Das geht ja gar nicht!

Kulturredaktoren sind Experten. Sie wissen, was gut und wertvoll ist. Hier ist ihre unvollständige Liste von Dingen, die man meiden und vermeiden sollte.

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Es gibt in jeder Szene Codes. Also diese kleinen, feinen Zeichen, anhand deren Eingeweihte erkennen, ob jemand dazugehört oder nicht. Es sind Kleinigkeiten, die den Eingeweihten vom Banausen trennen, aber die Trennung ist hart und grausam. Das ist natürlich ein wenig snobistisch. Aber wir vom Kultur & Gesellschafts-Ressort nehmen uns da gar nicht aus. Und listen hier schonungslos auf, wann wir innerlich die Nase rümpfen. Wir heissen die Attitüde nicht gut, aber es passiert sozusagen mit uns. Und mit Ihnen auch, dort, wo Sie vom Fach sind, seien Sie ehrlich.


Mode

Gar nicht geht: die Marke Michael Kors. Sie sagen damit, dass Sie zu wenig Geld haben für wirklich grosse Designer. Was nicht schlimm ist. Schlimm ist, dass Sie den Anschein erwecken wollen, welches zu haben. Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt:

H&M, Mango und Zara doof zu finden. Wer über Günstigmodenanbieter schnödet und meint, ein Label oder ein hoher Preis stünden automatisch für gute Qualität oder ebensolches Design, entlarvt sich umgehend als komplett ahnungslos. Der Profi entscheidet mit dem Auge, nicht aufgrund eines Etiketts. Und niemals würde er sichtbare Logos tragen.

Trends mitmachen. Dürfen Sie nur, wenn Sie diese ein Jahr vor der Masse erkennen. Ansonsten erkennen die, die was davon verstehen – und deshalb längst schon wieder was anderes tragen –, dass Sie hinterherhinken. Ich bin gerne mit einem konkreten Beispiel behilflich: zerrissene Jeans. Die trägt man seit zwei Jahren nicht mehr. Eigentlich.

Originelle Socken? Wer Stil hat, hält sich von Lustigem fern. Foto: iStock

Sich ein Markenzeichen zulegen oder auch: lustige Brillen, Socken, Strähnen. Lustig ist das Synonym für peinlich. Nicht, dass die Mode humorlos wäre. Aber es gilt die Regel: Je wissender, desto weniger sieht man nach Aufwand aus. Kurios, ich weiss, aber ich habe die Regel nicht gemacht. Bettina Weber


Kunst

Gar nicht gehen Rothko-Drucke (also nicht Ausstellungsplakate, die sind okay, sondern: Nachdrucke). Weil, wer wirklich drauskommt, in Originale von unbekannten Newcomern investiert, nicht in Nachdrucke.

Nein, Kunst ist kein Deko-Element. Ein Van Gogh gehört nicht auf die Kaffeetasse. Foto: retroplanet.com

Regenschirm/Handyhülle/Tasse mit Van-Gogh-Druck.Weil Kunst schlicht kein Dekoelement ist, ich muss doch sehr bitten.

An Vernissagen die Kunst anschauen. Weil schliesslich jeder weiss, dass man da nur hingeht, um zu networken. Für die Kunst geht man nachher noch einmal hin. Oder, wenn man voll dabei ist, hat man sie schon vor der Vernissage gesehen, weil einen nämlich der Galerist während des Ausstellungsaufbaus durch die Ausstellung geführt hat. Paulina Szczesniak


Pop

Gar nicht geht: Kopien bewundern – denn das Original ist immer besser. Tom Jones hatte mit «Kiss» einen Hit, aber das Original von Prince hat trotzdem mehr Sex. Jakob Dylan coverte «Heroes» so gut, dass die jüngere Generation ihn schon für einen tollen Songwriter hält, aber falsch: «Heroes» ist von David Bowie, und natürlich ist dessen Version aus dem Jahr 1977 viel, viel besser. Das kann auch gar nicht anders sein, denn in der Popmusik gilt: Wers erfunden hat, kanns auch besser. Denn er hat die Inspiration. Und derjenige, der einen Song nur performt, hat immer einen Makel: Kommerz.

Original gleich Inspiration: Prince’ «Kiss» ist stets vorzuziehen. Foto: AP, Keystone

Das Saxofonsolo. In den Siebzigern durfte es nicht fehlen: Ob Supertramp oder der damals angesagte Jazzrock, das Saxofon machte den Sound erst so richtig voll. Und signalisierte die lässige Coolness des Jazz. Bis halt jede sirupsüsse Fusionpopgruppe ein Saxofonsolo im Programm hatte und man es bald nicht mehr hören konnte. Seither ist das Saxofon outer als out, ja ein richtiges Tabu. Und hat es bis heute nicht geschafft, sich zu rehabilitieren.

