Das Bier und wir

Die Schweiz trinkt weniger Alkohol. Zugleich wird das Bier beliebter. Was ist da passiert? Ein Erklärungsversuch mit Cédric Wermuth, Jimmy Carter und Rammstein.

Ob ihm dieses Bier den Distinktionsgewinn bringt? Urbane Trinker.

Ob ihm dieses Bier den Distinktionsgewinn bringt? Urbane Trinker. Bild: iStock

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«Vater von N. und L., Partner von A., Nationalrat, Ständeratskandidat, Kommunikationsberater, Biertrinker, Genossenschaftsbewohner.»

So der Selbstbeschrieb von Cédric Wermuth auf Twitter. Der SP-Politiker arbeitet in einer Zürcher Werbeagentur und hat gerade eine Wahlkampagne nach amerikanischem Muster aufgezogen. Man darf also davon ausgehen, dass der Mann kein Wort dem Zufall überlässt. Warum «Biertrinker»? Weil der Biertrinker nie einen besseren Ruf hatte als heute, nie auf breitere Akzeptanz stiess. Er gilt nicht mehr als der peinliche Verlierer à la Herr Lehmann, der hinter dem Tresen verhockt. Sondern als guter Typ, der sich auch mal locker machen kann.

Diese Woche vermeldete der Schweizer Brauerei-Verband, es werde hierzulande wieder mehr Bier getrunken, während der Alkoholkonsum insgesamt zurückgeht. Die Gründe dafür seien das Wetter, die Beliebtheit alkoholfreier Biere – und das Craft Beer. Jenes Bier, das gewöhnlich in kleinen Brauereien abseits grosser Industrie und bewährter Rezepte hergestellt wird. Auch dieser Trend schwappte einst über den grossen Teich. Das Craft Beer hatte von Anfang an eine linke Note: Es war der demokratische Präsident Jimmy Carter, der die grosse Heimbrauerei lancierte, indem er zu Hause Gebrautes von der Steuer befreite.

Die Rechte andererseits pflegte immer schon den ungezwungenen Griff zum Bierhenkel. Für sie ist das Bier das traditionelle Kulturgut schlechthin. Ein Konservativer, dem das Bier nicht schmeckt, ist ein Skandal.

Ironisierte Gemütlichkeit

Mit dem Craft Beer wurde das Bier nun auch im linksurbanen Milieu eines Cédric Wermuth zum Statussymbol, unter Frauen wie Männern. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, selbstverständlich, dass sein Konsum das Arbeitsleben nicht weiter beeinträchtigt. Das geniesserisch geschlürfte «Kreativbier» stellt da keine Gefahr dar – im Gegensatz zum manischen Koks, gammeligen Gras und abgefahrenen LSD-Microdosing. Und dem Wein haftet der Ruf eines Besserwisser-Getränks an. «Önologie», das verspricht vor allem Naserümpfen und Spitzfindigkeit.

Die zweitwichtigste Prämisse ist die gepflegte Distinktion. Die ist auch in der Schweiz mittlerweile spielend zu bekommen; die Anzahl Schweizer Brauereien schnellte in der Schweiz in den letzten 25 Jahren von 30 auf weit über 1000. Amateurhaftes Selbermachen und Drüber-Reden ironisieren zudem die Gemütlichkeit, der Bierernst des Reinheitsgebots weicht dem frivolen Do it yourself.

Aufs Bier können sich heute alle einigen. Wie singen die Romantikmetaller von Rammstein und die Hedonisten der Elektroband Deichkind in ihrem neuen, gemeinsamen Song «Tausend Jahre Bier»? «Mönche und Ritter und Marketing-Cracks, das nächste Jahrtausend auf ex.»

Erstellt: 28.11.2019, 17:19 Uhr

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