Darf man die «Cosby Show» noch gut finden?

Bill Cosby war «America's Dad» und steht wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Die «Bill Cosby Show» deswegen zu verteufeln, wäre aber falsch.

Bill Cosby war einmal die moralische Instanz vieler Amerikaner. Nun wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen.

Bill Cosby war einmal die moralische Instanz vieler Amerikaner. Nun wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen. Bild: Matt Rourke/Keystone

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Es geht ja um niemand Geringeren als «America's Dad». Bill Cosby, der Mann, der als Heathcliff Huxtable in The Cosby Show genau der Ehemann und Vater war, den sich ein ganzes Land wünschte. Klug, liebevoll und vor allem: komisch. Huxtable bringt seiner Tochter Rudy, die krank im Bett liegt, nicht nur Tee. Er spielt ihr mit den für Cosby typischen Grimassen auch vor, wie die Viren in ihrem Körper gerade «Party machen». Als sein Sohn Theo nicht mehr studieren will, weil ihm ein «regulärer Job» reicht, flippt Vater Huxtable nicht etwa aus. Er nimmt Theos Wunsch ernst, setzt sich mit ihm hin und zeigt ihm mit Geldscheinen, wie schnell 1200 Dollar brutto im Monat ausgegeben sind. Huxtable nimmt seine Kinder ernst und findet zwischendrin auch noch Zeit, seiner Frau zu Jazzmusik auf dem Sofa die Füsse zu massieren.

The Cosby Show, die von 1984 bis 1992 auf NBC lief, ist die am meisten gesehene Sendung mit schwarzer Besetzung im amerikanischen Fernsehen. Kaum eine Serie hat Afroamerikaner so darin beeinflusst, wie sie sich und die Welt sehen. Heathcliff Huxtable avancierte bald zum moralischen Vorbild für ganz Amerika. Trotz all der Grimassen und grausam gemusterten Pullover verkam der nette Dad und charmante Ehemann nie zum Clown, sondern blieb respektabel.

Aber der Schauspieler hinter diesem moralischen Vorbild steht wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Etwa 60 Frauen haben in den vergangenen Jahren Missbrauchsvorwürfe gegen den Entertainer erhoben, ein Fall wird nun verhandelt. Noch berät die Jury über das Urteil.

Und, wie immer wenn ein Künstler sich schlecht benimmt, stellt sich die Frage: Darf man sein Werk trotzdem noch gut finden?

Als Privatperson demontiert; und als Künstler?

Es ist ein Dilemma, vor dem man immer wieder steht – bei Woody Allen, bei Roman Polanski, zuletzt bei Casey Affleck. Bei Cosby steht ausser Frage, dass er mehrere Frauen mit Betäubungsmittel gefügig gemacht hat. Das hat er bereits unter Eid zugegeben. Und darum noch einmal die Frage: Darf man die Show, in der Bill Cosby einen Gynäkologen spielt, der seine Patientinnen im Keller seines Wohnhauses trifft und seiner Frau verstohlene Küsschen im Wohnzimmer zuhaucht, noch guten Gewissens ansehen?

Anders gefragt: Hat Bill Cosby mit seinen privaten Verfehlungen auch sein künstlerisches Werk zerstört? Als die Vorwürfe gegen den Entertainer aufkamen, nahmen mehrere Fernsehstationen seine Sendungen immerhin aus dem Programm.

Bill Cosby ist schliesslich nicht irgendein Comedian. Er sieht sich selbst als moralische Instanz. Der inzwischen 79-jährige promovierte Pädagoge verfasste Erziehungsratgeber, sorgte sich um schwarze Jugendliche und deren mangelnde Ausbildung und spendete Millionen Dollar an amerikanische Unis. Vielleicht hat es deshalb auch so lange gedauert, bis die Vorwürfe gegen Cosby endgültig verfingen. Weil sich nicht nur seine Opfer, sondern auch die Öffentlichkeit schwer vorstellen konnten, dass ausgerechnet America's Dad zu solchen Taten fähig sein kann.

Als Comedian, der live auftritt, hat sich Bill Cosby selbst demontiert. Als jemand, der in Stand-Up-Comedy-Programmen Witze macht, ist Cosby völlig er selbst. Und diskreditiert. Selbst wenn die Geschworenen ihn freisprechen, Cosbys Integrität ist vorerst dahin.

