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«Das menschliche Gehirn ist bloss ein Stromkreis»

Informatikprofessor Luis von Ahn gilt als Genie. Im Interview spricht der 35-Jährige über sein neues Projekt Duolingo, die NSA und ob er seine Mails verschlüsselt.

Herr von Ahn, als was sehen Sie sich? Auf dem Papier bin ein Computerwissenschaftler. Aber ich sehe mich lieber als Problemlöser.

Manche sagen, Sie seien ein Genie – ein 35-jähriger Professor, der bereits verschiedene Firmen und Erfindungen lanciert hat. Was treibt Sie an? Am Anfang interessierten mich die technologischen Herausforderungen. Inzwischen ist es das gute Gefühl, etwas zu tun, das dem Allgemeinwohl dient.

Wieso dieser Wandel? Google hat meine Firma Recaptcha gekauft. Seither bin ich finanziell unabhängig – das macht es zugegeben einfacher, Gutes zu tun.

Ihr neustes Projekt ist Duolingo, die viel beachtete Sprachsoftware. Was wollen Sie damit erreichen? In erster Linie richtet sich das Programm an Leute, die sich keinen Sprachunterricht leisten können – also Menschen in der Dritten Welt. Spricht jemand Englisch, steigen seine Chancen auf ein besseres Leben. Das Revolutionäre an Duolingo ist aber etwas anderes: Unser Ziel ist es, neue Erkenntnisse in der Ausbildungsmethodik zu gewinnen. Wir teilen die User ohne deren Wissen in Gruppen ein. Den einen bringen wir zum Beispiel zuerst Pluralformen bei, die anderen starten mit Adjektiven. Anhand der Testresultate wissen wir danach, welche Lernstrategie effektiver ist. Solche Messungen im Bildungserwerb gab es bis anhin nicht. Das Spannende ist natürlich, dass die Methode nicht auf das Sprachenlernen begrenzt ist.

Ihr Berufskollege Jaron Lanier kritisiert in seinem kontroversen neuen Buch gerade diese heimliche Gratisarbeit der User. Er verlangt, dass man sie für die Bereitstellung solcher Daten entschädigt. Das mag für die grossen Internetkonzerne sinnvoll sein. Duolingo erhebt ausser der E-Mail-Adresse keine persönlichen Daten, die über Deals mit Werbekunden monetarisiert werden. Ausserdem ist die Übersetzungsarbeit freiwillig. Die User können zwischen reinen Sprachübungen und Übersetzungsarbeit wählen. Duolingo ist quasi wie das Lehrlingswesen in der Schweiz: Man leistet etwas für seine Ausbildung.

Duolingo hat bereits 20 Millionen User, Sie peilen 100 Millionen an. Machen Sie mit Duolingo Geld? Nein, es geht derzeit darum, das Programm bekannt zu machen. Natürlich wäre es einfach, die User zahlen zu lassen oder Werbung zu schalten. Doch wir wollen uns ausschliesslich mit den Übersetzungen finanzieren (siehe Kasten). Buzzfeed und CNN zählen bereits zu unseren Kunden.

Welche weiteren Einsatzgebiete sehen Sie für Ihre Methode? Ich könnte mir vorstellen, dass ein ähnliches System fürs Gesundheitswesen einen Gedanken wert wäre: eine Art Nothelferkurs für die eigene Gesundheit.

Die Ärzte wären wohl wenig begeistert. Dasselbe gilt für die Lehrer: Droht durch Ihre Software nicht ein Qualitätsrückgang in der Bildung? Man sollte kreative Software nicht gegen kreative Lehrer ausspielen. Duolingo ist als Ergänzung zum Unterricht gedacht. Ich teile die Meinung von Skeptikern nicht, wonach Technologie von oben, also vom Programmierer kontrolliert wird. Technologie, zumindest solche, die mich interessiert, ist keine Einbahnstrasse. Sie entwickelt sich durch den täglichen Gebrauch, im Zusammenspiel von Entwicklern und Usern.

Sie haben eine positive Sicht auf das Internet und neue Technologien. Wie stehen Sie zum NSA-Skandal? Ich war erstaunt, dass die Leute erstaunt waren. Die Geheimdienste haben Geld, aber im Vergleich zu den Serverkapazitäten sind die gesammelten Daten eher gering. Ich mag es natürlich nicht, wenn man mich ausspioniert. Aber mal ehrlich: Was kann man gegen die NSA tun?

Das Internet dezentralisieren? Das wird jetzt allenthalben vorgeschlagen, doch würde der internationale Handel empfindlich getroffen. Die grosse Aufgabe der Zukunft ist eine internationale Vereinheitlichung der Gesetze. Privatsphäre, Kinderschutz oder Exportkontrollen werden heute in jedem Land unterschiedlich gehandhabt. So bleibt Netzneutralität ein Wunschtraum. Wenn sich jemand wirklich Sorgen um die Freiheit macht, dann sollte er seine Kommunikation im Web verschlüsseln.

Tun Sie das? (lacht) Nein.

Wieso nicht? Sie sind doch einer der besten Verschlüsselungsexperten. Ich bin zu faul. Es ist nun mal so: Der grossen Mehrheit ist es egal, ob sie ausspioniert wird. Jedenfalls ist ihnen der kleine Aufwand, ihre Mail zu verschlüsseln, zu gross.

Glauben Sie, dass Computer uns in allen Arbeitsbereichen dereinst überlegen sein werden? Ja. Das menschliche Gehirn ist ein Stromkreis. Ein komplizierter zwar, aber letztlich nur ein Stromkreis. Irgendwann wird jemand einen solchen konstruieren, der besser funktioniert.

Macht das Ihnen Angst? Weil es unvermeidlich ist, neige ich zu Optimismus. Und die aktuellen Entwicklungen sind doch toll – in zehn Jahren werden wir etwa computergesteuerte Autos haben, sprich weniger Unfälle und weniger Tote. Die Frage ist, was wir Menschen in 100 Jahren zu tun haben.

Ja, was? Sieht man Computer als Sklaven, dann tun wir vielleicht dasselbe wie die alten Griechen: philosophieren und dichten.

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