Baschi – oder der Untergang des Punk

Die Zeiten der grossen Skandale um Musikstars sind vorbei. Nachfolger für Pete Doherty und Marilyn Manson sind keine in Sicht.

Der 69-jährige Alice Cooper hat den Wandel vom Skandalrocker zum Golf spielenden Biedermeier bereits hinter sich.

Der 69-jährige Alice Cooper hat den Wandel vom Skandalrocker zum Golf spielenden Biedermeier bereits hinter sich. Bild: Keystone

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Baschi dankte kürzlich seiner Zahnärztin auf Instagram höflich für seine Weisheitszahnbehandlung, Alice Cooper vergnügt sich bei einer Partie Golf, und Rapper Marteria vertreibt sich seine Freizeit beim Fischen. Während die Stars der Stunde ein gutbürgerliches Bild abgeben, verschwinden die Skandalpromis von der Bildfläche.

Minus 2 weisheitszähne ????danke frau doktor !! ????????#baschi #swissmade #aua #basel #engelinweiss

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Jede Jugendkultur verfügte anfangs über eigene Werte, Kodizes, Vor- und Feindbilder. Im Hip-Hop gings um die Aufdeckung sozialer Missstände, darum, den Stimmlosen eine Stimme zu verleihen. Den Punks ging es um die Provokation, die Rebellion und nonkonformistisches Verhalten. Die Hippies setzten sich für den Frieden ein und propagierten die freie Liebe. Die einzigen gemeinsamen Nenner all dieser Gruppierungen: das Establishment ablehnen, politisch inkorrekt agieren und sich gegen die Werte der Eltern auflehnen.

Ist die Devise heutzutage demnach «Vom Revolutionär zum Spiessbürger»? «Vom Elternschreck zum Paradebeispiel eines Schwiegersohns»? Natürlich gibt es immer noch die Pete Dohertys und Marilyn Mansons, die der Gesellschaft am liebsten vor die Füsse rotzen, im übertragenen Sinne wie wortwörtlich. Doch es scheint, dass sie von der Regel zum Ausnahmefall geworden sind.

Skandale als Businessmodell

Die traditionellen Skandalfiguren sind grösstenteils effektiv verschwunden und haben einer neuen Generation Skandalnüdelchen die Bühne übergeben, die diese jedoch nur noch zur kurzfristigen Aufmerksamkeitserregung während Promophasen benutzen. Oder wie war das noch mal, als sich Bushido mit dem Song «Stress ohne Grund» mit Drohungen und Beleidigungen gegen Politiker und Prominente in die mediale Aufmerksamkeit katapultierte? Derselbe Bushido, der ungefähr zur selben Zeit in Interviews sagte, er sei froh, dass Ruhe in sein Familienleben eingekehrt sei, und der sich die Zeit am liebsten mit Computerspielen vertreibt.


N.W.A.-Fuck Tha Police von ErnieMicky1

Die amerikanische Rap-Gruppe N.W.A. um Dr. Dre, Eazy-E und Ice Cube hatte 1988 in ihrem hochmediatisierten Song «Fuck tha Police» noch gegen die Polizeibrutalität protestiert. Vorangegangen war ihre eigene, subjektiv wahrgenommene, unverhältnismässig grobe Festnahme. Der Song liess aufgrund expliziter Drohungen und Aufruf zur Gewalt gegen die Polizei sogar das FBI einschreiten. Auch Songs wie «Another Brick in the Wall» von Pink Floyd, in welchem die Band das Schulsystem kritisiert, oder «God Save the Queen» der Sex Pistols, mit dem sie das britische Königshaus und wohl die gesamte britische Bevölkerung schockierten, hatten nebst kalkulierter Provokation wenigstens ein wenig Substanz.

Der Tabubruch wird schwieriger

Liegt es vielleicht daran, dass es heutzutage quasi keine Tabus mehr gibt, da bereits alle wieder und wieder gebrochen wurden? Polizisten töten? Die Crossover-Band Body Count sang schon 1992 im Song «Cop Killer» davon. Vergewaltigungen? Nirvana 1993 mit «Rape Me». Und hier sprechen wir nur von Musik, die in der breiten Masse Beachtung (und Anklang) gefunden hat. Auch abseits der Musik wurden allerlei Ausschweifungen bereits begangen. Alkoholexzesse, Überdosen, Suizide. Für die heutigen Musiker ist es eine Herausforderung, Tabus zu brechen.

Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass sich Künstler mit einem guten Image besser verkaufen lassen. Väter gehen an Rap-Konzerte, Mütter kennen die Hits der Jugendidole und singen mit. Das potenzielle Publikum nimmt für einen Künstler schlagartig zu, wenn er sich artig bei der Polizei oder der Ärztin bedankt. Oder vielleicht liegt es daran, dass sich die Musiker ihrer Vorbildfunktion wieder bewusster sind und dass sie auch deswegen gesellschaftlich wichtige Themen ansprechen. Von Prince zu Beyoncé über Kendrick Lamar bis zu Lauryn Hill: Sie alle haben der «Black Lives Matter»-Bewegung in Amerika ihre Stimme verliehen. Radiohead setzt sich für den Umweltschutz ein, diverse deutsche Musiker für die Wasserinitiative «Viva con Agua». Oder aber es ist einfach das Alter, das den Künstlern zugesetzt hat, wie der Wandel von Alice Cooper vom Enfant terrible zum Golf spielenden Füdlibürger zeigt.

Fans der Rolling Stones der ersten Stunde sind heute über 70, diejenigen der Sex Pistols bewegen sich um die 60, und N.W.A.s Anhänger der ersten Stunde sind circa 50. Die Fans sind mit ihren Idolen gealtert und mit den Bands die Popkultur. Die Musiker im Rentenalter bringen heute lieber den Golfball als eine Revolution ins Rollen. Denn dafür wären ja eigentlich die Jungen zuständig. Nur: Ein Baschi wirds sicherlich nicht richten.

Erstellt: 28.04.2017, 18:49 Uhr

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