Buchstabieren wie Hitler

Eine Debatte in Deutschland könnte dafür sorgen, dass «S wie Siegfried» oder «D wie Dora» verschwinden: Einige der Buchstabiernormen wurden von den Nazis eingeführt.

Rudolf Hess (l.), Adolf Hitler und Werner Eduard von Blomberg an einem Konzert im Dezember 1933 in Berlin. Bild: Keystone/AP

Rudolf Hess (l.), Adolf Hitler und Werner Eduard von Blomberg an einem Konzert im Dezember 1933 in Berlin. Bild: Keystone/AP

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«D wie Dora, P wie Paula, J wie Julius, N wie Nordpol» - wer so buchstabiert, der richtet sich nach einer deutschen Industrie-Norm. Die sogenannte DIN 5009 erschien erstmals im Jahr 1983, damals noch unter der Bezeichnung «Regeln für das Phonodiktat«. Sprachassistenten waren in diesen Tagen noch nicht irgendwelche Maschinen, sondern Menschen, denen man - mittels einer Tonaufnahme, über Funk oder eine oft sehr schlechte Telefonverbindung - etwas «in den Block diktierte», wie man damals sagte. Die Norm 5009 sollte verhindern, dass zum Beispiel aus «lieb» (wie Lukas) «Dieb« (wie Dora) wurde. Nicht nur im Fernmeldeverkehr zu militärischen Dienststellen hätte so etwas in Zeiten des Kalten Krieges durchaus böse Folgen haben können.

Grundlage für die DIN 5009 blieb weiterhin die aus dem Berliner Telefonbuch von 1890 stammende «postalische Buchstabentafel», welche 1934 von den Nationalsozialisten allerdings stark bearbeitet wurde. Vor Hitlers Machtergreifung hatte es hier noch geheissen: «D wie David, S wie Samuel, Z wie Zacharias und N wie Nathan». Das ging den Nazis jedoch gegen die faschistische Ideologie. «In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen (...) noch länger beizubehalten», hatte sich ein Denunziant beim Postamt Rostock 1933 beschwert. Die Beanstandung fand tatsächlich Zustimmung und landete in Berlin, die Überarbeitung der Buchstabentafel wurde beschlossen.

«Ü wie Übel»

Doch bis heute, Jahrzehnte nach dem Dritten Reich, wird in Deutschland nationalsozialistisch buchstabiert - etwa, wenn in einer Fernseh-Rätsel-Show wie (dem Ende 2002 abgesetzten) «Glücksrad» jemand ein «S wie Siegfried» wünschte. Besonders ärgerlich fand jetzt der baden-württembergische Beauftragte gegen Antisemitismus, Michael Blume, dass es in der DIN 5009 heute noch «N wie Nordpol» heisst. Da müsse wieder «Nathan» stehen, forderte er in einem Brief an das Deutsche Institut für Normung in Berlin. Denn «Nordpol» stehe in der pseudowissenschaftlichen NS-Ideologie für die Herkunft sogenannter «Arier». Für den Buchstaben «D» schlägt der Religionswissenschaftler statt David «Debora» vor, wegen der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Der Zentralrat der Juden begrüsste Blumes Vorschlag: «Zum 75. Jahrestag der Befreiung sollten wir uns auch von der Nazi-Sprache und ihren Relikten befreien», sagte Präsident Josef Schuster. Und auch das Deutsche Institut für Normung versprach, die DIN 5009 bereits im kommenden Jahr noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Immerhin: Statt «K wie Kurfürst« wird heute «K wie Kaufmann« empfohlen. «Y« heisst einfach wieder «Ypsilon« und nicht - wie unter den Nazis üblich - «Ypern« (das ist der belgische Ort, in dem deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg erstmals Giftgas eingesetzt hatten).

Einen besonders erwähnenswerten Wandlungsprozess hat der Buchstabe «Ü» hingelegt. Von dem hiess es noch in den angeblich goldenen 1920er Jahren, man müsse diesen mit «Ü wie Überfluss« beschreiben. Von 1934 an, wie passend, wurde daraus ein «Ü wie Übel». Die DIN 5009 legte schliesslich fest, dass «Ü wie Übermut» am besten sei. Und wie dieser zuweilen endet, das weiss man ja.

Erstellt: 07.11.2019, 11:19 Uhr

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