Das hässliche Facebook

Güzin Kar hat da eine Idee. Mark Zuckerberg, aufgepasst!

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Jemand sollte ein Social-Media-Portal für Pessimisten gründen. Für Leute, die weder mit ihren Erfolgen noch mit ihren neusten Selfies prahlen, sondern – immerhin! – erhobenen Hauptes dem sicheren Tod entgegengehen. Für all jene, die vor sich hinleben, ohne Ansporn, sich vor dem Ende zu drücken, ohne Ambition nach Erlangen von Unsterblichkeit in Form eines behaupteten Ideallebens, das sich durch die Bewunderung der anderen speist.

Wir auf dem hässlichen Facebook knipsten Fotos von uns, die zu sagen scheinen: «Schaut, ich bin meinem Ende schon wieder einen Tag näher. Und auch diesen einen Tag verbrachte ich nicht so, als wäre es mein letzter, sondern so wie alle anderen davor zwischen Computer, Kühlschrank und dem ungelebten Leben, nach dem ich mich sehne. Ich habe auch den heutigen Tag weitgehend verträumt, nicht ohne mir Vorwürfe zu machen. Stumme Vorwürfe, da ich weiss, dass ich selbst durch energisch vorgetragene Vorhaltungen nicht besser, schöner, schneller, vitaler werde.» Während die Menschen auf dem schönen Facebook ihre Ferienbilder, Geburtstagstorten und Schmollmünder präsentieren und sich gegenseitig ihrer Besonderheit versichern, würden wir auf dem hässlichen vor uns hinmurren. Wir würden unsere «schon wieder ein Kilo mehr am Bauch»-Bilder vorsetzen, Bilder, die nicht dieses unsichtbare, aber dauerpräsente «Dann werde ich halt Plus-Size-Model»-Wasserzeichen tragen, sondern die «Ich finde mich gerade nicht so toll»-Prägung, aber ohne die Fusszeile, die nach lauter Gegenrede verlangt. Wir würden uns nicht gegenseitig gönnerhaft trösten, indem wir uns mit «Bella!» oder «Supersexy» anbellten, sondern würden schreiben: «Ja, das eine Kilo sitzt echt an der falschen Stelle. Ist es wirklich nur ein Kilo?»

Indem wir Dinge aussprächen und -schrieben, die man üblicherweise schadenfreudig im Stillen denkt, würde uns bewusst, dass ein Kilo Fett niemals diese Macht über unser Dasein hätte erlangen dürfen. Fett, Falten, ausbleibende Erfolge und Mangelernährung. Wir würden offen darüber schreiben, und alle zuckten mit den Schultern. Nein, wir würden einander nicht absichtlich beleidigen oder kleinmachen. Diese Attitüde ist nach wie vor die dunkle Seite des schönen Facebook, wo vordergründig alle fröhlich miteinander im digitalen Pool planschen, aber in der Garderobe übereinander herziehen. Wir beim hässlichen Facebook lägen alle etwas träge im wohltemperierten Wasser und lebten die freundliche Gleichgültigkeit. Wir bräuchten Emoticons für «weiss halt auch nicht», für «gut möglich» oder für «von mir aus». Dann und wann lachten wir über uns und über andere. Es wäre keine Abrissbirne von einem Lachen, das Bäume und Gesellschaften umstürzt, sondern eines, das man wieder vergisst.

Wir auf dem hässlichen Facebook hätten keine Spruchtafeln, die uns ermahnen, an Tempo und Intensität zuzulegen, da wir morgen schon unter einen Lastwagen kommen und alles vorbei sein könnte. Wir wüssten, dass dem nicht so ist. Die wenigsten Menschen kommen unter Lastwagen, da es schlicht zu wenige Lastwagen gibt, als dass jeder von uns unter einen kommen könnte. Aber selbst wenn es anders wäre, würde uns das drohende abrupte Ende unseres Daseins nicht viel mehr entlocken als ein «Hm-hm, jaja, schon klar». Wir auf dem hässlichen Facebook wüssten, dass die allermeisten von uns morgen genau so weiterleben wie heute, ohne jeglichen Fortschritt, den der Rest der Menschheit angeblich ständig macht. Und wir wären nicht unglücklich darüber.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2017, 13:22 Uhr

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