Der Mythos der katzenfressenden Schweizer

Jetzt auch in der FAZ: Warum die Schweiz das Image nicht los wird, dass hier die eigenen Haustiere verspeist werden.

Ausschnitt aus dem Werbeclip «La Table Suisse» einer Vegetarierorganisation.

Ausschnitt aus dem Werbeclip «La Table Suisse» einer Vegetarierorganisation.

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Vor ein paar Tagen war es wieder einmal soweit. Die Schweiz wurde in einem internationalen Medium als Nation von Katzen- und Hundeliebhabern vorgestellt – im Sinne von: Diese Tiere schmecken besonders gut. «In den Schweizer Kantonen Bern, Luzern und Jura war Katzenfleisch lange Zeit ein traditionelles Weihnachtsgericht unter Bauern», schreibt die FAZ: «Katze gekocht in Thymian war eines der beliebtesten Gerichte. Bis heute ist es in der Schweiz erlaubt, die eigenen Haustiere zu verspeisen.»

Stimmt das? Die Rechtslage ist schnell geklärt: Das Essen von Katzenfleisch war und ist in der Schweiz tatsächlich nicht verboten, jedoch darf es nicht verkauft werden. Zudem müssen die Tiere «tierschutzkonform» getötet werden. Das Gleiche gilt für Hunde.

Doch das Gesetz, mit dem wir in Europa praktisch alleine dastehen, erklärt die wiederkehrenden Berichte, wonach die Schweiz ein Volk von Katzenessern sei, nicht vollständig. Auch Wikipedia dürfte daran Anteil haben. Dort heisst es gar in der Gegenwartsform: «In gewissen ländlichen Kulturen werden in der Schweiz noch Katzen gegessen.» Tatsächlich porträtierte der «Blick» vor zwei Jahren eine Tessinerin, die mit dem Menü «Miau Miau» offenbar bestens vertraut ist: Katzenbraten sei eine alte Tradition, die im privaten Kreis bis heute währe.

Kommunistische Propaganda

Schweizer Tierschutzorganisationen bezeichnen die Verbreitung von regelmässigen Katzen- und Hundeessern als Einzelfälle im ländlichen, bäurischen Umfeld. Allerdings gibt es keine genauen Zahlen, man geht von 100 bis 200 regelmässigen Konsumenten aus. Die Neuenburger Tierschützerin Tomi Tomek, Gründerin des Schweizer Tierschutzvereins SOS Chats Noiraigue, sprach im Jahr 2014 allerdings von einer gewaltigen Dunkelziffer. Rund 3 Prozent der Schweizer, also 250’000 Menschen, würden die Tiere regelmässig zu einem Festmahl zubereiten. Die internationale Nachrichtenagentur AFP griff die Zahlen auf, worauf sich die Meldung über Nacht um die Welt verbreitete.

Woher hatte Tomi Tomek ihre Zahlen? Offenbar von «Journalisten, die über eine Tierschützer-Kampagne berichtet» hätten. Wahrscheinlich trübte ihre grosse Liebe zu den Tieren Tomeks numerisches Verständnis. Oder sie liess sich ihrerseits von Medienberichten ins Bockshorn jagen. Dass die Schweiz ein Katzenesser-Land sei, schrieb bereits 1953 eine Moskauer Zeitung: Schweizer Arbeiter seien derart unterernährt, dass sie Katzen und Hunde essen müssten. Die Zeitung berief sich wiederum auf den «Beobachter», in dem zu lesen war: «Es steht unbestreitbar fest, dass in den Kantonen Bern, Solothurn, Freiburg, Appenzell und in der Innerschweiz, der Heimat Wilhelm Tells, der Handel mit Schlachthunden blüht.»

Die kommunistische Propaganda brachte einen SP-Nationalrat auf den Plan, der vom Bundesrat wissen wollte, ob dem tatsächlich so sei. Das Gremium stellte fest, dass es den einzelnen schweizerischen Kantonen vorbehalten sei, Ausnahmen von dem Verbot von 1909 mit Hunde- und Katzenwaren zuzulassen: «Unter Aufstellung sichernder Bestimmung» können sie innerhalb ihres Gebiets den «Verkehr mit Hunde- und Katzenfleisch bewilligen». Lokale, die diesem Zweck dienten, «sind aber durch entsprechende Aufschriften zu kennzeichnen».

Ein Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt dies. Als Kommentar auf einen Artikel zum Thema Katzenfleisch schrieb er: «Ich erinnere mich noch gut an die Inserate der Ostschweizer Zeitungen während der 40er- und 50er-Jahre, ‹Masthunde zu verkaufen›. Ich glaube, sogar in den 60er-Jahren gab es das noch.»

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Heute ist der Handel in der Schweiz definitiv verboten, doch der erlaubte Verzehr ist manchen ein Dorn im Auge. Tierschutzorganisationen bekämpfen das Gesetz seit langem, und Vegetariervereinigungen bot es vor ein paar Jahren eine Steilvorlage für ein Fake-Video: ein Werbeclip für das fiktive Schweizer Nobelrestaurant La Table Suisse, das die Spezialitäten «Katzenrücken mit Patatli und Kräuter-Seitlingen» und «Mostbröckli vom Hund mit glasierter Birne» auf der Karte hat. Damit sollte die Doppelmoral von Fleischessern angeprangert werden: Wieso empört man sich über den Verzehr einer Katze, obwohl jeden Tag verschiedene andere Tiere auf dem Teller landen? Der Clip machte weltweit Schlagzeilen – und festigte das Image der Schweiz als Land der Katzenesser.

Kurz: Der helvetische Katzenhunger entstand über die Jahrzehnte aus einem seltsamen heimatkundlich-popkulturellen Gemisch aus Traditionen, Gesetzen und Gerüchten. Kein Wunder, hatte SVP-Nationalrat Lukas Reimann 2013 genug und reichte eine Interpellation zum Verzehr von Hunde- und Katzenfleisch ein, den er als «krank» bezeichnete. Er wollte vom Bundesrat wissen, wie verbreitet der Brauch sei, wie die Tiere geschlachtet würden und wie sich der Bundesrat zu einem generellen Verbot des Verzehrs stelle. Getan hat sich seither allerdings nichts. Für das Bundesamt für Veterinärwesen ist Katzen- und Hundeverzehr eine Frage der Ethik und Kultur, die jeder mit sich selbst ausmachen müsse, wie etwa beim Pferdefleisch.

«Katze gekocht in Thymian» dürfte also eine Schweizer Spezialität bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2018, 15:48 Uhr

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