«Bei vielen wird behauptet, sie seien lesbisch»

Eine Gender-Forscherin erklärt, welchen Einfluss das Frauenbild auf einen Gerichtsprozess haben kann.

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Frau Grisard, wie stark hat das Geschlecht von Amanda Knox die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und vielleicht sogar der Richter beeinflusst?
Ich habe den Fall Amanda Knox nicht mitverfolgt, daher möchte ich mich eher auf allgemeine Aussagen zur medialen Darstellung und juristischen Beurteilung von Täterinnen äussern. Allerdings lässt sich sagen, dass sich das Geschlecht bei einem solchen Gerichts- und Medienfall kaum wegdenken lässt. Sodass davon ausgegangen werden kann, dass ihr Geschlecht in der medialen Darstellung und auch juristischen Beurteilung eine beträchtliche Rolle gespielt hat.

Welche anderen Faktoren können auf unser Urteilsvermögen wirken?
Es muss miteinbezogen werden, dass Amanda Knox jung, weiss, us-amerikanisch und Studentin, also gebildet ist. Es reicht nicht, das Geschlecht isoliert zu betrachten, denn so funktioniert die Wahrnehmung von Richtern, Geschworenen und Medienkonsumierenden nicht. In Gerichtsfällen spielt es in der Regel auch eine Rolle, ob die Angeklagte als emotional, geständig und einsichtig wahrgenommen wird. Wird sie das, dann wird die Angeklagte häufig als «gutes Mädchen» eingestuft – zumindest in den Medien.

Einerseits wurde Knox als «eiskalter Engel» betitelt, andererseits zeichneten Medien schon fast ein madonnenhaftes Bild von ihr – woher diese Gegensätze?
Mediendarstellungen, aber auch Gerichtsurteile über vermeintlich kriminelle Frauen sind meist inkohärent, was Geschlechterbilder anbelangt. Dies haben auch meine Untersuchungen von sogenannten terroristischen Frauen in den 1970er-Jahren ergeben. Es muss also nicht seltsam anmuten, wenn Knox einmal als «eiskalter Engel» betitelt wird und damit Assoziationen der kühl berechnenden Täterin eines Films wie «Basic Instinct» weckt, dann wieder als unschuldiges Opfer mit potenziellem Trauma gezeichnet wird. Stereotype Geschlechterbilder, und das scheint mir hier zentral, werden derart rege benutzt, gerade weil sie helfen, Unerklärliches verständlich zu machen: weil sie einfach abrufbar sind und ohne grossen Erklärungsbedarf verstanden werden. Geschlechterstereotypen stiften Gewissheit im Sinne von «gewisse Dinge verändern sich nie, Frauen sind halt so, und Männer sind eben anders».

Raffaele Sollecito wurde gemeinsam mit Amanda Knox freigesprochen, dennoch war er den Medien nur ein paar müde Zeilen wert. Wieso?
Die Frau als Täterin scheint nach wie vor mehr Faszination auf die Medien und die Medienkonsumierenden auszuüben. Bei Tätern wird das Geschlecht höchst selten explizit erwähnt oder thematisiert, bei Täterinnen ist es die Regel. Dabei ist es nicht selten, dass bei Frauen vermutet wird, sie seien lesbisch, wie etwa bei Amanda Knox. Das hat damit zu tun, dass Morde und Kriminalität nach wie vor als männlich verstanden werden und mit dem Codewort «Lesbe» Bilder von maskulinen Frauen abgerufen werden. «Lesbisch» steht dann für «männliche Täterin», sei es in ihrem Auftreten, Aussehen oder in ihrem Begehren einer anderen Frau. Im Fall der Zürcher «Parkhausmörderin» und bei vielen anderen wurde auch behauptet, sie seien lesbisch. Grundsätzlich zeigt dies, wie homophob unsere Gesellschaft heute noch ist.

Können Richter überhaupt neutral urteilen?
Ob es Unterschiede in der Verurteilung von Frauen und Männern gibt, wird immer noch rege debattiert. Die Meinungen gehen da auseinander. Die einen sind überzeugt, dass Frauen vom Typus «gute Mädchen» eher freigesprochen werden. Dies nennt man in der Fachsprache die «Ritterlichkeitsthese». Andere vertreten die Meinung, dass Frauen, wenn sie von dieser Rolle der «guten Mädchen» oder der «Mutter» abweichen, dafür stärker bestraft werden.

Erstellt: 06.10.2011, 14:35 Uhr

Als Gastwissenschaftlerin am Center for Gender Studies der University of Chicago arbeitet Dominique Grisard derzeit an zwei Buchprojekten. In ihrer Dissertation «Gendering Terror. Eine Geschlechtergeschichte des Linksterrorismus in der Schweiz 1970–1983» untersuchte sie u. a. mediale, strafrechtliche, polizeiliche und sicherheitspolitische Aspekte des Terrorismusphänomens aus einer Geschlechterperspektive (Campus Verlag 2011).

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