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Callgirls richten Investmentbanker wieder auf

Die Finanzkrise erfasst einen Geschäftszweig nach dem anderen. Laut Columbia-Professor Sudhir Venkatesh weiss ein Wirtschaftssektor paradoxerweise davon zu profitieren: Die Edel-Prostitution.

Was tun Investmentbanker nach ihrer Entlassung? Sie packen Kartonschachteln, jammern in ein paar Mikrofone – und begeben sich ins nächste Cabaret. Gemäss «New York Magazine» sind Strip Clubs in Manhattan rappelvoll. Die Zeitung berichtet von einem Mann, der eine Tänzerin mit folgenden Worten ansprach: «Ich brauche eine Massage. Ich arbeitete für Lehman Brothers.»

Für Soziologieprofessor Sudhir Venkatesh von der Columbia Universität in New York ist klar: Gerade High-End-Prostituierte haben während einer Wirtschaftskrise Hochkonjunktur. Venkatesh, der sich für eine Studie seit 10 Jahren mit New Yorks Prostituierten beschäftigt, erinnert das Verhalten der Investmentbanker an die Zeit der geplatzten Dotcom-Bubble. Auch damals suchten frustrierte Geschäftsleute bei Callgirls Halt. Die Frauen besuchten ihre Stammfreier doppelt so häufig, schreibt Venkatesh auf Slate.com.

Auch Ende 2006, als die Hypokrise in den USA ihren Anfang nahm, verzeichneten High-End-Prostituierte mehr Aufträge. Den Zusammenhang zwischen ökonomischer Krise und höherer Nachfrage im Escort-Business führt Venkatesh auf einen «neuen Wirtschaftssektor» zurück. Nachdem New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani in den 90ern mit Strassenprostitution rigoros aufräumte, bauten viele Sex-Workerinnen eine Art bilaterale Beziehung zu Geschäftsleuten auf. Dies führte zu einem persönlicheren Verhältnis zwischen Prostituierter und Freier, das nicht nur Sex, sondern auch «therapeutische Dienste» beinhaltete. Die Dirne als Teil eines Wellness-Systems, vergleichbar mit dem persönlichen Shrink- oder Yoga-Lehrer.

«40 Prozent der High-End-Dienste beinhalten keinen Sex», konkretisiert Sudhir Venkatesh. Und gerade in Krisenzeiten käme es zu weniger horizontalen Aktivitäten. Stellt sich die Frage: Was tun Businessleute während ihrer Schäferstündchen? Jean, eine der 300 Prostituierten, die Venkatesh für seine Studie interviewt hat, sagt lapidar: «Zuhören». Denn viele Geschäftsleute plagten in einer Krise existenzielle Ängste. Sie fürchteten sich vor den Vorwürfen ihrer Frau. Und sie könnten ihren Kindern nicht in die Augen sehen.

Natürlich bleibt es nicht immer beim therapeutischen Gespräch. «Männer wollen Männer sein», so Jean: «Unsere Aufgabe ist es, sie mit erhobenem Kopf nach Hause zu schicken – wie auch immer wir dies erreichen». Andere Prostituierte erzählten Venkatesh Ähnliches. Eine gewisse Caroline will gar die durchschnittliche Rekonvaleszenzdauer eines crashgebeutelten Freiers ausgemacht haben: Sechs bis acht Monate – danach kämen sie weniger oft vorbei.

Ob die gegenwärtige Finanzkrise auch in dieser Zeit bewältigt ist, darf man bezweifeln. Callgirl Caroline nimmt's dennoch gelassen: «Banker, wie alle Männer, kommen immer zurück – man muss sie einfach glücklich machen.» Das älteste Gewerbe der Welt scheint tatsächlich krisenresistent. Dumm nur, dass man darin nicht mit Aktien investieren kann.

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