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Das Fernsehen kann es besser

Intensive Recherche allein ergibt noch kein gutes Buch. Bob Woodward zeigt das mit «Furcht».

Woodward dokumentiert das Chaos im Weissen Haus – mehr nicht. Foto: Getty Images
Woodward dokumentiert das Chaos im Weissen Haus – mehr nicht. Foto: Getty Images

Dass das Buch ein Bestseller würde, war keine sehr riskante Prophezeiung. Das garantierten schon zwei Namen: Watergate-Aufdecker Bob Woodward als Autor und US-Präsident Donald Trump als Objekt der Beobachtung. Tatsächlich wurde Woodwards Insiderbericht «Furcht – Trump im Weissen Haus» in der ersten Woche in den USA 1,1 Millionen Mal verkauft. Nun liegt die ­deutsche Ausgabe vor, und wieder sind die Feuilletons voll des Lobes, unter anderem in dieser Zeitung.

Verständlich sind die Hymnen ebenso wenig wie das Buch selbst.

Mehr als 500 Seiten lang bombardiert Woodward seine Leser mit Namen und Zitaten. Wer nicht ständig die Medienkonferenzen des Weissen Hauses verfolgt, verliert da schnell den Überblick. Wer war noch mal Rob Porter? Und warum taucht dieser Porter erst ab und hundert Seiten später wieder auf?

Zweifel werden nicht thematisiert

So geht es beim Lesen mit den ­meisten Personen, die im Buch ­vorkommen: Man hat ihre Namen schon mal gehört, aber man kennt weder ihre Funktion noch ihre ­Bedeutung im komplizierten Machtgeflecht von Washington D.C. Der Autor bietet da keine Hilfe. Er lässt seine Leser im Stich.

Woodwards Buch besteht hauptsächlich aus Dialogen, bei denen er selbst nicht dabei war. Er bekam sie von anderen geschildert, vermutlich in erster Linie von Trumps ehemaligem Berater Steve Bannon. Konnte sich Bannon aber wirklich an jeden Satz erinnern, der vor zwei Jahren in einem Hinterzimmer gefallen war? Woodward hätte die Zweifel zumindest thematisieren müssen. Offenbar hätte das aus seiner Sicht jedoch nicht zum Mythos des weltbesten Investigativjournalisten gepasst.

Kein aufklärerisches Werk

Manchmal sind die von Woodward wiedergegebenen Dialoge zwischen Trump und seinem Team abartig skurril, manchmal beängstigend. Aber sie ergeben weder ein komplexes Bild der Machtmechanismen im Weissen Haus, noch offenbaren sie Neues über die Persönlichkeit des Präsidenten. Woodward erklärt nichts und ordnet nichts ein. Und dort, wo er nicht zitiert, schreibt er bemerkenswert schlicht.

Bei der Abschlussveranstaltung der Frankfurter Buchmesse wurde geklagt, dass Bücher heute kein Gesprächsthema mehr seien. Diese Funktion hätten TV-Serien übernommen. Zu Recht, möchte man hinzufügen.

Kein Buch konnte Anfang der 2000er-Jahre so gut die Macht und Ohnmacht im Weissen Haus erklären wie die preisgekrönte Serie «The West Wing» von Aaron Sorkin. Woodwards Buch mag sich millionenfach verkaufen, einen Beitrag zur Aufklärung leistet es nicht. Es ist höchste Zeit für eine TV-Serie über Trump.

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