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Das dümmste Sprachbild der Schweizer Politik

Bundesratswahlen stehen an. Also lesen und hören wir wieder von der «Nacht der langen Messer».

«Treachery of the Long Knives» von Noel Sylvestre.
«Treachery of the Long Knives» von Noel Sylvestre.
Wikimedia Commons

Kann jemand, der nachlässig spricht, präzise denken? Für die Schweiz kann man nur hoffen, dass dem so ist. Denn unter der Bundeshauskuppel stapeln sich die schiefen Bilder. «Wir sind bei diesem Geschäft auf der Zielgeraden.» Oder: «Es ist ein positives Signal mit angezogener Handbremse.» Um nur zwei Beispiele aus der eben angelaufenen Session zu nennen.

An mindestens einer Phrase sind die Parlamentarier jedoch unschuldig. Wir werden sie nächste Woche wieder lesen und hören, wenn die Grünen ihren ersten Bundesratssitz anpeilen: Es ist das Sprachbild der «Nacht der langen Messer». Eine blutige Allegorie, die zum einen auf vormoderne Zeiten verweist, als man die politische Konkurrenz noch abstach oder abstechen liess: Erdolchung Cäsars, Niedermetzelung keltischer Aristokraten.

Zum anderen und vor allem bezieht sich das Bild auf den sogenannten Röhm-Putsch von 1934, bei dem Hitler SA-Führer Ernst Röhm und dessen Vertraute erschiessen liess. Ein Komplott, der archaisierend als «Nacht der langen Messer» in die Geschichtsbücher einging. Auch in der Schweiz wurde das Sprachbild lange ausschliesslich mit der NS-Zeit verbunden. Die überraschende Wahl von Otto Stich – man beachte den etwas zweifelhaften Wortwitz – im Jahr 1983 gilt als Zeitpunkt der Helvetisierung. Wobei es sich um eine Rückwärtsprojektion zu handeln scheint: Der Schweizerischen Mediendatenbank zufolge wird die späte Mehrheitsbeschaffung für den Aussenseiter erst fünfzehn Jahre später, 1999, erstmals als «Nacht der langen Messer» bezeichnet.

Seit der Jahrtausendwende wird die Bezeichnung inflationär und praktisch vor jeder Bundesratswahl benutzt. Dass das ziemlich übertrieben ist, ist offensichtlich. Gemeuchelt wird bei der Abstimmung keiner, und abgewählt auch nur selten. Viel eher wird mal jemand konspirativ unterstützt, der beim Zweier-Ticket eigentlich als zweite Wahl galt. Dass Journalisten gern von der «Nacht der langen Messer» fabulieren, zeugt vor allem von ihrer Sehnsucht nach mehr Drama. Verständlich, denn der Bundesrat erlebte in den letzten 25 Jahren exakt zwei dramatische Momente: den Herzinfarkt von Hans-Rudolf Merz und die Abwahl von Christoph Blocher.

Geben wir der Zeitspanne vor der Wahl, wenn sich die Parlamentarier in den Bars der Hauptstadt versammeln und miteinander plaudern und den einen oder anderen Plan erneut bereden und vielleicht sogar noch ein wenig schärfen, um dieser oder jenem eins reinzubrennen, geben wir dieser Feierabendperiode also den ihr gebührenden Namen: Abend der Heimlifeissen.

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