Sich an die Bühne herandrängen.Das verstehen Fans gar nicht: Den Stars will man doch möglichst nahe sein. Nein, eben gerade nicht. Wer sich als Kenner der Materie zu erkennen geben und von kreischenden Teenies abheben will, hält sich dezent im Hintergrund. Nur da nämlich kann man sich in aller Ruhe auf das Eigentliche, den Sound, konzentrieren. Und – hübscher Neben­effekt – ein Bier trinken, ohne dass man es verschüttet. Christian Hubschmid


Klassik

Geht immer noch nicht: Applaudieren. Nein, Sie dürfen in Konzerten nach wie vor nicht an der falschen Stelle klatschen, da mag der erste Satz einer Sinfonie noch so applausheischend enden. Aber aufgepasst: Es könnte sein, dass die historisch informierte Aufführungs­praxis irgendwann vom Konzertpodium ins Publikum übergreift. Dann werden plötzlich jene falschliegen, die nach einem ersten Satz mucksmäuschenstill sitzen bleiben.

Wer an der falschen Stelle applaudiert, gibt sich als Banause zu erkennen. Foto: Doris Fanconi

Aufpassen müssen Sie bei Buhs: Eine Oper gefällt Ihnen nicht? Buhen Sie, laut und wütend, man darf das dort. Im Konzert dagegen wird nicht gebuht. Dort klatscht man höchstens ein bisschen matter.

Heikle Pausengespräche: Schwärmen Sie nur von Werken, die Sie wirklich kennen! Das Klassikrepertoire hat seine Tücken, nicht alle Komponisten waren so universell begabt wie der Wolferl Mozart. Wer Chopins Violinkonzert lobt oder bedauert, dass die Bruckner-Opern so selten aufgeführt werden, erntet noch eisigere Blicke als die Falsch-Klatscher.

Crossover: Selbstverständlich dürfen Sie Mozarts Alla-turca-Sätze mögen, auch den jazzigen Barock des Ensembles L’Arpeggiata. Aber sagen Sie nie, das sei Crossover! Crossover ist böse, plump und wirklich nur für Banausen. Guten Crossover bezeichnet man als interstilistisches Experiment.

Für Starinterpreten schwärmen: Klar, mit manchen Namen liegt man nie falsch. Aber wahre Connaisseurs bekennen sich zu jenen Interpreten, die nicht in jedem Wunschkonzert auftauchen: Carlos Kleiber statt Karajan, Renata ­Tebaldi statt Callas, Jussi Björling statt Luciano Pavarotti. Wobei Pavarottis Ruf wegen seiner Crossover-Eskapaden so gelitten hat, dass eine Hymne auf seine frühen Aufnahmen schon wieder chic sein kann. Susanne Kübler


Kulinarik

Gar nicht geht: sich mit Jamón Ibérico zufriedengeben, also dem luftgetrockneten, gesalzenen Schinken aus Spanien, den Geniesser vor 20 Jahren entdeckten. Der echte Gourmet achtet darauf, dass die Spezialität Jamón Ibérico de Bellota genannt wird – nur dann ist er sicher, dass die entsprechenden Säuli einer Eichelmast unterzogen wurden. Und dass die hauchdünnen Tranchen von Hand geschnitten sein sollten, ja, das versteht sich von selbst.

Der richtige Schinken muss es sein: Jamón Ibérico de Bellota. Foto: PD

Prosecco als Apérogetränk.Zwar ist es verständlich, dass man sich den teils sauteuren Champagner nicht jeden Tag leisten will, doch sich die edle Brioche-Aromatik, die halt nur bei der traditionellen zweiten Gärung in der Flasche entsteht, deshalb entgehen lassen? Der Kenner bestellt zumindest spanischen Cava oder französischen Crémant.

Das Brötchen mit dem Messer halbieren. Das Semmeli wird von Hand zerteilt, bevor man die (selbstverständlich gesalzene) Butter draufgibt. Daniel Böniger


Interior

Als Banause erweist sich, wer betont auf Vorhänge und Teppiche verzichtet. Das ist nicht cool. Es zeugt vielmehr von Biederkeit.

Völlig out: die Farbe Vanillegelb.Sie ist nur vermeintlich elegant. Dasselbe gilt für weisse oder hellbeige Ledersofas – die machen aus keiner Wohnung eine Great-Gatsby-Mansion, sondern wirken wie aus dem Möbelkatalog.

Eames-Esszimmerstühle sind zu beliebt, um noch cool zu sein. Foto: PD

Eames-Esszimmerstühle. Das sind formschöne Designstücke, ja, ja, aber mittlerweile sind sie so verbreitet, dass es mit dem Coolness-Faktor nicht mehr weit her ist.

Der urbane Alpine Chic. Hörner in der Dekoschale, Jagdtrophäen neben dem Fernseher oder Arvenmöbel und Kuhfelle in der Grossstadtloft strahlen nicht Gemütlichkeit aus. Sondern sagen: Möchtegern. Marianne Kohler

Erstellt: 04.08.2016, 18:50 Uhr

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