Das falsche Misstrauen

Kommt eine gewaltige Mehrheit in der aufgeklärten Wissenschaft zu einem Befund, ist es nur vernünftig, ihr zu glauben.

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Wenn er skeptisch bleibe gegenüber der Wissenschaft – verhalte er sich dann nicht wissenschaftlicher als die Wissenschaft selbst, die sich einig ist? So Roger Köppel sinngemäss.

Diese Suggestivfrage ist die rhetorische Lanze, mit der Köppel in der Klima-Debatte sticht und stichelt. Mit ihr verteidigt er eine prekär gewordene Position der SVP: Dass der aktuelle Klimawandel nicht erwiesenermassen menschengemacht sei, wir ergo nichts tun müssten. Dass es sich bei den Warnungen der Greta Thunberg um Äusserungen einer kuriosen Apokalyptikerin handle.

Knutti ärgert sich

Bereits die zwischen 1991 und 2011 entstandenen akademischen Klimastudien gingen zu über 95 Prozent davon aus, dass die aktuelle Erderwärmung überwiegend menschengemacht ist. Über 20'000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben jüngst allein im deutschsprachigen Raum eine Stellungnahme zur Unterstützung der Klimaaktivisten unterschrieben. Eine Stellungnahme, die vom ETH-Professor Reto Knutti mitorganisiert wurde.

Knutti über Köppel: «Der Mann verbreitet lange widerlegte Mythen und versteht grundlegende Zusammenhänge nicht. Dass sich zum Beispiel das Klima früher auch geändert hat, ist unbestritten – aber ohne Diskussion der Gründe irrelevant.» Die heutigen Veränderungen vollzögen sich extrem schnell, sagt Knutti, der Mensch sei hauptverantwortlich. «Wir haben es in der Hand, das Problem zu lösen. Eine Kombination von CO2-Emissions-Vermeidung und Anpassung an die Veränderungen kommt uns viel günstiger, als jetzt à la Köppel abzuwarten – und später für all das zahlen zu müssen, was noch schiefgehen wird.»

Hohe Wahrscheinlichkeit muss reichen

Doch was wäre, würde man Köppels Skepsis zu Ende denken? Nun, lebten wir alle im köppelschen Misstrauen, gingen wir bald zugrunde, würden irr an unserer Dauerskepsis.

Denn ohne ein Grundvertrauen in die aufgeklärte Wissenschaft und ihre Expertise ist ein modernes Leben nicht lebbar. Ganz selbstverständlich begnügen wir uns tagtäglich mit sehr hohen Wahrscheinlichkeiten: Wir vertrauen darauf, dass der Zug nach den Grundsätzen der Ingenieurskunst gebaut wurde und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht entgleist. Dass unsere Medikamente getestet wurden und bisher unbekannte Nebenwirkungen sehr unwahrscheinlich sind. Dass uns die Nahrungsmittel aus dem Supermarkt mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht umbringen. Und so weiter.

Ein Anfall von Hybris

Bei neusten Erkenntnissen oder Kommentaren einzelner Forscher ist Skepsis angebracht. Köppels Versuch hingegen, als studierter Philosoph einen langjährigen, vielgeprüften Konsens der Klimawissenschaft im Alleingang beseitigen zu wollen, ist letztlich ein Anfall von Hybris.

Kommt hinzu, dass bei einer gewaltigen Bedrohung wie dem Klimawandel ein Handeln bereits dann sinnvoll wird, wenn die Folgen nicht zu 100 Prozent absehbar sind. Zum Vergleich: Der Asteroid Bennu wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:2700 auf die Erde treffen, am nähesten kommt er unserem Planeten im Jahr 2135. Ein Einschlag ist also noch sehr weit weg und sowieso sehr, sehr unwahrscheinlich. Dennoch beschäftigt sich die Nasa bereits mit der Frage, wie Bennu im Ernstfall abzuwehren wäre.

Ganz anders die Klimakrise. Sie ist weit realistischer, drängender. Wer heute aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz noch Misstrauen und Untätigkeit kultiviert, handelt fahrlässig. Köppel ist der wahre Apokalyptiker im Klima-Umzug.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.03.2019, 11:50 Uhr

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