Das neue Denken ist schnell und respektlos

Klimaaktivisten und Youtuber lösen gerade die alten Kommentatoren ab – sie sind viel weniger autoritär.

Der Youtuber Rezo – hier an einer Verleihung von Webvideo-Preisen – hat mit seinem Video «Die Zerstörung der CDU» die alte Debattenkultur gehörig umgekrempelt.

Der Youtuber Rezo – hier an einer Verleihung von Webvideo-Preisen – hat mit seinem Video «Die Zerstörung der CDU» die alte Debattenkultur gehörig umgekrempelt. Bild: Keystone

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Als nicht mehr ganz junger, im Taschenlexikon- und Kursbuch-Kosmos halbwegs sozialisierter Zeitgenosse fühlt man sich dieser Tage schnell verführt, in die Reihe der Götterdämmerungspropheten einzuscheren. Wenn etwa die kluge, intellektuell redliche und mit gelegentlich auch robust gesetzter Klarheit streitende Schriftstellerin Eva Menasse eine verzweifelte Leuchtrakete aus dem offenbar untergehenden Diskursparadies sendet, blickt man schon aus Sympathiegründen auf.

Das, was wir früher Diskurs und argumentative Auseinandersetzung nannten, sei heute, so Menasse, komplett zersplittert. Die Digitalisierung habe die gute alte Öffentlichkeit ausser Kraft gesetzt und in unzählige Einzelmeinungen zerschlagen, die kein sozialer Leim mehr kitten kann. «Wen wollen wir denn heute noch erreichen», fragt sie, «wenn wir in der Paulskirche sprechen, wenn wir in der NZZ und in der FAZ schreiben?» Die Antwort ist von beschämender Einfachheit: Es werden, ähnlich wie in früheren Jahren, die Paulskirchen-Gäste, die NZZ- und die FAZ-Leser erreicht, mit dem einzigen Unterschied, dass deren Zahl deutlich kleiner geworden ist.

Es ist schon eigenartig: Wir aus dem analogen Ei geschlüpften Kuckucks-Rufer glauben angesichts einer sich kräftig verändernden Öffentlichkeit allen Ernstes, wir hätten früher alle in einem grossen kulturellen Erfrischungsraum gesessen, in dem die einen den «Musikantenstadl» geguckt haben, während die anderen Habermas lasen. Auch wenn die einen mit den anderen nur flüchtig ins Gespräch kamen, habe ja immerhin das Feuilleton alle anwesenden «Zeitphänomene aufbewahrt».

Die alten Eliten sind angeschossen

So geht das Märchen von der alten Kultur- und Debattengesellschaft, in der selbst diejenigen, die für Kultur und Reden wenig übrig haben, ihren Platz beanspruchen dürfen, weil die Klugen ihnen einen Sitz in ihrem Diskurswagen reservieren. Die Verklärungsmodelle von Eva Menasse, die Internet-Aussteigefantasien von Jonathan Franzen und Zadie Smith ebenso wie die Meinungsmache-Kreischerei – all dies zeigt: Es ist viel passiert in den vergangenen, ja was eigentlich, Monaten, Wochen?

Fing es mit den Schülern an, die den Freitag zum Memorandum für das uneingelöste Versprechen erklärt haben, dass wir den Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen? Begann es mit ihnen oder erst mit der eigentlich schön altmodischen Standpauke des Youtube-Kommentators Rezo, der den deutschen Parteien ins Klassenbuch sprach, dass eine politische Agenda heute kompromisslos an der Wirklichkeit gemessen wird und nicht mehr an den hier oder dort formulierten Absichten?

Wie leicht einer mit einer flink gesprochenen Schnellanalyse die alten Eliten waidwund schiessen kann. Und wie bemitleidenswert sprachleer der Rückzugskampf derer ist, die dem Angreifer unterstellen, seine Analyse sei ohne diskursives Niveau. «Die Währung von Youtubern sind Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen», das stand ja allen Ernstes in einem elf Seiten umfassenden PDF, das als Antwort auf das Youtube-Video verstanden werden wollte.

Wahrgenommen wurde es eher als Abschiedsbrief einer Partei von ihrer argumentativen Streitkraft, deren kleine Diskurs-Wirtschaftslehre für die Tonne ist, denn das verloren gegangene Vertrauen, ja, die komplette Aushöhlung dieses und anderer Begriffe als politische Werbefloskel ist ja der Grund für den Einspruch Rezos. Den Satz wird man dereinst als groteskes Beispiel zur Hand nehmen, wenn man späteren Generationen im Geschichtsunterricht das spätdemokratische «Wir-haben-nix-verstanden» erläutern möchte.