Völlig alltägliche Probleme

Aber, und das ist das Entscheidende: The Bill Cosby Show verliert dadurch nicht an Wert. Man darf es sich nicht zu einfach machen. Es ist anspruchsvoller geworden, die Cosby Show anzuschauen. Weil man die Kunst vom Künstler trennen muss. Weil «The Bill Cosby Show» für die amerikanische Gesellschaft viel zu bedeutend ist. Sie bricht schliesslich unter anderem sehr unangestrengt mit dem Klischee, dass das Leben von Schwarzen nicht nur von Drogen, Kriminalität und Armut gekennzeichnet ist, sondern ganz normal und bürgerlich verlaufen kann. Die Huxtables plagen alltägliche Probleme, etwa, wann Vanessa sich schminken darf (mit 15), woher der Joint aus Theos Schulbuch kommt (von seinem Freund natürlich) oder welches College Denise besuchen soll (Hillman!). The Cosby Show ist, wie es die New York Times formuliert, «eine bemerkenswerte Sendung über die Kraft des Unauffälligen».

Auch und vor allem deshalb, weil die Hautfarbe der Huxtables quasi nie ein Thema in der Show ist. «Ein Grund, warum die Figuren nie über Rassenprobleme streiten, ist der, dass alle Hauptfiguren Afro-Amerikaner sind», zitiert die New York Times Kelefa Sanneh vom New Yorker. Und dass sie aus einer schwarzen Selbstgenügsamkeit heraus ihre Probleme alleine lösen könnten. Mark Anthony Neal, Professor für afroamerikanische Studien an der Duke University in Philadelphia meint: «Cosby ging mit Rassenfragen ziemlich genau so um wie der erste schwarze Präsident Barack Obama es tut – Bilder schwarzer Seriosität für sich sprechen zu lassen.»

Die Afroamerikanische First Family

Ähnlich selbstverständlich, und fast revolutionär für die Zeit als die Sendung lief, ist die Aufgabenteilung zwischen den beiden Eltern. Cliff Huxtable hat seine Arztpraxis gleich im Keller des Wohnhauses, damit er sich zwischen seinen Patientinnen auch um Kinder und Haushalt kümmern kann. Seine Frau pendelt in ihre Anwaltskanzlei nach Manhattan. Auch diese Rollenverteilung wird nicht gross thematisiert. Bei den Huxtables ist das einfach so. Und das in einer Zeit, in der auf anderen Sendern die Glamour-Seifenopern «Dallas» oder «Falcon Crest» ein völlig anderes Bild der amerikanischen Gesellschaft zeichneten. Die Sendung wurde «als soziales Gut angesehen und Menschen mit egal welchem Hintergrund und welcher Hautfarbe konnten sich mit dieser Familie identifizieren», sagt TV-Kritiker James Poniewozik. Ein Berater von George W. Bush bezeichnete die Cosbys einmal als «afroamerikanische First Family in einer anderen Form».

Allein die Figur der Claire Huxtable ist revolutionär. Man muss sich nur die eine Szene ansehen, in der sich ihr künftiger Schwiegersohn Elvin darüber wundert, dass Frau Huxtable ihrem Ehemann eine Tasse Kaffee bringen will. Er dachte, sie mache sowas nicht, ihrem Mann «dienen». Was folgt, ist ein unvergleichlicher, feministischer Wutausbruch, der nicht nur Elvin sprachlos zurücklässt. In einer anderen Szene – Mutter und Tochter kommen vom Töpferkurs zurück – sagt Denise zu ihrer Mutter, als deren schiefe Vase auf dem Wohnzimmertisch steht: «Mum, du bist in so vielen Dingen hervorragend. Es tut einfach nur gut zu sehen, dass dir auch einmal etwas nicht gelingt.»

Ohne Cosby hätte es Obama nicht gegeben

Wäre es nicht unverschämt, über die Leistung Phylicia Rashads als Claire Huxtable hinwegzugehen, indem man die ganze Sendung wegen der Anklage gegen einen der Protagonisten ignoriert? Würde man nicht auch Regisseuren, Autoren und der übrigen Crew Unrecht tun, die Verfehlungen Cosbys über all ihr Tun zu stellen?

Ohne die Cosby Show hätte es andere schwarze Sitcoms wie «Der Prinz von Bel Air» oder «Alle unter einem Dach» vermutlich nie gegeben. Manche meinen sogar, ohne Bill Cosby hätte es Barack Obama nie als erster schwarzer Präsident ins Weisse Haus geschafft. Die Huxtables sind der Inbegriff von Integrität – und sollten das auch bleiben. Der Name der Serie ist - dem Namensgeber entrissen – längst zum Symbol geworden. Nicht umsonst wollten die Produzenten von Eine schrecklich nette Familie mit der Trash-Crew um Al Bundy ihre Serie ursprünglich «Not the Cosbys» nennen. Auch wenn The Bill Cosby Show nach ihm benannt ist: Sie ist mehr als Bill Cosby.

Erstellt: 20.06.2017, 13:47 Uhr

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