Gutmenschen und Schmarotzer gehören noch zu den harmloseren Begriffen, der dieser Berufsgruppe angehängt werden.

Charles Lewinsky, einer der beliebtesten Schweizer Autoren, meinte kürzlich in einem Interview: «Wir sind bald wieder da, wo ‹intellektuell› ein Schimpfwort ist.» Eine Übertreibung, findet der Literaturwissenschafter Peter von Matt: «Intellektuelle und Künstler neigen zu Wehleidigkeit.» Beide haben auf ihre Weise recht. Wer politische Äusserungen und Aktionen von Künstlern kritisch hinterfragt – was unbedingt nötig ist – wird von diesen nicht selten umgehend in die rechte Ecke gestellt. Nur wenige politisch engagierte Künstler stellen sich wirklich der Diskussion, wie Adolf Muschg, der sich auch nicht scheut, mit einem Christoph Blocher in den Ring zu steigen. Andererseits: Dass Ressentiments gegen Intellektuelle weit verbreitet sind, ist kaum von der Hand zu weisen.

«Einfach zu diskreditierende Gruppe»

Woher kommt diese Abneigung einem ganzen Berufsstand gegenüber? In der aktuellen NZZ wird man fündig. Chefredaktor Markus Spillmann schreibt in einem Kommentar unter dem Titel «Die Neidgesellschaft bläst zum Halali»: «Die Reduktion auf eine namentlich erfassbare, in ihrer Lebenshaltung einfach zu diskreditierende Gruppe, hat System.» Passt perfekt zu den in den Leserkommentaren weit verbreiteten Haltung, die Künstler lebten auf Kosten des Staates, würden sich bereichern. Nur: Der Kommentar des NZZ-Chefredaktors bezieht sich nicht auf die Künstler, sondern auf die Reichen, die im Zusammenhang mit der SP-Steuerinitiative diskreditiert würden.

Superreiche und Künstler haben tatsächlich mehr gemeinsam, als ihnen wohl lieb ist. Beides sind Bevölkerungsgruppen, die auf ihre ganz eigene Weise am Rand der Gesellschaft leben – und darin eine wichtige Rolle spielen. Haben sie deshalb einen besonderen Schutz verdient? Nein. Man soll über sie und mit ihnen streiten, ihr Handeln, ihre Privilegien auch mal infrage stellen dürfen. Pauschale Diskreditierungen und Anschuldigungen sind aber fehl am Platz.

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