Früher sagte man, wir hätten die Welt von unseren Kindern geliehen. Jetzt sind diese Kinder da, um diese Welt zu besichtigen.

Bereits jetzt kann man aber sagen: 2019 ist das Jahr der grossen argumentativen Überrumpelung. Die Diskursbequemlichkeiten sind von einer neuartigen Unruhe, einer neuen Dringlichkeit aufgequirlt worden. Vielleicht geht es künftig gar nicht mehr so sehr darum, auf raffiniert denkschusterhafte Art recht zu haben und seine Denkfiguren in ein von Publizisten und Soziologen mit Spannung verfolgtes Debatten-Derby zu schicken.

Die alten, wir alten Langsamschreiber, Langsamdenker und Langsamnörgler werden zusehends von einer jungen, in jedem Fall neuen Art des Schnellredens, Schnelldenkens sowie einer pointiert und auf gute Art respektlosen Kritik abgelöst. Im guten Sinne respektlos ist diese Kritik, weil sie das Vokabular der in die Defensive geratenen Politiker («unerträglich», «Meinungsmache») noch läppischer aussehen lässt, als es ohnehin schon ist.

Die Autorin Eva Menasse fragt sich, wen sie mit ihren Texten heute eigentlich noch erreicht. Foto: Keystone.

Es geht jetzt eben wirklich um etwas. Früher sagte man ja gerne, wir hätten die Welt von unseren Kindern geliehen. Jetzt sind diese Kinder da, um diese Welt zu besichtigen, und sie wollen wissen, was wir mit ihr angestellt haben. Es geht plötzlich um alles, dieses Alles wird in den Diskurs eingespeist, und was dabei entsteht, ist doch gar nicht das von den Altvordern verächtlich gemachte zusammenhanglose und bildungsferne Affektgerede, sondern eine vielfältige und spannende Diskurslandschaft und ein komplett neues Bildungsmodell.

Man kann sehr schön in Enis Macis Essayband «Eiscafé Europa» (Edition Suhrkamp) besichtigen, wie persönliche Erfahrungen mit Informationen aus dem Internet, mündlichen Überlieferungen, E-Mail-Korrespondenzen und Rückblicken auf Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes zu einem Gegenwartspanorama verschmelzen. Wo Eva Menasse nur die Splitter wahrnimmt, weiss Enis Maci, dass man Splitter auch neu zusammensetzen kann. Denn bei dieser tollen Autorin existiert eben alles nebeneinander, und dazu gehört auch der Rückgriff auf Wissen und Bildung, auf all das, was die Vergangenheit an Material für jetzt und später bereithält.

Es gibt bei den jetzt um die Zwanzigjährigen ein deutliches Generationenbewusstsein und die damit verbundene Ansicht, zu politischem Handeln verpflichtet zu sein. «‹Wir› sind auch die letzte Generation, die noch in der Lage sein wird, die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise abzuwenden.» Das schreibt Luisa Neubauer, die in Deutschland die «Fridays for Future»- Streiks organisiert, es spiegelt die Selbstgewissheit, mit deutlichen Protestnoten und einem gewissen Oppositionsstolz eine historische Relevanz zu bekommen.

Es wäre schön, wenn die alte Verblasenheit und Verächtlichkeit künftig eine kleinere Rolle spielte.

Das Schöne an der diskursiven Welt von Enis Maci, dem Pamphletismus von Luisa Neubauer, von jungen Youtubern und Influencern ist: Sie alle kommen fast immer ohne autoritäre Aufladung daher, sie sind unhierarchisch, weil sie Möglichkeiten der Wissensgewinnung und des Miteinanderredens abschöpfen. Ihnen fehlt der trübe Kulturpessimismus ebenso wie die arrogante Abmeierei von Politikern, die den demonstrierenden Jugendlichen hinter die Ohren schreiben wollte, sie sollten das Reden über den Klimaschutz lieber den Profis überlassen, zu denen sie sich offensichtlich zählen.

