«Bin heute einfach einer der Jungs vom Dirigenten»

Heute tritt Carl Craig mit dem Sinfonieorchester Basel auf. Der Techno-Star über die ungewöhnliche Zusammenarbeit und sein Verhältnis zu Yello.

Carl Craig, Star-DJ aus Detroit.

Carl Craig, Star-DJ aus Detroit. Bild: Christian di Stefano

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Wie einfach ist es für ein Sinfonieorchester, sich auf Ihre Groove-orientierte Musik einzulassen?
Orchestermusiker haben in der Regel ein ganz anderes Rhythmusverständnis als Leute wie ich, die mit Jazz, Rock oder Techno aufgewachsen sind. Ob ein Orchester Groove hat oder nicht, hängt nach meiner Erfahrung immer vom Dirigenten ab. Wenn er die richtige Sensibilität mitbringt, wird das Orchester auch ein bisschen Groove entwickeln.

Sind Sie auch schon auf Orchester gestossen, mit denen die Zusammenarbeit trotz allem nicht geklappt hat?
Früher ist es tatsächlich vorgekommen, dass wir die Partitur vor Ort umstellen mussten, damit die Orchestermusiker das Stück besser begreifen konnten. Zum Glück gehören solche Feuerwehrübungen der Vergangenheit an, aber völlig selbstverständlich ist die Kommunikation mit dem Orchester auch heute nicht. Darum ist die Arrangeurin Kate Simko in Basel dabei, die mir während der Proben als ­Dolmetscherin zur Seite steht. Ich habe nun mal nicht dasselbe musikalische Vokabular wie jemand, der ein Musikstudium ­absolviert hat.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Ihnen und dem Orchester, wenn Sie zusammen auf der Bühne stehen?
Bei diesem Projekt musste ich lernen, die Führung an den Dirigenten abzutreten. Anders als ich weiss er, wie man ein Orchester mit all seinen verschiedenen Fraktionen und Befindlichkeiten zusammenhält. Wenn ich mit einem Orchester auftrete, bin ich einfach einer der Jungs in der Band des Dirigenten.

Wie einfach ist es für Sie als Einzelkämpfer, sich in dieser fremden Hackordnung zurechtzufinden?
Mir macht das nichts aus. Wenn ich als DJ auftrete, was ich drei- bis viermal die Woche tue, stehe ich im Rampenlicht. Da muss ich doch nicht auch dann den Star raushängen, wenn ich mit einem Orchester spiele. Im Konzert ­stehe ich nicht einmal vorne am Bühnenrand. Mein Equipment ist mitten im Orchester aufgebaut.

Ihre Musik hatte schon immer eine europäische Ästhetik. Woran liegt das?
Als ich jung war, habe ich den ­Radio-DJ The Electrifying Mojo regelmässig gehört. Er spielte alles von Funk aus den USA über New Wave aus England bis hin zu Synth-Pop aus Japan, ihm ­waren Stilgrenzen absolut egal. Dank ihm wurde mir klar, dass in der Musik alles möglich ist und alles zusammengehört. ­Woher ein Künstler oder eine Künstlerin stammt, ist eigentlich unwichtig.

Eine frühere Aufführung von «Versus».

Über The Electrifying Mojo wurden Sie auch auf Yello aus Zürich aufmerksam, die bis heute eine Ihrer musikalischen Kerneinflüsse sind. Was an dieser Musik fasziniert Sie?
Das erste Yello-Stück, das ich gehört habe, war «I Love You», das muss 1983 gewesen sein. Mit all den komischen Sampling-Effekten hatte die Nummer eine kindliche Absurdität, diese hat mich als 13-Jährigen sofort angesprochen. Ich habe Yello später kennen gelernt, 1995 durfte ich sogar einen Remix ihres Stücks «La Habanera» anfertigen. Boris Blank ist ein richtig cooler Typ. Dieter Meier habe ich schon ­lange nicht mehr gesehen. Mit seinem Weingut und seiner ­Rinderzucht hat er sicher alle Hände voll zu tun.

Als Techno-Produzent müssen Sie unweigerlich mit den ­neusten Entwicklungen in der Studiotechnologie mithalten. Was kann man als Nächstes von Ihnen erwarten?
Wer weiss, was da noch alles kommt. Auf jeden Fall gibt es jetzt schon zu viel Software, die die immer gleichen Funktionen erfüllt. Auf meinen Festplatten verstauben unzählige Plug-ins, für die ich eigentlich keine Verwendung habe. Dafür hat jeder meiner alten Analog-Synthesizer seinen ganz eigenen Charakter, der seine Einsatzmöglichkeiten bestimmt. Auf keines dieser alten Geräte möchte ich verzichten müssen.

Das klingt, als trauerten Sie der Zeit vor dem Siegeszug der digitalen Musiktechnologie nach.
Das tue ich ganz sicher nicht. Für 200 Dollar kriegt man heute Softwarepakete wie Ableton, die ein ganzes Aufnahmestudio ersetzen. Wollte ich mir die entsprechende Hardware zusammenkaufen, müsste ich dafür Millionen Dollar hinblättern. Solche Fortschritte sind nicht zu verachten. Besonders dann nicht, wenn man bedenkt, wie Platten früher gemacht wurden. Als ­Arthur Baker 1982 den Hip-Hop-Klassiker «Planet Rock» produzierte, konnte er sich keine eigene Schlagzeugmaschine leisten. Also musste er ein Mietgerät auftreiben, wofür er auch gutes Geld zahlte. Wenn man heute einen bestimmten Sound braucht, holt man ihn sich von der Festplatte oder aus dem Internet.

Ihre Heimatstadt Detroit galt in den 1960er-Jahren als ­Musikmetropole. Wie ist es heute um die dortige Szene bestellt?
Leider ist Detroit sich der grossen Vergangenheit mit stilgebenden Soul-Labels wie Motown kaum bewusst. Bei uns ist die Musik ein bisschen wie das Wasser: Sie kommt aus der Leitung, wenn man den Wasserhahn aufdreht, aber sie verschwindet auch wieder schnell in der Kanalisation, ohne dass sie richtig wahrgenommen wird.

Detroit ist bekanntlich auch eine der härtesten Städte der USA. Wie gut greift die Detroit-Renaissance, von der in den Medien auch immer wieder die Rede ist?
Ich glaube an die Detroit-Renaissance und leiste als Musiker und Veranstalter auch meinen eigenen kleinen Beitrag dazu. Aber vielleicht bin ich auch nur darum ein Optimist, weil ich die Stadt schon in Zeiten erlebt habe, als es ihr noch dreckiger ging als heute.

Carl Craig & Sinfonieorchester Basel, Ort: Reithalle, Basel

Erstellt: 07.11.2019, 06:18 Uhr

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