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Güzin Kar wäre froh, wenn sich gewisse Leute etwas zurückhalten würden.

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Neulich bekam ich Post von einem Herzspezialisten, den ich voriges Jahr aufgesucht und seither nie wieder gesehen hatte, glücklicherweise, muss man sagen, da Termine bei Fachärzten selten einen fröhlichen Kaffeeklatsch beinhalten. Als ich nun auf dem Absenderfeld des Briefumschlags den Namen und die Adresse der Praxis las, kriegte ich einen Schrecken, denn ich war überzeugt, dass ich gleich erfahren würde, dass meine Blut- und EKG-Werte damals, vor einem Jahr, vertauscht worden waren und ich nicht gesund, sondern ein kardiologischer Notfall war. Vielleicht stand im Brief auch: «Liebe Frau Kar, wenn Sie diese Zeilen lesen, sind Sie längst tot.»

Zitternd öffnete ich den Umschlag. Darin war ein Flyer mit der Einladung zum Konzert der Tochter des Arztes, die klassische Stücke auf dem Cello, einer Oboe oder einer ausgehöhlten Karotte spielte. Vor lauter Erleichterung habe ich mir die Details nicht eingeprägt. Später kam der Ärger. Wie kommt ein Facharzt dazu, meine Adresse für private Werbezwecke zu benutzen? Wird man jetzt nicht nur vom Pizzalieferdienst, den man einmal in Anspruch genommen hat, bis in alle Ewigkeiten mit SMS über Sonderaktionen belästigt, sondern auch von Ärzten, Coiffeuren und Elektrikern?

Dann fiel mir ein, dass der Herr Doktor keinesfalls der Einzige ist, der mit Werbung auf unüblichen Kanälen nervt. Da ist zum Beispiel die Kollegin, die man an kein Essen einladen kann, ohne dass sie Flyer und Zettel mit ihren Ausstellungsterminen an alle Anwesenden verteilt. Natürlich ungefragt, da sie ausschliesst, dass sich irgend­jemand nicht für ihre Kunst interessieren könnte. Oder die Bekannte, die jeden ihrer selbst verfassten Artikel auch noch über private Mailadressen und per SMS betrommelt, manchmal mehrfach hintereinander.

Da ist der angehende Sänger, der jeden Zeitungsschnipsel, auf dem sein Kopf oder sein Name zu erkennen ist, per Gruppenchat an alle verschickt. Und da ist Ursula, die ich nicht persönlich kenne und die Künstler­porträts fürs Fernsehen filmt und nicht davor zurückschreckt, das Mail mit dem Ausstrahlungstermin bis zu zwanzigmal zu verschicken. Sobald sie bemerkt, dass ich gerade auf Facebook aktiv bin, kickt sie mich im Chat an: «Bestimmt hast du mein Mail nicht erhalten. Hier ist es nochmals. Kannst du bitte auf deiner Pinnwand Werbung für meinen Film machen?» Manchmal habe ich Albträume, in denen ich Ursula auf der Strasse begegne, wo sie mich mit einem Stapel DVDs ihrer Künstlerporträts erschlägt.

Ich habe nichts gegen das Anpreisen der eigenen Erzeugnisse, egal, ob dies Würste, Dachziegel, Malnachmittage oder Politpanels sind, ganz im Gegenteil, denn in der Informationsflut geht ohne Eigenwerbung tatsächlich viel Gutes unter. Aber muss diese so penetrant sein, um gehört zu werden? Wer auf Facebook und Twitter ist, verfügt doch bereits über verlässliche Kanäle, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, zumal der Freundeskreis in der Regel gern behilflich ist bei deren Verbreitung. Ich selber teile ungefragt Dinge, die mich überzeugen. Wenn ich aber explizit dazu aufgefordert werde, fühle ich mich bedrängt und instrumentalisiert. Daran ändern auch Beschwichtigungen wie «du kannst es ja löschen, wenns dich nicht interessiert» nichts. Natürlich kann man unliebsame Aufforderungen oder Akkordwerbung ignorieren, aber wäre es nicht besser, man würde umgekehrt dem Gegenüber das Ignorierenmüssen nicht dauernd zumuten? Ist es wünschenswert, dass Bekannt- und Freundschaften als ständige Spiegelfläche der eigenen Vortrefflichkeit fungieren?

Man ist vermutlich immer der grösste Fan seines eigenen Schaffens, und das ist in Ordnung, aber bei allem Stolz sollte man doch akzeptieren, dass es werbefreie Zonen geben muss, in denen niemand etwas anpreist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 15:48 Uhr

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