Es wäre schön, wenn diese alte Verblasenheit und Verächtlichkeit, der Paternalismus und die Meinungshoheit-Selbstgerechtigkeit, die lange unser Verständnis von öffentlichem Diskurs mitbestimmt haben, wenn all dies künftig eine kleinere Rolle spielte. Das Schmerzhafte und Schöne an den alten Gewissheiten ist, dass sie nun allmählich dahinsinken. Sie tun dies nicht zugunsten neuer Gewissheiten, sondern zugunsten von Versuchsanordnungen, mit denen sich eine andere Ordnung finden könnte. Es nützt ja nichts, ständig dräuend über das Internet zu lamentieren, die Datenfülle zu beklagen und den Verlust der heimeligen alten Diskursgemütlichkeit anzuzeigen.

Den Jungen fehlt die Resignation

Es mag ein bisschen melancholisch stimmen, aber es ist wohl so: Die alten Ideen sind plötzlich keine richtig guten Ideen mehr. Was wiegt heute noch die sozialdemokratische Idee gegen die Idee, das Klima zu retten? Was sind eine politische Partei und deren über Jahrzehnte behauptete «Kernanliegen» gegen die Parteinahme für einen konkreten Zukunftswunsch, nämlich den, in einer Welt leben zu dürfen, die nicht von überquellenden Flüssen weggeschwemmt und von unvorstellbaren Orkanen fortgefegt wird?

Es ist ja nicht so, dass die neuen, jungen Autoren, die Blogger und Youtube-Kommentatoren zu erfreulicheren Befunden kommen als die alten. Im Gegenteil deuten die Alarmstufen, die sie zünden, deutlich über das hinaus, was sich in der Politik als ein etwas zerquältes «Wir haben verstanden» hinstellt. Was ihnen, den Jungen, fehlt, weil sie wissen, dass sie lähmend, selbstgefällig und ohne weitere diskursive Folgen bleibt, ist die Resignation, mit der die Kassandren und Neo-Spenglers vom Katheder der Paulskirche ihre Jeremiaden versenden und hoffen, dass sie noch, wie Eva Menasse meint, «diskursiv aufbewahrt» werden.

Netzdiskurse sind volatil, das stimmt. Es gibt noch keine wirkliche Vergangenheit im Netz. Irgendwann ist unsere alte vertraute Welt des Denkens und Redens von einer anderen abgelöst worden. Wann genau fand der Übergang statt, in dem die Welt eine andere wurde und die «alten Methoden zur Herstellung von Wirklichkeit ausgeschlichen wurden»? Das schreibt Enis Maci, und sie weiss, dass gerade in den neuen Diskurswelten Sorgfalt vonnöten ist; dass jemand da sein sollte, der das, was dort beschrieben und besprochen wird, mit welcher Technik auch immer aufbewahrt und für später dokumentiert.

Luisa Neubauer (links) demonstriert im März in Berlin neben Greta Thunberg an einer «Fridays for Future»-Kundgebung. Foto: Keystone.

Man könnte bei der Gelegenheit in der Betriebsanleitung der Kulturgeschichte blättern und gucken, wann es die letzten grossen Ölwechsel bei den Diskursen gegeben hat. Die 68er werden gerne als Referenzgrösse herangezogen, ihnen ging es darum, den rauen Sound der Väter mit einer differenzierten, alle Lebensbereiche einschliessenden neuen Sensibilität zu übertönen. Mit den Vätern reden, sie in ihr Projekt reinholen, wie man heute sagen würde, das wollten die 68er allerdings, im Gegensatz zu den «Fridays for Future»-Kindern von heute, eher nicht.

Allgemein wird der Verlust der Öffentlichkeit immer dann angezeigt, wenn die Öffentlichkeit nicht mehr ausschliesslich die Zeitungen liest und den Reden in der Paulskirche lauscht, sondern selber redet, schreibt und diskutiert. Eva Menasse fragt in ihrer Rede, wo die «digitalen Wasserstellen» der sogenannten digital natives seien, wo sie sich «in Zukunft verständigen würden über ihre Anliegen, ihre Prioritäten, über das, was als Nächstes zu tun sei, also über ihre Erwartungen an die Politik».

Merkwürdig, eigentlich müsste die Frage doch lauten, wer ausser den digital natives wird denn in Zukunft noch eine wirkmächtige Form der Verständigung und einen unmittelbaren Zugewinn an Informationen bekommen? In den Blogs von «Fridays for Future» bildet sich die politische Opposition in allen Mitteilungsformen ab, vom statistischen und analysierenden Text bis hin zum politischen Manifest. Die Sorge, die alle tragen, ist vielleicht eher die um die analogen Wasserstellen, von denen die meisten von uns immer noch gut und gerne leben.

Erstellt: 15.07.2019, 13:09 Uhr

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