Ausweitung der Balzzone

Gabriel Vetter über Kinder auf Flugreisen und den Weltuntergang.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Jetzt ist schon wieder was passiert. Und zwar, pass auf: Offenbar geht die Welt bald unter. Finis Terrae sozusagen. Das stand in der Zeitung neulich, vorgestern womöglich oder eventuell einen Tag davor. Es stand aber nicht im Veranstaltungskalender – was den Weltuntergang wenigstens logistisch ein wenig fass- und planbarer gestaltet hätte –, sondern im ersten Zeitungsbund, also im internationalen Teil. Was nur konsequent ist. Ein Weltuntergang, der lediglich im Sportteil stattfände oder bei den Todesanzeigen, wäre ja irgendwie auch eher suboptimal, jetzt rein wertefrei vom apokalyptischen Standpunkt her betrachtet, denn mit einer Platzierung in den Vermischten Meldungen Regional fehlte ja auch noch dem räudigsten Untergang die mediale Relevanz.

Jetzt ist natürlich die brennende Frage nicht, wie man diesen Untergang der Welt, wie wir sie kennen (Abendland, WLAN, Rivella Refresh) noch stoppen könnte, sondern: Wer oder was ist denn eigentlich schuld daran, dass die Welt bald untergeht? Und da gehen die Meinungen auseinander.

Manchmal heisst es: «Flugreisen sind die schlimmste Umweltverschmutzung!» Dann heisst es wieder: «Kinder sind die schlimmste Umweltverschmutzung!» Flugreisen einerseits, weil der Flugverkehr zwar eine aufregende, aber ökologisch debile Art der Zeitverbringung ist, und Kinder andererseits, da Kinder ja technisch gesehen allesamt auch eine Art Menschen von morgen sind und ergo mit jedem neu in die Weltgeschichte hineinproduzierten Kind alle Umweltverschmutzungen, die dem Menschen angelastet werden, potenziert werden.

Jetzt liegt es natürlich nahe, den diplomatischen Mittelweg einzuschlagen und gekonnt zu kombinieren: Am allerschlimmsten für den Fortlauf der Welt und der Menschheit sind also Kinder auf Flugreisen. So zu argumentieren, wäre zwar dialektisch effizient, gleichwohl pawlowsch-faul, denn jeder, der schon mal mit Kindern eine Flugreise durchgemacht hat – sei es als Elternteil oder als unbescholtener Zivilist –, weiss, dass man sich in diesen Momenten nichts sehnlicher herbeiwünscht, als dass die Welt doch bitte baldmöglichst untergehen möge, inschallah, ein Gedanke, der ja durchaus auch mit ein Grund dafür sein könnte, dass sich Menschen (auch auf Kurzstreckenflügen) überraschend oft spontan in der Flugzeugtoilette zu paaren beginnen; dass Passagiere, vor lauter Sehnsucht nach Armageddon, das Ende herbeibalzen, in der leisen Hoffnung, die aus dem Akt resultierende Lendenfrucht würde dem Weltlauf endlich und unwiderruflich den allerletzten Stoss versetzen.

Ein oft gehörtes Argument gegen den drohenden Untergang ist, dass wir die Welt nur von unseren Kindern geliehen haben. Wenn das stimmt, wäre ja eigentlich alles in bester Ordnung. Denn wenn es tatsächlich so sein sollte, dass, wie oben beschrieben, Kinder schuld daran sind, dass die Welt zugrunde geht, dann ist es doch eigentlich nichts als fair, dass eben jene Kinder mit diesem Untergang werden irgendwie umgehen müssen. Logik ist leider ein unbarmherziges Pflaster.

Zusammenfassend kann man sagen: Schuld am Weltuntergang ist der Mensch. Ob als Kind oder als Passagier. Und wenn nicht der Mensch schuld sein sollte (was ja durchaus möglich ist), so wirkt zumindest der Gedanke beruhigend, dass die Menschheit dereinst, im Moment der tatsächlichen Apokalypse, wird trotzig dastehen und konstatieren können: «Haha! Ich habs doch immer gesagt, ich bin nicht schuld!», während hinter ihr alle Flugzeuge und Kinderwagen der Welt langsam und wunderschön in heisser Lava versinken. In diesem Sinne: Gute Reise, Kleinkinder bitte unter dem Vordersitz verstauen, und Handgepäck bitte nur bis acht Kilogramm, vielen Dank! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 15:50 Uhr

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