Blick zurück in Liebe

Güzin Kar ehrt die Mitbegründerinnen einer grossartigen, etwas irren Organisation.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Dies ist eine Liebeserklärung. An Anne-Marie Holenstein und Regula Renschler, die 1968 die Erklärung von Bern mitbegründeten. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Organi­sation, die inzwischen Public Eye heisst, erschienen etliche Artikel, gab es Podien und Radiosendungen.

In einem der Artikel, der ausführlich auf die Anfänge einging, fehlte jeglicher Hinweis auf die beiden Gründerinnen. Übrig blieben Männer mit grossen Ideen und Taten. Ich machte meinem Unmut darüber auf Twitter Luft. Natürlich wurde ich sofort darauf hingewiesen, dass man es nur in diesem Text versäumt habe, die Gründerinnen zu erwähnen, da sie einer Textkürzung zum Opfer gefallen seien, man sie ansonsten aber prominent würdige. Doch wie kann es auch nur ein einziges Mal passieren, dass die wichtigste Information aus einem Text gekürzt wird? Wie kann es sein, dass die Leistung von Frauen am Ende ein Platzproblem darstellt und deren Erwähnung zum Balsamico-Dekor auf dem Vor­speisenteller mutiert: im besten Fall hübsch, aber nicht unbedingt nötig?

Anne-Marie Holenstein und Regula Renschler, die damals, Ende der 60er-Jahre, noch nicht einmal wählen und abstimmen durften, waren nicht nur Mitbegründerinnen dieser grossartigen, etwas irren Organisation – sie waren auch der Treibstoff, der dafür sorgte, dass der Elan der ersten Stunde nicht verkümmerte. Holenstein, die 1969 zudem die erste Sekretärin der Erklärung von Bern wurde, war massgeblich dafür verantwortlich, dass die aus reformierten Kreisen entstandene Organisation ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung – auch der katholischen – gelangte. Kein Artikel dieser Welt kommt gegen den Beitrag des Schweizer Fernsehens aus jener Zeit an, in dem Holenstein einem Journalisten Rede und Antwort steht. In einem Garten sitzend, erklärt sie vor der Kamera die Ziele der neu gegründeten Organisation, kompetent, rede­gewandt und dermassen telegen, dass sie, fände der Auftritt heute statt, ein Youtube-Star würde.

Wichtiges Detail: Während des Interviews spielt ihr Ehemann im Hintergrund mit der winzigen Tochter Rahel und übt mit dieser das Gehen. Obwohl das Paar gerade vor der Kamera die bürgerliche Rollenverteilung auf den Kopf stellt, wirkt es dabei leicht und luftig wie die Rama-Familie.

Mit Rahel bin ich heute befreundet, weshalb ich überhaupt in den Genuss dieser Aufnahme kam. Sie wurde uns an Rahels Geburtstag gezeigt als Hommage an jene Frau, die sie geboren und aufgezogen und daneben die politische Landschaft der Schweiz verändert hatte. Selten habe ich besser begriffen, was diese Frauen – und, wo vorhanden, ihre Männer, ohne deren Erlaubnis sie damals keiner politischen Arbeit nachgehen durften – für die nachfolgenden Generationen geleistet haben, als in diesem Moment. Auf die Idee, während eines Interviews im Hintergrund den Ehemann mit dem Kind spielen zu lassen, muss man erst kommen. Was für ein genialer Streich, in einer Nebenhandlung ein weiteres Hauptanliegen unterzubringen: das Wahl- und Stimmrecht für Frauen. Dass wir es heute haben, ist diesen tapferen Frauen zu verdanken.

Trotzdem haben es von Frauen geprägte Geschichte und Geschichten bis heute schwer, in den Wissenskanon einzugehen; sie bleiben eine Ansammlung von Einzelerlebnissen, die man wegkürzen kann, ohne dass die Haupterzählung darunter leidet. Damit nicht jede Generation Frauen wieder von vorn anfangen muss, müssen wir auch zurückschauen auf das, was jene vor uns geleistet haben. Ein Blick zurück in Liebe.

Erstellt: 29.06.2018, 17:17 Uhr

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